Review: ENEMY – Die Feindschaft der Doppelung

Review: ENEMY – Die Feindschaft der Doppelung
Fakten:
Enemy
Spanien, USA, UK. Regie: Denis Villeneuve. Buch: Javier Gullón, José Saramago (Vorlage). Mit: Jake Gyllenhaal, Mélanie Laurent, Isabella Rossellini, Joshua Peace, Tom Post, Sarah Gadon, Kedar Brown, Darryl Dinn, Jane Moffat, Stephen R. Hart u.a. Länge: 90 Minuten. FSK: freigegeben ab 12 Jahren. Ab 22. Mai 2014 im Kino.

Story:
Adam ist ein Professor, dessen Leben vom eintönigen Alltag geprägt ist. Als er in einem Spielfilm einen Schauspieler entdeckt, der exakt so aussieht und klingt wie er, lässt ihn dies nicht mehr los. Er beginnt zu recherchieren und findet einiges heraus, über diesen Mann der Anthony heißt. Schließlich wagt Adam seinen Doppelgänger zu treffen.


Meinung:
Villeneuve, du Bastard! Jetzt stehe ich vor der unmöglichen Aufgabe, dem Film einen ihm entsprechenden Text hinzulegen - und jeder Versuch ist von Vornherein zum Scheitern verdammt. Aber das will er ja auch: Unsicherheit schaffen. Sein „Enemy“ ist eine geheimnisvolle Type, kommt uns erst entgegen, macht uns sodann aber nervös, erklärt sich nicht, wird schroff und haut dann plötzlich ab, dass man noch nach dem Kinobesuch angespannt auf seinen möglichen Angriff wartet, während man selbst frenetisch-ängstlich dem Sinn dieser ganzen Sache hinterher zu steigen versucht, so wie es einem der Gyllenhalls im Film ergeht.

 

Review: ENEMY – Die Feindschaft der Doppelung

Adam und Anthony beim Doppelgänger-Check

Dabei gibt sich das Geschehen doch zunächst so geradlinig im Aufdecken seiner selbst, spielt in urbaner, schwüler Unterdrückung das doppelte Lottchen und geht dabei mit einem derartig schwerfälligen Ernst daran, dass man sich in einer bewusst schleppenden Farce fühlt - so alà 'Ich habe einen Doppelgänger?...Ich kann es irgendwie nicht fassen...Ich werde mich ihm wohl auf ganz umständliche, unbeholfene Weise nähern - hoffentlich wirke ich dabei nicht wie ein Irrer.' und alle machen gleichsam ominös mit in der daraus folgenden, kafkaesken Geheimniskrämerei. Auf diesen existenzialistischen Humor gibt's von Vornherein einen Hinweis durch Gyllenhall als Uni-Professor Adam Bell, der in seinen Kursen kontinuierliche Wirkungen & Systematiken von Diktaturen aller Zeiten behandelt und dabei ein Zitat von Marx über die Doppelung von historischen Ereignissen voranstellt: '[...] das eine Mal als große Tragödie, das andre Mal als lumpige Farce.'.

 

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Disput zwischen Doppelgängern

Diese Wechselwirkung derselben Sache aus ein und demselben Ursprung erlebt man dann auch unterhaltsam und hart-pochend in der subtil-gefährlichen Annäherung der zentralen Doppelgänger, von denen einer nun mal mit strenger Nervosität und einer verhaltenen Lebenseinstellung aufwartet, während das gleich ausschauende Objekt der Neugier/Begierde Anthony Claire als Kleindarsteller einem hipperen, extrovertierten Lifestyle verbunden sein möchte. Beide ergeben sich fortwährend einer Erotik, die sich nie ganz zu erfüllen scheint: Ersterem steht offenbar die kalte Beziehung zur eigenen Mutter im Weg, Letzterer verliert hingegen selbst-abweisend den Zugang zur Freundin, welche im 6. Monat schwanger ist. Der versuchte Ausbruch der 'Untergebenen' (Adam und die Schwangere) aus beiden Systemen könnte funktionieren, lässt sie aber aufgrund der jeweiligen, dominanten 'Führungspersönlichkeiten' allesamt zusammenbrechen oder verwirren - wobei sich auch die destruktive Diktatur der eigenen Persönlichkeit im Angesicht von Gegensätzen und Widersprüchen offenbart (so ergeht es jedenfalls Anthony).

 

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Ist das wirklich Adam im Bett seiner Frau?

Die Synthese mit der körperlichen Lust bleibt angespannt und ehrgeizig, jedoch elliptisch abgegrenzt - jene Verbindung mit dem gleichwertigen Double erst recht. Da stehen dann verknüpfte DNA-Stränge, die in ihrer persönlichen Geschlossenheit aneinander reiben und sich nichts schenken - als ungleiches gleiches Paar scheinbar ein gemeinsames und doch versetztes Leben teilen, das in der Zellbildung vom minutiös erforschbaren Komplex Toronto aus Versehen aufeinander trifft. Steht da als höhere Macht die Riesenspinne, die in einer 'Vision' wie eine diktatorische Präsenz über der ganzen Stadt wiegt? Stehen ihre acht Beine für die vielseitige Kongruenz und Konkurrenz verbundener Seelen? Sind Gyllenhalls suggerierte 'Zwillinge' oder 'Klone' EIN Wesen, wo sie doch letzten Endes (gezwungenermaßen) die Frauen miteinander teilen? Erkennt die Mutter des Babys ihre eigene Kreation im Doppelgänger wieder, weshalb sie ihn wie einen Bekannten zu sich ins Bett lässt, von seinem Leben Bescheid weiß, sogar dessen Andenken beherbergt und schlussendlich offenbar jene oben genannte (Menschliches-Leben-kreierende?) Spinne sein könnte?

 

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Der Fremde im Zug?

Alles Fragen, die man sich zwangsläufig stellen muss, denn Villeneuve („Prisoners“) gibt dafür zwar genügend Ansätze in seinem methodischen Aufbau des aufregenden Mysteriums, lässt des Rätsels Lösung aber im Raum stehen und bricht vor einer allumfassenden Erklärung urplötzlich frech ab. Man hätte sie schon gerne erlebt und so lässt dieser Umstand die Filmerfahrung etwas unerfüllt stehen - doch gerade da liegt die Stärke, entspricht das Ende damit ja einerseits den psychologischen, sinnlichen Lücken der Protagonisten und bietet andererseits soweit Raum für Spekulationen, dass man einsieht: jede Erklärung wäre überflüssig, könnte sogar ziemlich bekloppt erscheinen (könnte aber auch daran liegen, dass man selber nur fähig ist, Schwachsinn hinzuzudenken - da schließe ich mich wohlweislich nicht aus). Gewünscht hätte ich mir aber schon, dass der Wahnsinn ruhig noch ausgedehnter ausgefallen wäre. Die Surrealität bleibt nämlich durchgehend ein Stück manierlich, offenbart sich aber auch so sperrig zum Finale hin, dass der ganze Rest von zuvor auf einmal ebenso zum kryptischen Wunderland chiffriert wird.
Ich hätte es ahnen müssen, schließlich leitet der Film doch schon mit der Deklaration ein: 'Chaos is merely order waiting to be deciphered' - das Warten nimmt jedoch kein Ende. Welch ein Schelm, der Villeneuve - der erwischt jeden und regt zum freien Interpretieren an. Im Nachhinein fühle ich mich zwar nicht unbedingt schlauer, dafür aber noch immer unsicher. So ein frecher Bastard...der hat's drauf!

7,5 von 10 überdimensionalen Spinnen

vom Witte

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