Schlimm: Buch-Sucht mit Leichengift

Schlimm: Buch-Sucht mit LeichengiftEin Prozent der Bundesbürger zwischen 14 und 64 liest nach einer neuen Studie täglich für mindestens vier Stunden zwanghaft Bücher. Besonders Ältere laufen Gefahr, dass sie über die Literatur ihr Sozialleben und ihre Pflichten vernachlässigen. Der deutsche Buchmarkt erwirtschaftete mit der Sucht von mehr als einer halben Million Menschen im Jahr 2010 einen Umsatz von gut 9,7 Milliarden Euro - gegenüber dem Vorjahr waren das noch einmal 0,4 Prozent mehr. Den Preis aber zahlen die Bürger: Nach der vom Bundesministerium für Gesundheit geförderten Studie "Prävalenz der Buchsucht" hat mehr als jeder 20. Deutsche Mühe, seinen Buch-Konsum zu kontrollieren. Nach der Studie, die Forscher der Universität Lübeck erstellt haben, gilt ein Prozent der Bevölkerung als buchsüchtig, bei weiteren 4,6 Prozent stufen die Wissenschaftler den Konsum als problematisch ein.
Damit gibt es in Deutschland mehr Literaturabhängige als Glücksspielsüchtige, bei denen die Quote nur 0,3 Prozent der Bevölkerung beträgt. Besonders gefährdet sind Ältere und Senioren, hier gelten vier Prozent als süchtig, und bei mehr als 17 Prozent gehen die Experten von einem problematischen Konsum aus. Pensionäre und Frührentner greifen dabei oft zu sogenannter leichter Literatur. Beliebt waren zuletzt Pornobücher wie "Schoßgebete" von Charlotte Roche und mörderische Thriller wie "Die Blutlinie" oder "Leichengift".
Dr. Hans-Jochen Sumpf ist leitender Psychologe an der Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie und einer der Autoren der Studie, für die 15.000 Menschen nach ihren Lesegewohnheiten befragt worden waren. PPQ hatte Gelgenheit, mit Sumpf über die erschütternden Ergebnisse zu sprechen.
PPQ: Bücher liest gefühlt fast jeder, aber kann auch potenziell jeder buchsüchtig werden?
Sumpf: Wir wissen, dass es bestimmte psychische Anfälligkeiten für Internetsucht gibt. Menschen, die bereits vor ihrer Sucht ängstlich waren, die Schwierigkeiten haben, auf andere Menschen zuzugehen oder im Mittelpunkt zu stehen. Depressionen spielen eine Rolle, Aufmerksamkeitsdefizitsyndrom - all diese Merkmale treten auch zusammen mit der Buchsucht auf. Einige Daten zeigen, dass diese Dinge schon vorher da waren und somit auch eine Empfänglichkeit bieten. Von daher sind generell bestimmte Personen besonders anfällig dafür.
PPQ: Wann beginnt "Abhängigkeit"?
Sumpf: Die Zeit, die Nutzer mit Büchern verbringen ist ein erstes Indiz. In unserer Studie zeigt sich, dass die Nutzer, die wir als abhängig einstufen, durchschnittlich vier Stunden täglich lesen. Wichtiger ist noch, welche Auswirkungen das hat. Häufig verlieren nämlich die Nutzer die Kontrolle darüber, wie viel Zeit sie versunken in ein oder mehrere Bücher verbringen. Sie können nicht mehr frei bestimmen, wie sie das halten möchten. Sie nehmen sich dann oft vor, zu bestimmten Zeiten nicht oder insgesamt seltener zu lesen, es gelingt ihnen aber nicht.
PPQ: Was genau suchen diese Menschen in Büchern?
Sumpf: Oft ist zunächst generell schlechte Stimmung der Grund für die lange Lesezeit. Die Menschen suchen Ablenkung oder schlicht Bestätigung im Buch. Das ist meist relativ einfach zu bekommen. In Krimis, Liebesromanen oder Science-Fiction-Werken schlüpfen Spieler in andere Rollen und bekommen dort Anerkennung. Dafür werden auch die negativen Folgen, die mit der vielen Nutzung von Büchern zusammenhängen, in Kauf genommen: geringe Leistungsfähigkeit nach einer ganzen Nacht lesend im Bett und daraus folgende Probleme in Schule oder am Arbeitsplatz. Daran erkennt man, dass es ein süchtiges Verhalten ist.
PPQ: 4,9 Prozent der 64- bis 76-jährigen Frauen, aber nur 3,1 Prozent der gleichaltrigen Männer sind literaturabhängig. Wie erklären Sie sich das?
Sumpf: Wir denken, dass Frauen in dem Alter sozial etwas weiter als Männer sind. Gerade das Lesen von Romanzen, also das Schlüpfen in Traumwelten, spielt eine große Rolle. Beides findet man in einschlägigen Romanen. Für einige, längst nicht alle, kann das zu einer sehr wichtigen Sache werden, dort Bestätigung zu bekommen. Männer dagegen trinken Bier, sehen Fußball oder basteln zusammen an Autos herum. Im Augenblick ist es so, dass die Allerältesten die höchsten Suchtraten haben. In der nächsten Altersgruppe wird das immer weniger, jüngere und junge lesen kaum noch. Vielleicht ist diese Faszination nur für eine begrenzte Zeit vorhanden, aber das können wir derzeit noch nicht sagen, weil wir nur eine Querschnittserhebung haben.
PPQ: Wie könnte Präventionsarbeit aussehen?
Sumpf: Die Präventionsarbeit setzt besonders bei den Kindern an, weil gerade die Älteren betroffen sind. Weil die Kinder einen guten Kontakt zu ihren Eltern haben und sehen, wenn diese Auffälligkeiten zeigen.
PPQ: Welche zum Beispiel?
Sumpf: Etwa, wenn Aktivitäten, die früher von Interesse waren, aufgegeben werden oder dass die Eltern lange Zeit mit einem Buch verbringen. Dann ist es Zeit, mit ihnen zu sprechen und klare Regelungen einzuführen: wie oft und wie viele Stunden Mutter oder Vater lesen darf. Diese Bestimmungen muss man dann gemeinsam aushandeln.
PPQ: Was tun, wenn Vater oder Mutter bereits süchtig sind?
Sumpf: Bei einer bereits ausgeprägten Sucht muss professionelle Hilfe in Anspruch genommen werden. Dann ist es sinnvoll, sich an Suchtberatungsstellen zu wenden. Bei den ganz schweren Fällen von Buch-Sucht, die zu völliger Verwahrlosung geführt haben, sind aufwändigere Therapien erforderlich. Eine Ambulanz in Mainz hat sich darauf spezialisiert.
PPQ: Wie kann man sich selbst schützen?
Sumpf: Man muss sich selbst aufmerksam beobachten. Sobald Bücher welcher Art auch immer einen extrem hohen Stellenwert im eigenen Leben einnehmen und man auch, wenn man gerade unterwegs ist, über den Fortgang einer Geschichte nachdenkt, die man gerade liest. Wenn man kaum noch Aktivitäten hat, die im wirklichen Leben stattfinden. Das sind Alarmsignale.
Herr Professor, wir danken für dieses Gespräch


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