Public Enemy – It takes a nation (…) to hold us back

1988 – ein Jahr des Umbruchs. Politiker verlieren ihr Amt wegen falschausgedrückten Vorträgen, ein Ende des Ostblocks scheint noch nicht absehbar zu sein und eine Hip-Hop Crew aus New York revolutioniert die gesamte Musik. Wie ein Tornado fegt ihr zweites Album über die Musiklandschaft. Der Grund: es sagt Dinge aus, die viele denken, aber nicht aussprechen möchte. Eine Anklage gegen die Weltanschauung der Schwarzen. Am Pranger steht Amerika.
1987 konnte dies bei der ersten Europa-Tournee des Hip-Hops zuerst noch keiner absehen. Wie ein gewöhnlicher Act wurden Public Enemy angekündigt. Ihre Ankündigung ist übrigens das Intro des Albums. Zuerst mag man denken, es kommen Hip-Hop Normalos auf die Bühne. Doch dann geht plötzlich ein Atomalarm los und Professor Griff, der Pressesprecher der Gruppe betritt die Bühne und versetzt das Publikum in eine Stimmung, als hätten sie sich in eine alle begeben. Haftung wird nicht übernommen. Die Anprangerung wird bis zum Ende durchgehalten. Gänsehaut.
Dann beginnt mit einem Ausschnitt von einer Rede Martin-Luther Kings der erste Song BRING THE NOISE, der erste von vielen Klassikern auf dieser Scheibe. Chuck D haut einem eine Klageschrift um die Ohren, mit kraftvoller, energiegeladener Stimme heizt er dem Hörer ordentlich ein. ‚,How low can You go?!Deathrow?!” fragt er. How low can You Go…bis heute einer der einflussreichsten Sätze der Musikgeschichte. Wie tief kannst du gehen? Wie gemein kannst du bei deinen Verbrechen werden, wie brutal können deine Anschläge auf die Regierung sein?! Wer sich jetzt fragt, wieso denn überhaupt gegen Amerika & die Welt protestiert… es liegt am Umgang mit den Schwarzen. Trotz Gleichberechtigungsgesetz immer noch wie eine andere Spezies behandelt. Das im restlichen Song ein Hetzer gegen die Regierung (gemeint ist Farrakhan) zum Propheten ernannt wird, zu Demonstrationen aufgerufen wird und Senatoren als korrupt bezeichnet werden, wollen wir natürlich nicht verschweigen. Am Ende des hektischen, schnellen Rap von Chuck D und Flavor Flav, der immer wieder seinen Senf hinzugibt, fragt man sich natürlich, wie der Beat aussieht, da Chuck D alles überschattet.
Mal analysieren: Scratching und ein Schlagzeug… das war’s. Und trotzdem ein Klassiker. Was man noch erwähnen muss. Sämtliche Instrumentals dieses Albums sind gesampelt, soll heißen: Mal nimmt man von James Brown das Schlagzeug, mal von Kiss den Gitarrengriff und… und… und… So kommt auch das Soundgewitter des Album zusammen.
DON’T BELIEVE THE HYPE, ein Titel, der auch heute noch Bestand hat. Beispiel: Casting-Stars! Nach ihrem Sieg will man ihre Platte sofort kaufen, ein halbes Jahr später will man nicht mehr mit ihnen in Verbindung gebracht werden. Beispiele gibt es noch tausende, sucht euch irgendwas aus. Sei es der Tod eines Musikers, nachdem man sofort dem Hype verfällt und alle seine Platten kauft und was weiß ich noch. Der Beat des Songs ist jedenfalls etwas melodischer als der vorherige. Zwar kann einem das Bass-Piepen nerven, aber trotzdem handelt es sich um einen Hip-Hop Classic.
Den nächsten Track darf Flavor Flav ganz alleine performen und lädt zum COLD LEEPIN’ WITH FLAVOR ein. Ein fett produziertes Instrumental, auch Falvor macht seinen Job gut, Aussagekritisch jedoch ein Nichts. Einzig ein Diss gegen sein Hater, aber sozialkritisch oder politisch…keine Spur. Also eher ein Track für Spasstüten, trotzdem geil :P
Nun geht das Album ins nächste Kapitel. Jetzt werden Public Enemy LOUDER THAN A BOMB. Der Beat ist schon mal richtig orchestral, dazu kommt der genial Flow des UnDissbaren Chuck D, der hier davon erzählt, weil im einfach sein Telefon von der Regierung entwendet wurde, damit er mit seinen Brüdern nicht kommunizieren könne, weil er unter Terror-Verdacht steht. Da hat die Regierung Chuck D gedisst… und das überlebt keiner ungestraft. Was macht er also? Er ruft zum Sturz auf, zur Schwarzen Revolte, zur totalen Revolution. ,,Away with Uncle Tom!” Weg mit der schwarzen hassenden Regierung. Der Mitgröhlrefrain von Flavor gefällt auch sehr, der nächste Meilenstein der CD.
Auf CAUGHT, CAN WE GET A WITNESS erzählt Chuck eine Geschichte, wo er am Pranger steht. Ein Song aus seiner Sicht, der im Gerichtssaal und im Gefängnis spielt. Wie er einfach angeklagt wird, Chuck d jedoch immer wieder gekonnt die Verbrechen gegen ihn kontern kann, hin und wieder melden sich auch Flavor Flav, Professor Griff und auch die Sicherheitsgruppe von Public Enemy zu Wort, alle erheben Einspruch und wollen sofort die Revolution. Der Beat ist für die 1980-er Jahre sehr funky und besteht wie alles aus diesem Album natürlich aus Samples. Hin und wieder werden politische Reden eingefügt, damit die Pranger Show auch Sinn macht.
Das nächste Kapitel des Albums ist die Extreme. Mit SHE WATCH CHANNEL ZERO schießt Chuck D in den Spiegel, heißt: jetzt stehen die Schwarzen am Pranger! Wie sie sich mit dem Fernsehen verblöden und sich dämlich machen. Eine Erfindung der Weißen, um die Schwarzen zu verblöden. Chuck D weiß jedoch auch über die Macht des Fernsehens bescheidet. Kaum ein anderer Rapper ist politisch so informiert wie er. Wenn er anklagt, dann nicht wegen Aufmerksamkeit, wie es heute die meisten Rapper tun, sondern weil er weiß, wovon er spricht. Das Instrumental zum Album besteht jedenfalls aus rockigen Gitarren-Griffs, die natürlich nicht eine Sekunde aus PE’s eigener Feder stammen, sondern alle gesampelt sind. Ein Meilenstein der frühen Crossover-Werke.
Jetzt geht’s rund: NIGHT OF THE LIVING BASEHEADS. Einen besseren Song gibt es im Hip-Hop nicht. Der Höhepunkt des Albums. Das Feuerwerk der Pranger Show. Das Instrumental besteht aus Rasseln, Tröten und herrgott vielen anderen Instrumenten. Ein einziges Durcheinander, crazy, abgespacet und verrückt. Darüber kickt der UnDissbare Rhymes, wie es sie nie wieder in der Geschichte geben sollte. Es geht um Drogen, wo die Schwarzen natürlich blöd genug sind, Dope zu nehmen. Dabei stellen sie sich genau so blöd an wie Weiße und treffen genauso falsche Entscheidungen wie Politiker. So geht es weiter und weiter. Dieser Song hat bei mir den Knoten des Hip-Hops platzen lassen. Natürlich lassen sich hier auch noch diverse Sprachsamples finden, so auch eine politische Rede von Phil Collins! Der Höhepunkt des Songs ist nach dem 2. Part von Chuck D das Sampling seiner eigenen Worte ,, How low can You Go!? ”. Hier noch mehr an Bedeutung gewonnen, bestehend aus 13 Sekunden ist es der absolute Höhepunkt in der Ära des Hip-Hops.
So haben sich PE doch ins eigene Fleisch geschnitten, denn was soll nach diesem GÖTTLICHEN!-Song denn noch kommen? Immerhin haben sie diese Aufgabe doch gut gemeistert: in BLACK STELL IN THE HOUR OF CHAOS erzählt die Geschichte aus Track 8 weiter. Jetzt soll er in der Armee dienen: Nix Da! Ok, dann landet er mal eben im Gefängnis. Kein Problem: ist super Erzählstoff für weitere Anklagen. Der Beat ist sehr düster und so achtet man genau auf Chuck Ds Worte. Ebenfalls ein Klassiker.
Nochmal eine große Anklage kommt in REBELS WITHOUT A PAUSE, wo die Musik nochmal vergewaltigt wird. Zu Aufständen und Revolution wird erneut aufgefordert, Chuck D erobert auch sein Telefon zurück und beschimpft jetzt auch noch die Medien als Lügner & Hasstreiber. Man mag sich evtl. an dem hohen Pieps-Bass stören, jedoch ist auch hier wieder eine klasse Anklage zusammengekommen.
Mit diesem Album änderte sich die Musik grundlegend, nicht nur der Hip-Hop. Auf einmal war ein Tor der Kontroversität eingetreten, das vorher strickt Tabu war. Dann war es jedoch von Chuck D & Public Enemy eingetreten worden und natürlich will das jetzt jeder machen, weil man ja immer sagen kann: ,,PE haben doch damit angefangen!” Ob sie es wohl je richtig gedankt bekamen? Jedenfalls hat das Album nicht nur bei mir, sondern bei vielen anderen auch was ausgelöst. Perfektes Beispiel: Curt Cobain! Er gab IT TAKES A NATION OF MILLIONS TO HOLD US BACK als eines seiner Lieblingsalben & musikalische Inspiration an. Dann noch dutzende Bestenlisten, z.B. bestes Hip-Hop Album laut der Zeitschrift Rolling Stone usw. Ein Album, das Geschichte schrieb, und das fast nur auf Grund von Wahrheiten.
Public Enemy – It takes a nation of Millions to hold us back
VÖ: 19. April 1988
Label: Def Jam Records
Genre: Hip-Hop, Conscious-Rap, Eastcoast-Rap
Artikel geschrieben von: G. Score