Tagebuchbloggen: Die Blutdruckmanschette und ich.

Weil meine Familie väterlicherseits bis auf eine Ausnahme an stummem Herzinfarkt verstorben ist, nimmt mich die beste Hausärztin der Welt nun unter die Lupe, die Ärztin übrigens, die auch Probleme mit meiner Schilddrüse entdeckt hat. Schilddrüsenentzündungen veruarsachen Symptome wie eine Depression, so dass ich als erstes einmal fröhlich den besten Psychiater der Welt aufgesucht habe. Sollte unsere seit Jahrzehnten währende Beziehung ein jähes Ende finden?

„Und wissen Sie – vielleicht bin ich gar nicht depressiv!“ Jubelnd sitze ich vor seinem Schreibtisch.

Der beste Psychiater der Welt nickt fröhlich zurück und gibt mir einen Termin in acht Wochen. Um zu gucken, ob die Schilddrüsenmedikamente wirklich anschlagen. Wir werden also weitersehen.

Die Lupe der Ärztin besteht in diesem Fall aus einer Blutdruckmanschette, die 24 Stunden meine treue Begleiterin ist. 24 Stunden, in denen ich auf einem großen rosa Zettel notieren soll, was ich so mache. Ich bin selbst erstaunt, wie aktiv ich bin:

9 Uhr: Radfahren, bergauf! Die Manschette brummt! Ich soll dann immer den Arm ganz gerade halten. Ich bin froh, dass es nicht der rechte Arm ist.

9.30 Uhr: Endlich Kaffee!

10 Uhr: Rechnen üben mit dem Riesensohn, der wegen Quarantäne zu Hause geblieben ist. Die Blutdruckmanschette brummt alle 15 Minuten.

10.30 Uhr: Rechnen.

11 Uhr: Los ins Seminar! Fahrrad fahren zur S-Bahn.  Manchmal brummt die Manschette auch zweimal innerhalb von fünf Minuten, Messfehler!

11.30 Uhr: Umsteigen und erfahren, dass die nächste S-Bahn ausfällt. Frieren bei minus 8 Grad. Herumlaufen auf dem Bahnsteig, vermummt bis zu den Wimpern, den frierenden Laptop fest an mich gepresst.

12 Uhr: S-Bahn fahren. Ankommen. Laufen zum Seminar. Fünf Minuten zu spät kommen.

12.30 Uhr: Seminar

13 Uhr: Seminar

13.30 Uhr: Seminar-Pause! Kakao aus dem Automaten ziehen!

14 Uhr: Seminar. Ich erkläre, wieso ich brumme.

14.30 Uhr: Seminar.

15 Uhr: Laufen zur S-Bahn. Mini-Meditation in der S-Bahn: Ich atme ein und ich atme aus. Ich glaube, ich bin eingeschlafen. Nimm das, Blutdruck!

15.30 Uhr: Umsteigen. Frieren. Arbeiten in der S-Bahn mit geradem Arm.

16 Uhr: Ankommen. Einkaufen. Zum Fahrrad laufen.

16.30 Uhr: Mit dem Fahrrad den Berg hinauf fahren. Einarmig.

17 Uhr: Mittagessen. Salat. Den gesunden Effekt mit Schokoherzen und Kaffee vernichten. „Mama! Du brummst!“

17.30 Uhr: Hausaufgabenermutigung: „Ich kann das sowieso nicht.“ – „Natürlich kannst du das.“ – „Nein!“ – „Doch!“ Das Lachen über mein miesepetriges Brummgesicht erheitert den Rechenverweigerer. Es hat also wohl doch sein Gutes.

18 Uhr: Hausaufgabenermutigung. Mit Lachen.

18.30 Uhr: Kopfrechnen üben. „Mama! Arm gerade!“

19 Uhr: Abendbrot. Ich will nicht mehr. Mein Arm tut weh, weil er alle 15 Minuten und mehr zusammengequetscht wird.

19.30 Uhr: Ich locke die Zwillinge mit einem Trick nach oben: „Wer zuerst oben ist, darf den Film aussuchen!“ Ich gewinne und suche „Klara“ aus, einen schönen Mädchenfilm mit vielen Pferden.

20 Uhr: Die Zwillinge sind immer noch nicht im Bett. Sie albern im Badezimmer herum. Ich verhänge die schlimmste Strafe ever: Heute kein Film. Ich wende mich dem Riesensohn zu, der immer noch an den Hausaufgaben laboriert. Mein Arm weint.

20.30 Uhr: Wir machen dem Trauerspiel ein Ende. Er beschließt, Abendbrot zu essen. Ich gehe ins Bett. Ich schaue bei Sohni vorbei, der friedlich Harry Potter hört und bei Maxe, der schmollt. Eigentlich ist er dran, auf Papas Bettseite zu nächtigen, aber das Schmollen kommt ihm in die Quere. „Willst du nicht doch?“, frage ich ihn. Er dreht sich wortlos um. Ich wanke in mein Bett. Ein Stimmchen ruft in einer Tonlage, die versichert, dass es sich nur mir zu Liebe in Papas Bett quält: „Na gut!“ Maxe zieht um. Ich tippe an meinem Blogartikel. Mit gestrecktem Arm.

21 Uhr: Ich beobachte fasziniert die Blog-Statistik. Der Riesensohn kommt vorbei, um mir meinen Gute-Nacht-Kuss zu geben. Ich ringe ihm das Versprechen ab, jetzt ins Bett zu gehen. Umrahmt vom dem Brummen der Blutdruckmanschette versuche ich einzuschlafen.

21.30 Uhr: Die Blutdruckmanschette brummt.

22 Uhr: s. 21.30 Uhr.

1.30 Uhr: Hallo wach! Ich bereite mich auf das baldige Aufstehen vor und stelle entzückt fest, dass ich weiterschlafen darf. Das ist schwierig …

2 Uhr: s. 21.30 Uhr.

6 Uhr: Der ansonsten beste Ehemann von allen ruft an. „Hallo, Hase! Bist du schon wach?“ Mara Solanum brummt.

6.10 Uhr: Der Wecker brummt. Mara brummt.

6.20 Uhr: Alle brummen.

6.30 Uhr: Ich ergebe mich in mein Schicksal, stehe auf und bereite das Frühstück vor. Brummend.

7 Uhr: Frühstück. Gähnend.

7.15 Uhr: Die Zwillinge verschwinden im Dunkel der Nacht und erreichen hoffentlich noch den Schulbus. Der Riesensohn erscheint.

7.30 Uhr: Der Riesensohn frühstückt.

7.50 Uhr: Ich reisse mir unter den entsetzten Augen des Riesensohnes die Blutdruckmanschette vom Arm und brumme fröhnlich. Der Riesensohn fängt eine Diskussion über Ad*lf H*tl*r an. Wir kleiden uns für die Grönlandexpedition und radeln zur besten Ärztin der Welt.

8.30 Uhr: Ich liege schlaff auf dem Sofa. Angeblich schnarche ich sogar, berichtet mir der Riesensohn später, als er mir eine Wärmflasche unter die Fußsohlen legt.

Und jetzt bin ich gespannt, was meine Blutdruckauswertung zu meinem Tagesablauf sagt.


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