Selig – eine Liebeserklärung!

Damals, 1994, wurde der Band die angebliche Antiquiertheit ihres Sounds vorgeworfen, tat man sie als ewige Hippies ab. Gleichzeitig hagelte es jedoch Häme ob ihrer, ebenfalls angeblichen, Anbiederung an die in den USA gerade abflauende Grunge-Welle. Wie man es dreht und wendet: Selig zählten nie zu den Kritikerlieblingen. Umso mehr zielte ihre Musik auf die Herzen der Fans ab – und wenngleich sie vermeintlich wenig von der Verkopftheit der so genannten „Hamburger Schule“-Bands wie Blumfeld, Die Sterne oder (den späteren) Tocotronic hatten, die in etwa um dieselbe Zeit ihre ersten Indie-Erfolge feierten, so versteckten sich doch einige Klugheiten in den lässig herunter gerockten Selig-Songs.

Ich erinnere mich an die Freitagabende 1994/95, als das Duo Stermann & Grissemann im Salon Helga (damals noch auf Radio Ö3) neben heute vergessenen Kult-Bands wie Die Nuts (Irgendwas fehlt immer, Aus einer heiligen Stadt) auch Seligs Wenn ich wollte auf und ab spielte. Dass zu jener Zeit bereits deren bis heute wohl größter Hit Ohne dich im Musik-TV auf und ab gespielt wurde, war mir mangels Kabelanschluss nicht bewusst, weshalb ich mir das selbstbetitelte Debüt-Album mit der richtigen Erwartung besorgte: eine gute Stunde härterer, deutschsprachiger Rockmusik. Titel wie Sie hat geschrien, Die Besten, Ja und vor allem die psychedelisch mehr als nur angehauchten High (Nomen est omen!) und Frei konnten mich von Anfang an begeistern – und klingen heute noch genau so frisch: Ersetze Antiquiertheit durch Zeitlosigkeit!

Bereits im Mai 1995, nur 16 Monate nach dem ersten Album, erschien der Nachfolger Hier. Es war das erste Mal, dass ich von einer neuen Platte über Inserate in verschiedenen Zeitschriften erfuhr: „Selig haben eine neue Platte“, war zu lesen, „und die ist sehr, sehr geil.“ Davon war kein Wort übertrieben: Hier stellt bis heute eine Markierung in meiner musikalischen Biographie dar, und das Album findet sich dementsprechend auch in meinen ewigen Top-5. Die erste Single Ist es wichtig? ließ noch nicht auf das schließen, was den Hörer auf der Platte erwartet: Dunkelheit, Gefühle – vor allem aber Coolness, wahnsinnsgetriebene Gitarrenriffs und ein selten zuvor gehörter Abwechslungsreichtum.

Die Orientierung am amerikanischen Rock trat noch deutlicher zutage, was auch in der Live-Performance (Oktober 1995 in Hohenems!) zu beobachten war, und eine gewisse Beeinflussung durch Bands wie Pearl Jam ist ebenfalls nicht zu leugnen – man vergleiche die Strophe von deren Release (vom Debüt Ten) mit jener von Seligs Du kennst mich nicht. Schließlich gelingt es den fünf Hamburgern im letzten Drittel der Platte, mit den vier Stücken An einem Morgen, Garten, Schein und So träum ich, wahrhaftig Sehnsucht in Musik zu packen. (Für Kenner: Ja, in der Erstauflage der Platte folgt ein versteckter Bonus-Track, Fliegen, und in späteren Auflagen stattdessen als offizieller Titel der Hit Bruderlos).

Diese Sehnsucht hatte aber auch die Bandmitglieder, allen voran Sänger Jan Plewka, gepackt – Hier stellte den Anfang vom frühen Ende der Gruppe dar. 1997 folgte (neben dem vernachlässigbaren Soundtrack zum deutschen Kinohit Knocking On Heavens Door) das in New York eingespielte Blender, ein nicht weniger wunderbares, aber deutlich anders, weil poppiger, ausgerichtetes Langstück Musik, dem zudem die bei aller Vielfalt vorhandene Homogenität seiner Vorgänger zu fehlen schien. In Wahrheit steckt auch in den (inklusive Intro) zwölf Tracks dieses Albums der selige Geist – und zudem produzierte die Band mit Englein, Sie zieht aus und Hausprophet drei ihrer bis dato besten Songs. Dennoch war die Luft scheinbar raus: Jan verabschiedete sich für eine Weile nach Schweden, wo er mit Frau und Kind in einer abgelegenen Holzhütte lebte. Selig waren damit Geschichte, es folgte die übliche Best-of-Nummer (Für immer und Selig), wie sie Plattenfirmen gerne abziehen.

Als erster ließ Gitarrist Christian Neander wieder von sich hören, der 1999 und 2002 mit der Band Kungfu die sehr gelungenen Alben Glaskugelsammelbehälterkasten und Kungfu veröffentlichte. Der kommerzielle Erfolg hielt sich in Grenzen, obwohl mit Jan Lafazanoglu ein wirklich begabter Sänger und Texter mit an Bord war. Anspieltipp: Astronaut.

Nicht weniger interessant war allerdings das Solo-Debüt von Jan Plewka, das 2002 unter dem Titel Zuhause, da war ich schon… erschienen ist. Die frühere Stammband wird nicht völlig verleugnet (Still, weit und weg, Leise kehrt die Welt zurück), aber Plewka zeigt sich deutlich intimer als gewohnt – man nehme etwa das wundervolle In Nächten wie diesen. Daneben versammelt die Platte auch flottere Stücke wie Das schönste Mädchen Europas, War da alles und das Spliff-Cover Deja vu.

Dass Plewka wieder voll da war, zeigte er in den folgenden Jahren gleich mit mehreren Projekten. 2004 erscheint ein selbstbetiteltes Album der Band Zinoba, einem Trio, an dem auch Selig-Schlagzeuger Stephan „Stoppel“ Eggert beteiligt ist. Bei allen musikalischen Unterschieden kommt die Truppe mindestens mit dem Song Im Grunde nah an die Qualität der frühen Tage heran. Ebenfalls 2004 erscheint die erste EP der Band Tempeau – wieder mit Stoppel an den Drums –, bei der sich Plewka, wie auch beim nachfolgenden Debüt-Album, auf den Part des Gitarristen und Background-Sängers beschränkt. Ein Dämpfer: Sänger und Bassist Marek Harloff drückt der Band zwar einen sehr eigenen, punkigen Stempel auf, aber auf Albumlänge klingt das Ganze etwas nervig. Für das zweite Album (2006) übernimmt Plewka weitaus mehr Vocals, was die Sache auch runder ausfallen lässt. Sogar ein kleiner Hit schaut dabei heraus: Mädchen aus Greifswald.

Vollends befriedigend schien die Lebenssituation für keines der ehemaligen Selig-Mitglieder zu sein, und schließlich überraschten sie Mitte 2008 mit der Ankündigung, Anfang des kommenden Jahres, nach zwölf Jahren, ein neues Album zu veröffentlichen – und wieder zu touren. Damit taten sie es einigen anderen meiner Jugendhelden gleich, die mal großartig (Dinosaur Jr, Alice In Chains), mal durchschnittlich bis schlecht (Life Of Agony, Smashing Pumpkins) gealtert waren. Ein großes Zittern also: Würde es mit Selig nur ein schwacher Aufguss vergangener Tage? Eine reine Anbiederung an aktuelle Sounds, wie sie der Band schon bei Blender vorgeworfen worden war?

Als mit Schau, schau die erste Single heraus kam und im World Wide Web erste Live-Streams auftauchten, war ich sehr skeptisch – der Funke wollte nicht überspringen. Kurz vor dem Wien-Konzert Ende März 2009 hielt ich dann aber das neue Album, Und endlich unendlich, in Händen, legte die CD ein und: staunte. Auf dem Weg zur Ruhe, der erste Track, entpuppte sich als reifer Rocker, Wir werden uns wiedersehen als Ohrwurm vom ersten Ton an, und hinter Songs wie Die alte Zeit zurück, Immer wieder oder Lang lebe die Nacht, mit ihren teils kryptischen Texten, waren durchaus ein paar moderne Klassiker zu vermuten. Ein Gefühl, das sich beim Gig in der Wiener Arena festigte. Mit Ich dachte schon, für mich der Höhepunkt des Albums, und Traumfenster gelang es den Jungs sogar, an die ganz großen Zeiten anzuschließen: Ersteres hätte durchaus auf Hier gepasst, Letzteres auf die erste Platte. Wenngleich die mittlerweile deutlich bessere Produktion für sich sprach. Bald stufte ich das Comeback-Album sogar auf Platz zwei meiner Selig-Charts – noch vor Blender und Selig! – ein. Was absolut nicht zu erwarten war.

Genau so wenig übrigens, wie der rasche Nachfolger, der nur 18 Monate später, am 1. Okober 2010, kam. Wieder dasselbe Spiel: Die erste Single, der Titeltrack Von Ewigkeit zu Ewigkeit (dessen Riff in der Tat an Metallicas Nothing Else Matters erinnert), haute mich nicht vom Hocker (hat aber Wachstumspotenzial), und beim Refrain des ersten Songs auf dem Album, 5000 Meilen, musste ich unweigerlich an Schau, schau denken. Selig gelingt aber wiederum Unerwartetes: Trotz dem kommerziellen Erfolg des vorigen Albums wurde der Sound nicht glatter, setzte man nicht verstärkt auf ruhigere Poptöne. Im Gegenteil: 1995 war nie näher als 2010.

Auch wenn der Vergleich hinkt – es ist kein zweites Hier –, darf festgestellt werden, dass die Band mit diesem Album so gut wie alles, was Selig ausmacht, in 16 Tracks (inklusive Intro, Outro und Hidden Track) unterbringt: Ohrwürmer, sperrige Rocker, Jam-Sessions, funky Riffs, Balladeskes. Und dabei sogar noch Neues einfließen lässt – am deutlichsten etwa, wenn Wirklich gute Zeit mit einer Mundharmonika eingeleitet wird. Wer sich auf diese Platte einlässt, erlebt Plewka und Co. in ungewohnter Leichtigkeit, und zugleich auf dem Höhepunkt ihres Schaffens. Highlights: Dramaqueen, Hey Ho, Doppelgänger, Du fährst zu schnell (das neue Bruderlos?) und Ausgang. Es ist wohl noch etwas zu früh, um es mit Sicherheit zu sagen – aber Von Ewigkeit zu Ewigkeit könnte durchaus Hier den Rang ablaufen. Chapeau!

Selig spielen am Donnerstag, 25. November, im WUK.


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