Schmutziges Geld

Schmutziges Geld

Foto copyright by Michael Staudinger / pixelio.de

Die Wochen danach verliefen ruhig. Ich musste das Geschehene erst verkraften, durfte meine Trauer nicht zeigen, denn Bianca und Marco sollten davon nichts mitbekommen. Auch Dreju schwieg darüber, er hatte sich nicht unbedingt mit Ruhm bekleckert, das war ihm klar. Ich vermute, dass es ihm deshalb so schwer fiel, darüber zu reden. So blieb ich mit meinem Schmerz alleine.
Das Leben ging weiter und es war gut so. Meine Kinder brauchten mich und Dreju kam nach wie vor oft zu Besuch.
Doch irgend etwas war nicht mehr wie zuvor. Ich kann es nicht in Worte fassen, ich spürte es aber ganz deutlich.
Vermutlich war es mein  Vertrauen zu Dreju, das einen Riss bekommen hatte. Nach wie vor konnte ich nicht verstehen, dass er so kalt reagierte, als ich ihm von der Schwangerschaft erzählte.
Mittlerweile nahm ich die Pille zur Verhütung, das Geschehene sollte nicht noch einmal passieren.
Wenn Dreju nicht bei mir war, dann war er meist unterwegs. Wenn ich ihn fragte, was er denn so gemacht hatte erzählte er mir, dass er mit Freunden unterwegs war. Mit der Zeit wurde ich neugieriger und hätte gerne gewusst, was sie so unternommen hatten. Dann bekam ich Antworten wie diese hier:"Das möchte ich Dir nicht sagen, Cherie. Weisst Du, ich besuche Orte mit meinen Freunden, dorthin würde ich Dich nie mitnehmen." Natürlich ließ mich diese Aussage nicht in Ruhe und ich fragte nach dem Warum. Die Antwort darauf war:"Weil Du eine Frau bist, die sich an solchen Orten nicht wohl fühlen würde und weil ich Dich schützen möchte." Ein anderes Mal erwiderte er auf meine Frage:"Bitte frag mich nicht mehr danach. Ich will Dir das nicht sagen. Wenn Du weiter darauf bestehst, dann werde ich Dir irgend etwas antworten, aber nicht die Wahrheit. Du bist wie eine Bohrmaschine, willst alles über mich wissen. Weisst Du, ich habe meine eigene Wahrheit, dann werde ich Dir Dinge erzählen, die nicht unbedingt der Realität entsprechen, das tue ich aber nur, um Dir nicht weh zu tun."
Fassungslos schaute ich ihn an. "Meinst Du, ich sollte Dir auch noch dankbar sein dafür, dass Du mir nicht die Wahrheit erzählst?" fragte ich ihn etwas provozierend.
"Ja!" war seine Antwort darauf. "Ich liebe Dich und will Dir nicht weh tun, deswegen handle ich so."
Vergebens versuchte ich ihm klar zu machen, dass ich es nicht gewohnt war, dass man so mit mir umging. Dass Lügen in unserer Gesellschaft ein Zeichen von Respektlosigkeit sind und in keinster Weise als Liebesbeweis angesehen werden. Dass er mit seinen Äußerungen ein geheimnisvolles Bild von sich selbst zeichnete, das mir nicht gefiel. Ich wollte wissen, wer mein Partner war, was er tat, wer seine Freunde waren. Wie sollte ich ihm weiter vertrauen, wenn er solche Geheimnisse vor mir hatte, mir nicht sagen konnte, wo er hinging?
Doch er ging nicht darauf ein. Er blieb bei seiner Einstellung.
Dreju erzählte mir, dass er als Drucker halbtags in einer kleinen Druckerei arbeitete. Seine Frau arbeitete als Krankenschwester im Schichtdienst auch in Teilzeit. Ich begann mich zu fragen, wie er seine BOSS-Anzüge, seine goldene Brille, sein teures Parfum und seine qualitativ hochwertigen Lederschuhe finanzierte, die er immer trug, wenn wir ausgingen. Dazu machte er mir immer wieder Geschenke, kaufte mir Kleider, die nicht gerade billig aussahen.
Eines Tages sprach ich ihn darauf an. Er lächelte nur und sagte geheimnisvoll in seiner ihm eigenen bildhaften Sprache:" Ich habe einen See, aus dem ich schöpfen kann."
Diese Antwort machte mich nur noch neugieriger - und auch besorgter.
Ich machte mir natürlich meine Gedanken darüber, wo das Geld herkam und sponn mir ein Bild aus seinen Erzählungen zusammen. Ich hatte Angst, dass er eventuell im Rotlichtmillieu oder in der Drogenszene tätig war und sprach ihn eines Abends darauf an. Dioplomatisch versuchte ich an das Thema heran zu gehen, denn ich hatte ja mittlerweile erlebt, wie aufgebracht Dreju reagieren konnte, wenn man ihn in seinem Stolz verletzte.
"Einen schönen Anzug hast Du heute abend an. Den habe ich noch gar nicht gesehen. Ist der neu?"
"Ja Cherie, gefällt er Dir?"
"Der ist super und steht Dir ausgezeichnet. Wo hast Du den denn gekauft?"
"Beim Herrenausstatter in der Stadt."
"Der war bestimmt nicht billig. Man sieht, aus welch gutem Stoff er ist. Auch die Verarbeitung ist sehr gut. Darf ich fragen, was er gekostet hat?"
Dreju nannte mir einen Preis, der schwindelerregend hoch war.
"Weißt Du Dreju, manchmal frage ich mich wirklich, wie Du das alles finanzierst. Die Wenigsten können sich so einen Anzug leisten. Und Du hast nicht nur einen davon, sondern mehrere. Wie machst Du das nur?"
"Ach Cherie, Du weisst doch, mein See..."
"Bitte Dreju, kannst Du mir nicht einmal präziser und aussagekräftiger etwas darüber sagen ? Du machst so ein Geheimnis um Dich und Dein Leben... Ich bin doch Deine Partnerin, mir kannst Du doch alles sagen. Ich mag es nicht, wenn Du mir ausweichst. Das würde Dir doch auch nicht gefallen, wenn ich das mit Dir machen würde, oder?"
"Warum willst Du das denn unbedingt wissen? Ist das so wichtig?" fragte er mich verständnislos.
"Ja, das ist es. Es könnte ja auch schmutziges Geld sein, mit dem Du z.B. meine Geschenke kaufst. Und das will ich nicht."
"Schmutziges Geld? Was meinst Du damit? Ich verstehe nicht..."
"Naja... Geld, das aus dunklen Kanälen kommt, nicht legal verdient wurde..." druckste ich herum.
"Ich verstehe immer noch nicht, was meinst Du damit?" fragte Dreju. Sein Blick war lauernd geworden. Angespannt schaute er mich an und wartete auf meine Antwort.
"Nun...Geld, das zum Beispiel mit...mit... dem Dealen von Rauschgift verdient wurde."  Jetzt war es raus. Ich hatte meine Befürchtung laut ausgesprochen und wartete auf seine Reaktion.
Die ließ nicht lange auf sich warten. Erbost und tief getroffen erwiderte Dreju mit leiser, aber scharfer Stimme:"Beloti, sag mir dass das nicht Dein Ernst ist. Du glaubst nicht wirklich, dass ich, Dreju, ein Drogendealer bin? Wie kannst Du nur so etwas von mir annehmen. Ich bin total enttäuscht von Dir!"
"Was soll ich denn sonst glauben? Du erzählst mir ja nichts von Dir, sprichst in Deinen Bildern, die zwar schön, aber nichtssagend sind. Du arbeitest in Teilzeit, kleidest Dich aber wie ein reicher Mann, machst mir teure Geschenke,...sag mir, was ich denken soll! Was würdest Du denken, wenn es anders herum wäre?"
"Ich habe nie in meinem Leben Drogen genommen! Ich verurteile alle Menschen, die Drogen an abhängige Menschen verteilen oder andere Menschen damit abhängig machen. Sie zerstören Leben und bauen sich damit selbst ein schönes Leben auf, solange bis sie erwischt werden. Nein! Niemals, hörst Du, niemals war ich in der Drogenszene und werde auch niemals dahin gehören!
Mein Geld ist kein "schmutziges Geld", wie Du es genannt hast. Mein Geld ist sauber! Hast Du Dir vielleicht schon mal Gedanken gemacht, dass ich ein reicher Erbe sein könnte? Mein Vater war Stammesältester, dazu ein erfolgreicher Ingenieur für Brückenbau in Zaire und den Nachbarländern. Ich gehörte immer schon zu den Privilegierten in meinem Land, wuchs in einem große Haus mit Dienstangestellten auf. Mein Vater hat uns Kindern ein Erbe hinterlassen, von dem wir heute noch schöpfen. Das ist mein See, von dem ich immer gesprochen habe. Und keine illegalen Drogengeschäfte oder dergleichen! Wie konntest Du nur so schlecht von mir denken?" fragte er mich aufgebracht und traurig.
"Ja aber warum hast Du das denn nie erzählt? Warum hast Du so ein Geheimnis daraus gemacht? Das Missverständnis wäre nie passiert, wenn Du darüber offen gesprochen hättest." antwortete ich.
"Ich spreche prinzipiell nicht über Geld. Außerdem will ich um meiner selbst geliebt werden und nicht wegen meines finanziellen Hintergrundes. Dass Du so etwas über mich nur denken konntest. Ich hätte nie so etwas über Dich gedacht!"
Ich versuchte zu retten, was noch zu retten war. Ich entschuldigte mich bei Dreju, probierte ihm aber auch gleichzeitig klar zu machen, dass er mir gegenüber offener sein sollte, dass ich eine europäische Frau bin und wissen möchte, mit wem ich mein Bett teile.
An diesem Tag verstand Dreju mein Anliegen un meine Einstellung nicht mehr. Ich hatte ihn in seiner Ehre gekränkt, ihn, den Sohn eines Stammesältesten, des Drogenhandels bezichtigt.
Beleidigt und verletzt ging er an diesem Abend frühzeitig nach Hause.