Stolperstein

Ab und an – meist bei der Hausarbeit – denke ich über alte Zeiten nach.
OK, ich geb`s ja zu: “Nachdenken” ist da ein bisschen arg hoch gegriffen; vielmehr gebe ich mich der Erinnerung hin. Lächele, schmunzele, fiebere mit. Erinnere mich einfach an dies und das. Und stolpere dabei immer wieder über Dich.

In der Grundschule war ich – zugegeben – ein wenig in Dich verguckt. Nicht lange, aber na ja, Du warst halt da.
Bis mich Deine blöde Schwester verdroschen hat, ich weiß gar nicht mehr, warum.
Und dass ich wesentlich jünger war, hat die Bitch auch nicht weiter gestört. Die hatte mich aufs Korn genommen und irgendwann war es vorbei und ist jetzt nichts weiter als eine Fußnote in meiner Geschichte.

Wir trafen uns wieder, Du und ich. Mehrere Male sogar. Als ich in dieser einen Clique war und Du dazugekommen bis. Eines Tages, einfach so, irgendwann. Und dann wieder nicht mehr.

Im Jugendtreff von der Kirche aus. Da warst Du so megacool und Deine Freunde noch mehr. In einen war ich verliebt. Ich schätze, er hat es nie gewusst.

Und Du? Du warst immer eine nette Möglichkeit, eine Alternative, für wenn es mal gar nichts anders gibt. Aber richtig in Dich verliebt war ich nie. Irgendetwas fehlte immer und heute bin ich froh darum.

Erste ernsthafte Beziehung. Hat lange gehalten, dann nicht mehr. Du warst sein bester Kumpel. Hast mich danach mit dem Arsch nicht mehr angeguckt und glaub mir, das war OK so! So und nicht anders hat es zu sein. Loyalität nennt man das.

Du warst genau so loyal, als wir Mädels mit dem einen Typen da ein Problem hatten …

Aus den Augen, nie aus dem hinteren Sinn. Paar Jahre später, als Du mit der und der zusammen warst, dann wieder nicht. In dem und dem Freundeskreis. Wir haben es nie wieder in den selben geschafft, aber wir haben uns verstanden.
Hier und da begegnet, auf Feiern, Partys, Events. Zugenickt, wenn es die Stimmung ergab geplaudert. Völlig ohne jeden Zwang, jedes Muss. So war das.

Dein lachendes Gesicht auf WKW und so. Vernetzt, verlinkt, den kenn ich doch!
So freundlich und so gut.
Und so verrückt, echt bekloppt, wir haben den Laden gerockt!

Weißt Du noch, das eine Schützenfest?
Die Nacht war golden.

Und jetzt häng ich hier und stolpere über Dich. Immer und immer wieder. Du bist schon seit ein paar Jahren tot und es ergibt noch immer keinen Sinn. Nur wenig älter als ich. Hast Deine junge Frau zurückgelassen und Deinen 6 Monate alten Sohn. Und ich weiß nicht einmal, warum.

Lächerlich, oder?
Aber schau, na ja, ich kann doch schlecht durch Urheimat marschieren und fragen: “Na, woran isser denn nu gestorben?”

Du hattest keine Krankheit, kein Leiden. Hast einfach gerne ab und an Party gemacht und auch mal einen über den Durst getrunken. Aber nicht so, wie diese Komasauf-Kids. Einfach nur … ein bisschen Party machen.
Das Rauchen hattest Du spät begonnen und früh aufgegeben.
Du kamst einfach von der Geburtstagsparty eines Freundes, bist eingeschlafen und nie wieder aufgewacht.
Und als ich davon erfuhr, warst Du schon 8 Wochen tot.

Ich weiß nicht, ob ich in diesen acht Wochen an Dich gedacht hatte.
Vermutlich nicht.

Bist einfach so weggestorben und das macht verdammt nochmal keinen Sinn!

Und immer wieder stolpere ich über Dich. In meinen Gedanken und Erinnerungen, denn dort bist Du lebendig.
Weißt Du noch dies und das?
Oder das und dies?
Wie es dem und dem jetzt wohl gerade geht?
Was die und der wohl jetzt gerade machen?
Oh.

Stimmt ja.

Ganz vergessen.

Wie kann meine Welt sein, ohne dass Du irgendwo im Hintergrund herumspukst?

Du warst einer von den Guten und ich kann nicht glauben, dass es Dich nicht mehr gibt. Ich kann`s einfach nicht.

Nur ein paar Jahre älter als ich, kein Alter zum sterben. Kein Unfall, kein gar nichts, einfach weg.

Das ergibt doch keinen Sinn, also lass den Scheiß! Kom schon, steh wieder auf und lass uns was starten!

… rufe ich einem schon so lange vergrabenen Körper zu.
Weil es nicht sein kann, nicht sein kann, nicht sein kann!

Wir verlieren uns, wenn ich wieder über Dich stolpere. Aber sobald ich es vergessen habe, bist Du für mich wieder lebendig.


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