Martyn – The next Step

Nachdem auf ntropy mit Mala und Loefah bereits zwei Gründungsväter des Dubstep interviewt wurden, können wir euch heute ein weiteres Gespräch mit einem der einflussreichsten DJs und Produzenten der Dubstep und Bassmusic Szene präsentieren. Im Rahmen einer Lecture der Red Bull Music Academy öffnete das Robert Johnson seine Pforten für eine Bass Music Night mit Martyn & Appleblim.

Martyn über neue Projekte, sein Selbstverständnis als Künstler, DJ-ing in Deutschland, das Produzieren und die Angst vor dem neuen Album sowie Gedanken zur Katastrophe in Japan.

Martyn – The next Step

Foto: Shaun Bloodworth @ Elasticartists

Schon während der Lecture wird klar, dass sich Martyn in keine Schublade stecken lassen will, es auch gar nicht kann. Zu komplex sind die Verstrickungen moderner elektronischer Clubmusik, zu vielschichtig die Einflüsse und Prägungen in Martyns Sound, als das ein spezifisches Genre hier Anwendung finden könnte. Martyn selbst gibt an, sich mehr am Tempo der Tracks zu orientieren als an Genrebegriffen. Im Gespräch mit dem Musikjournalisten Gerd Janson führt uns Martyn während der Lecture durch seine musikalische Sozialisation und legt Soundbeispiele auf.

Martyn – The next Step

Artwork: Erosie

Angefangen hat es für den gebürtigen Holländer mit House und Techno Partys in seinem Geburtsort Eindhoven. Im dortigen Club “De Effenaar” begann Martyn schon in jungen Jahren mit DJ-ing, fühlte sich dieser Szene jedoch nie richtig zugehörig. Dies begann sich mit dem Aufkommen von Drum and Bass Mitte der 1990er Jahre zu verändern. Mit einer großen Erfahrung als DJ begann Martijn Deykers, wie Martyn bürgerlich heißt, mit dem Produzieren eigener Tracks. Immer auf der Suche nach neuer Musik, ist Martyn fasziniert von Londoner Underground-Künstlern wie Kode9, Burial und den Digital Mystikz. Mittlerweile in Rotterdam ansässig, gründete er 2007 gemeinsam mit dem befreundeten Künstler Erosie das Label 3024, benannt nach der Postleitzahl von Rotterdam. Hier erscheint auch Martyns Debut-Album “Great Length”. Der Sound des bahnbrechenden Albums situiert sich dementsprechend in einem Spannungsfeld zwischen House, Techno, Drum&Bass und Dubstep.

Nach der Lecture treffen wir einen gut gelaunten Martyn auf dem Balkon des Robert Johnson mit Blick auf den Main:

automat: Du wirkst sehr relaxed!

Martyn: Ich hab schon ein paar solcher Lectures gemacht. Die Themen sind zwar immer verschieden, doch an die Situation habe ich mich gewöhnt, weshalb ich nicht mehr so gestresst bin. Es macht sogar richtig Spaß. Morgen gebe ich eine weitere Lecture in Sardinien, davor war ich in Lissabon, London und den USA. Ich komme viel herum zurzeit.

automat: Das Robert Johnson ist ein kleiner Club, der in der hiesigen Szene aber ziemlich bekannt  ist. Hast du davon gehört?

Martyn: Ich habe hier 2005 sogar einmal Drum and Bass aufgelegt und erinnere mich noch daran, dass es richtig gut war. Am Ende der Nacht standen wir alle auf diesem Balkon und haben gefeiert, bis es wieder hell über dem Hafen und dem Wasser wurde. Ich liebe das! Generell gefällt es mir richtig gut in Deutschland zu spielen. Manchmal bin  ich in dem Münchner Club Rote Sonne. Es ist ein sehr kleiner, cooler Club. Auch in der Panorama-Bar (Berghain) spiele ich gerne. Es gibt in Deutschland einfach viele gute Orte zum Feiern, was an der lockeren Regelung bezüglich der Öffnungszeiten und der Offenheit der Menschen liegt.

automat: Wo wir gerade über Berlin reden: Du hast einen Track  produziert, der Friedrichstrasse heißt (Hörbeispiel oben). Was hat dich dazu inspiriert?

Martyn: Ich laufe sehr oft mit einem Rekorder herum und nehme Geräusche auf, zum Beispiel in der Berliner U- und S-Bahn. Ich stieß auf eines der Samples, das ich in der Friedrichstrasse aufgenommen hatte und dachte, dass es ein gutes Sample sei. Berlin ist einfach ein guter Einfluss. Die Clubs sind genial, die Fans sind cool und ich kenne viele Leute dort. Es gibt sehr viele Holländer in Berlin, die auch produzieren und auflegen, wie zum Beispiel 2562 und  Steffi (Check it!).

automat: Du hast mal in einem Interview gesagt, dass du beim Produzieren „Tranquility“ oder sogar Melancholie bräuchtest. Wie schaffst du es, bei all dem Stress noch so ein Gefühl zu bekommen bzw. wie ist das aktuell?

Martyn: Die letzten fünf Monate war ich nicht so viel als DJ unterwegs und konnte ein bisschen mehr Zeit im Studio verbringen. Jetzt habe ich eine Menge neue Musik gemacht und deswegen wird es wieder Zeit aufzulegen. Ich werde diesen Sommer übrigens auch erstmals ein Live-Set spielen. So kann ich meine eigene Musik mal in einer anderen Art und Weise präsentieren. Beim DJ-ing geht es für mich primär um den Vibe. Oft genug vergesse ich dabei, meine eigene Musik aufzulegen und spiele das Zeug von anderen. Wenn ich einen Track fertig produziert habe, vergesse ich ihn normalerweise auch wieder ziemlich schnell und wende mich neuen Dingen zu. Das ist der Grund, weshalb ich so Lust darauf habe, ein Live-Ding zu machen. Hier kann ich nur meine eigene Musik benutzen und diese eine Stunde am Stück präsentieren, was ich bisher noch nie getan habe.

automat: Dann kannst du auch alte Tunes von dir wiederentdecken…

Martyn: Ja genau! Ich kann alte Teile eines Tracks nehmen, ein anderes Tempo benutzen, andere Beats zu den Melodien basteln, etwas live remixen und so weiter. Ich habe viel zuhause daran gearbeitet und es macht einfach unglaublichen Spaß. Meine Musik enthält sehr viel “Sound”, also viele Melodien, Basslines und Beats. Sie ist nicht minimal und deswegen habe ich sehr viel Material, um damit zu arbeiten. Ich habe Sessions gemacht, ohne zu merken wie schnell die Zeit vergeht. 3, 4 Stunden muss ich jetzt versuchen in eine Stunde zu pressen, damit es für die anderen richtig spannend und interessant wird. Das ist mein aktuellstes Projekt! Das erste Liveset spiele ich im Juni in Graz und dann ein Paar in Belgien und England. Ende des Sommers komme ich damit auch nach Deutschland.

automat: Du hast gerade gesagt, dass du viele neue Tracks gemacht hast. Kommt dein zweites Album bald raus?

Martyn: Ja!  Ich bin komplett fertig mit den Tracks und das neue Album kommt im August.  Mal schauen was die Leute darüber denken werden. Es ist sehr beängstigend. Bei meinem ersten Album war ich einfach nur glücklich, so viele Tracks zusammen zu kriegen. Es war einfach schön, ein ganzes Album herauszubringen und es ist alles gut gelaufen. Diesmal ist es ein komplett anderes Feeling. Ich habe oft mit dem zweiten Album angefangen und auch oft wieder damit aufgehört… Man muss sich einfach die Zeit nehmen, schätze ich. Ich hasse es zu warten, darin bin ich wirklich schlecht. Ich will immer, dass alles sehr schnell geht.

Foto: Shaun Bloodworth @ Elasticartists
Foto: Shaun Bloodworth @ Elasticartists

Phire: Wird das Album auf deinem eigenen Label released?

Martyn: Nein, es kommt auf dem Brainfeeder Label von Flying Lotus. Wenn meine Musik von mehr Menschen wahrgenommen werden soll, dann muss ich den nächsten Schritt gehen. Und für mich ist Brainfeeder ein guter Schritt, weil eine Menge Leute die mich nicht kennen, Brainfeeder oder Flying Lotus kennen und ich so mehr Leute erreichen kann. Es hat diesmal einfach gut gepasst. Vielleicht mache ich das dritte Album wieder auf einem anderen Label. Auf jeden Fall macht es auch mal Spaß, für jemand anderen zu arbeiten. Bei meinem ersten Album habe ich mich selbst kritisiert und jetzt sind es andere Leute die sich das anhören und dann sagen ja oder nein. Es ist wirklich ganz anders, aber interessant.

automat: Hat sich dein Stil sehr verändert seit dem letzten Album?

Martyn: Auf dem ersten Album gab es mehr Variationen, wie zum Beispiel bei der Geschwindigkeit. Manches war 140, eines aber auch 115. Dieses Mal ist alles so um die 125 – 130 BpM. Manche Sachen sind richtig straight four-to-the-floor und manche eher so in die Break Richtung. Ihr dürft gespannt sein. Jetzt versuche ich, mich erst mal wieder auf andere Dinge zu konzentrieren bis das Release kommt.

automat: Viele Leute wolle eine Geschichte erzählen, wenn sie ein Set spielen. Hast du ein bestimmtes Ziel oder Programm, das du den Leuten nahe bringen willst.

Martyn: Gerade die letzten Monate habe ich viel alten Chicago-House gespielt, weil ich denke, dass es hat sehr viel mit der aktuellen Musik zu tun hat. In vielen Instrumentals hört man einen starken Chicago Einfluss. Wenn man sich “Juke” anhört, ist es die perfekte Kombination von Chicago und Bassmusic. Es ist interessant zu hören, was die Leute aktuell daraus machen. Ich mag nicht alles, aber einige habe richtig gutes Zeug an den Start gebracht, wie zum Beispiel Joy Orbison.

Phire: Wie bereitest du dich auf ein Set vor. Hast du eine vorstrukturierte Auswahl von Tracks oder machst du das spontan?

Martyn: Ich mache eigentlich alles sehr spontan. Ich arbeite schon viel an meinen Sets, aber vor allem zuhause und nicht, wenn ich auf Tour bin. Ich höre mir viel Musik an, wähle potentielle Tracks aus und mixe  auch viel just for fun. Aber wenn ich im Club auflege, dann fange ich mit nichts an und lasse es sich entwickeln. Manchmal ist es super und manchmal weniger gut, aber ich finde das gut so.

automat: In der Lecture eben hast du gesagt, dass du eigentlich nicht mehr über Styles reden willst. Diese ganzen Hybridstile machen es fast unmöglich, heutzutage noch über Musikgenres zu reden. Die Leute erfinden ständig neue Namen wie Post Step, „Blub Step“ (in der Lecture angesprochen) oder Tribal Step. Es gibt da eine Verbindung zu geisteswissenschaftlichen Konzepten, wie das der Postmoderne. Machst du dir über so etwas Gedanken? Bedeutet dir das etwas?

Martyn: Nein! Ich konzentriere mich viel mehr auf die Kunst Musik zu machen, als auf die Theorie dahinter. Das war auch etwas, was ich während der Lecture deutlich machen wollte.

Artwork: Erosie

Als Journalist näherst du dich den Dingen auf eine theoretischere Art und Weise. Du redest über Musik und musst eine Theorie aufbauen um deinen Lesern zu erklären, was du denkst und worüber du sprichst. Ich will aber auf der anderen Seite sein. Ich will die Dinge anders angehen. Mehr auf die Art eines Künstlers. Auf diese Weise muss ich mir keine einengenden Gedanken um Konzepte, Genres oder Stile machen. Ich sitze wie ein Maler vor einer weißen Leinwand und habe alle Möglichkeiten. Diesen Zustand sollte man unbedingt beibehalten, denn wenn man einmal anfängt, nur noch “theoretisch” zu denken, dann wird deine Musik auch dementsprechend klingen. Ich mache die Musik und jemand anderes soll darüber schreiben.

Phire: Was für ein Programm benutzt du denn zum Produzieren?

Martyn: Normalerweise Logic.

Phire: Bei vielen solcher Programme ist man dazu gezwungen, bereits im Vorfeld die Geschwindigkeit anzugeben. Empfindest du das als einschränkend?

Martyn: Nicht wirklich. Wenn du eine weiße Leinwand hast, um bei dieser Metapher zu bleiben, gibt es ebenfalls bestimmte Rahmenbedingungen, wie zum Beispiel die Größe der Leinwand. Du bist nie total frei und rennst mit einer umgehängten Bongotrommel aufs Feld, um deine ganz eigene Musik zu produzieren. Ein paar Grenzen zu haben ist okay. Es kommt darauf an, was du innerhalb deiner Möglichkeiten, innerhalb dieser Grenzen schaffst. Meine Musik ist ja beispielsweise auch komplett elektronisch.

Phire: Hast du beim Produzieren eine bestimmte Vorgehensweise? Fängst du eher mit einem Beat an oder Melodien? Ich habe den Eindruck, dass die Melodien in deiner Musik eine primäre Rolle spielen…

Martyn: Wie ich bereits sagte, benutze ich viel eigene Audio-Aufnahmen. Ich laufe draußen herum und gehe zu bestimmten Orten. Was beim produzieren für mich wirklich funktioniert ist, wenn ich dann diese Aufnahmen später in meinem Studio durchgehe und mich zurück erinnere, wie ich mich zu dem Zeitpunkt gefühlt haben, ob es warm war oder ich müde war und so weiter. Ich assoziiere sehr viel mit diesen Sounds. Von diesem Punkt gehe ich aus und dann entwickelt sich der Track. Es ist also nicht so, dass ich in einer bestimmten Stimmung bin und dann sage: “Jetzt mache ich mal eine traurige Nummer”.

automat: Du hast viel mit Kode9 zusammengearbeitet. Er ist doch eigentlich ein Beispiel für einen Typus  von Musiker der nicht nur produziert, sondern auch viel darüber nachdenkt.

Martyn: Ja, das stimmt. Ich rede mit ihm aber nicht viel über Theorie. Ich glaube er hat zwei relativ getrennte Leben. Er ist Kode9 als Musiker und er ist ebenfalls Steve Goodman als Wissenschaftler und hält das getrennt. Manchmal überschreitet er diese Trennung in Interviews. Wenn man mit ihm zusammenarbeitet ist er aber wirklich eher so wie ich: sehr künstlerisch und kein Theoretiker.

automat: Du hast mit Kode9 einen exclusive Mix für Japan gemacht. Auf deinem Twitter Account hast du deine Anteilnahme für die Menschen in Japan bekundet. Kennst du dort viele Menschen?

Martyn: Wir haben beide mit dem Label Beatink gearbeitet. Die kümmern sich um die Distribution für Hyperdub, Warp, Ninja Tune und anderen guten Labels im asiatischen Raum. Dadurch kennen wir einige Leute dort. Letztes Jahr war ich zusammen mit Kode9 auf Tour  in Japan und es ist einfach ein wahnsinnig schönes Land. Ich liebe Japan wirklich sehr; übrigens auch das Essen. Die Japaner sind besondere Menschen. Es ist interessant, wie gefasst die Leute dort auf die Katastrophe reagieren. Sie wollen dem Rest der Welt beweisen, wie stark sie sind und dass sie mit ihren Problemen besser umgehen können als andere. Und ich glaube, das stimmt auch. Wenn du die Bilder von Leuten in Notunterkünften anschaust, die ihre Häuser verloren haben, ist es sehr erstaunlich wie ruhig und organisiert alle bleiben. Keiner schreit und randaliert oder verliert die Fassung. Wahnsinn! In Amerika, Deutschland oder Frankreich würden sich die Menschen wohl anders verhalten. Es ist faszinierend, wie diese Kultur funktioniert. Es gibt diese organisierte, ruhige Seite und andererseits gibt es eine total verrückte, over-the-top Seite. Der Tag ist strukturiert von 9 bis 23:00 und danach wird gefeiert…

Text: automat


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