Thomas Bernhard und Wien: eine Versöhnung

Die Entropie kennt keine Grenzen. Um nicht die Orientierung zu verlieren, bringt ntropy.de euch relevante Kultur frei Haus. Nachdem unsere österreichische Gastautorin “Utecita” bereits über die neuesten Entwicklungen in der Wiener Dubstep-Szene berichtete und die Ausstellung “Coca-Colonized” in der Wiener Brotkunsthalle kritisch betrachtete, widmet sie sich nun dem in seinem Heimatland lange verschmähten Autor Thomas Bernhard. Eine Versöhnung?


Die Galerie Westlicht widmet Thomas Bernhard, der diese Tage 80 Jahre alt geworden wäre, eine umfangreiche Retrospektive. So könnte man beginnen – oder auch: Wien widmet Thomas Bernhard, der diese Tage 80 Jahre alt geworden wäre, die Wiener Bühnen, Ausstellungshäuser, Kultursendungen und die Anerkennung, die er bis 10 Jahre nach seinem Tod nur im Ausland erfahren durfte. Eine ehrliche Versöhnung mit dem wohl größten österreichischen Literaten der Nachkriegszeit oder die österreichische Unart der totalen Vermarktung des kulturellen Erbes?

Thomas Bernhard und Wien: eine Versöhnung

Natürlich, Bernhard hatte nach seinem Tod ein Spielverbot seiner Stücke in Österreich verhängt, das 1999, 10 Jahre nach seinem Tod, für nichtig erklärt wurde. Das ist der eine Grund, warum man auf den Bühnen so lange nichts von ihm gesehen hat. Der andere Grund ist wohl, dass nach dem Skandal um Heldenplatz –  das Stück um eine jüdische Familie, die ihre Wohnung am geschichtsträchtigen Wiener Heldenplatz (vom Kaiser in wohl weiser Voraussicht des Endes der 800jährigen habsburgischen Regentschaft als letzter Atemzug der Machtdemonstration erbaut, von Hitler als ebensolcher Platz benutzt, heute beliebter Kodak View Point des alten Wiens und Vorgarten der Präsidentenloge) räumen muss, und sich dabei an die vorangegangene Räumung Anno 1938 erinnert -  wohl viele Menschen froh waren, dass der „Nestbeschmutzer“  Bernhard mit seinem Tod auch von den großen Bühnen Wiens verschwunden war.  Absurderweise steht „Heldenplatz“ im Moment an Wiens konservativster Bühne, dem Theater in der Josefstadt, auf dem Spielplan.

Man mochte Bernhard nicht, weil er in seinem literarischem Werk bis zu seinem Tod 1988 quasi Vergangenheitsbewältigung betrieb, und die Gründungslegende der 2. Republik, wir wären Opfer des Nationalsozialismus gewesen, unentwegt und auf sehr unterhaltsame Weise in Frage stellte. Diese Vergangenheitsbewältigung nahm in Österreich erst 1986 mit dem Skandal um das Vergessen der SS- Vergangenheit des damaligen Präsidenten Waldheim seinen offiziellen, aber doch schleppenden Beginn.

Thomas Bernhard und Wien: eine Versöhnung

Aktuelle Bernhard Inszenierungen an der Burg sind wenige Stunden nach Vorverkaufsöffnung restlos ausverkauft, die Kultursendungen werden Bernhard-orientiert befüllt, und im Staatsfernsehen wird stundenlang in einem Format über Bernhard sinniert, das sich augenblicklich mit dem politischen Phänomen Berlusconi auseinandersetzt. Es werden Neuauflagen rausgedroschen und bisher nicht veröffentlichte Manuskripte publiziert, Kulturschaffende outen sich, in Bernhard verliebt gewesen zu sein und loben seinen Humor und sein wunderbares, menschliches Wesen. Man kann Fotoausstellungen um Thomas Bernhard besuchen (Die Fotografie ist das größte Unglück des 20. Jahrhunderts (aus: Auslöschung)), und das Bernhard Haus  in Ohlsdorf erfreut sich an einem noch nie dagewesenen Besucherstrom: Bernhard sells, Wien ist bernhardisiert. Nicht, dass es mich nicht freuen würde, ganz im Gegenteil: Gert Voss unter Peymann’s Regie an der Burg, das gab‘s viel zu selten zu sehen in den letzten Jahren. Und dass ich nicht schnell genug klicken kann, um eine Karte zu kaufen, macht auch nichts, ich schau’s mir gerne in ein paar Monaten an.

Aber verstörend ist es schon, was gerade passiert, vor allem weil es österreichischer Usus in der Kulturlandschaft zu sein scheint: die Wiener Aktionisten, inklusive Günter Brus und Otto Mühl, mussten jahrelang gemieden werden, bis sie, Jahrzehnte später, angesichts ihrer internationalen Relevanz auch in Österreich in den kulturgeschichtlichen Olymp erhoben wurden. Ihre „Uniferkeleien“ wurden strafrechtlich verfolgt, Mühl wurde nach dem Scheitern seines Kommunenprojekts am Friedrichshof zu Recht, und unter Genugtuung der österreichischen Medienlandschaft zu einer Haftstrafe verurteilt. Der Wiener Aktionismus ist heute ein fixer Bestandteil der internationalen Kunstlandschaft der Nachkriegszeit, und wird dem entsprechend in Österreich Jahrzehnte später gefeiert. Das Leopold Museum widmete Otto Mühl vergangenes Jahr eine umfangreiche Einzelausstellung.

Thomas Bernhard und Wien: eine Versöhnung

Ähnlich ergeht es nun auch Thomas Bernhard, den eine Hassliebe zum Staat Österreich verband – Wenn man die Schönheit dieses Landes mit der Gemeinheit dieses Staates verrechnet, kommt man auf Selbstmord (aus: Gehen) – die, unter anderem,  auch auf diesem Mechanismus basiert, der zur Zeit zum Tragen kommt: wohl der urösterreichischen Unart der posthumen Vermarktung des kulturellen Erbes. Bleibt zu hoffen, dass sich langsam ein Bewusstsein um das Schaffen der Zeitgenossen entwickelt. Oder auch nicht, denn dann fehlt wohl eine nicht unwichtige Triebfeder für die zeitgenössische österreichische Literatur.


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