"Phänomen Primark" - Warum ich dort kaufe und trotzdem noch glücklich bin!

Primark Haul. Zwei Worte mit einer großen Bedeutung. Mein Primark-Weihnachts-Haul erwartet euch in den kommenden Tagen, nach meinen Posts zum neuen Gesellschaftsspiel und meinem elektronischen Mitbewohner, der seit ein paar Tagen mehr Leben in mein Zuhause bringt. Ich hatte viel um die Ohren in den letzten Tagen und war hauptsächlich damit beschäftigt, unsere 800m² Garten winterfest zu machen, was alleine nicht immer ein Vergnügen ist. Doch wie komme ich ausgerechnet heute Abend auf das Thema Primark? Leicht beantwortet.
"Könnes kämpft" im WDR Fernsehen - "Phänomen Primark".
Warum ist Primark so erfolgreich? Was macht den Reiz aus? Und - wie sieht es eigentlich hinter den Kulissen aus? Fragt ihr euch, bevor ihr Shoppen geht, ob eure Kleidung unter fairen Bedingungen produziert worden ist? Ist es euch wichtig, woher eure Kleidung kommt?

Ich gebe zu, ich habe mich zwar schon mit dem Thema auseinandergesetzt, aber spätestens dann, wenn ich eine Filiale von Primark gesichtet habe, alle guten Vorsätze über Bord geworfen.
Als ich vor Kurzem im Urlaub war, habe ich Primark in verschiedenen Städten gesucht, gefunden - und geshoppt. Weihnachtspullover, Mützen, Ohrringe, Tshirts... Alles, was in die graue Tasche passte. Mit großen Papiertüten bepackt und glücklich verließ ich die Filiale. Stolz fotografierte ich meine Ausbeute und schickte Fotos an meine Freundinnen in Deutschland. Nicht Eine hat hinterfragt, warum die Klamotten so günstig waren. Im Gegenteil, ich habe mich direkt wieder zum "Primark-Shopping" in Deutschland verabredet. "Weil du immer so coole Klamotten hast und immer so ausgefallene Sache findest", sagte eine meiner Freundinnen. "Das Tshirt hat nur 3 € gekostet!? Ist ja krass!", sagte ein Anderer. Und ich? Ich war glücklich mit meinen neu erstandenen Klamotten. Und machte mir dann, abends auf dem Sofa, aber doch Gedanken. Ein Shirt für 3 €... Dass die Arbeitsbedingungen für die Näherinnen in Bangladesch nicht die Besten sein können, ist mir durchaus bewusst. ABER - was kann ich schon tun? Was kann ich als Einzelner erreichen?
Spielen wir das Szenario doch mal durch:
Angenommen, wir als Endkunden würden Primark boykottieren. Was hätte das zur Folge? Die Nachfrage sinkt, die Produktion wird zurückgefahren, die Näherinnen werden entlassen und stehen auf der Straße. Ohne zu wissen, wie es weitergehen soll. Zugegeben, es ist überspitzt. Aber genau so würde es sich doch verhalten. Und was wäre dann?
Der Reporter Dieter Könnes hat einen Slum in Bangladesch besucht, den Ort, an dem die Näherinnen, die bei Primark arbeiten, leben. Monatsverdienst? 50 €. Ich denke, ihr könnt euch vorstellen, unter welchen Bedingungen die Menschen dort leben müssen. Mit 50 € eine Familie zu ernähren ist so gut wie unmöglich. Und dennoch sieht man viele Frauen, die auf den Straßen sitzen, keine Arbeit haben und so gut wie jeden Job annehmen, die sofort für Primark arbeiten würden. Besser als gar nichts eben.

Und ich? Ich sitze im warmen Wohnzimmer, mit Kuscheldecke auf der Couch und betrachte meine Einkäufe. Zum ersten Mal drängen sich Fragen auf. Ob es wirklich so clever war, bei Primark einzukaufen. Doch es gibt auch eine andere Seite in mir. Denn woher weiß ich denn, dass ein Tshirt eines Markenherstellers für 30 statt 3 € unter anderen, besseren Umständen produziert worden ist? Die Sicherheit, dass mein Pullover mit dem Markenlogo in einer sicheren Fabrik, in der den Näherinnen faire Löhne gezahlt werden, produziert worden ist, habe ich nicht. Ich weiß es nicht und ich habe auch schlichtweg keine Chance, das herauszufinden. Primark an den Pranger stellen und verurteilen? Nein!

Bleibt aber noch eins. Die Qualität. Dass ein Tshirt von Primark nicht das Beste ist, ist mir bereits bewusst, wenn ich es noch im Laden in meinen grauen Beutel packe. "Kann ja nicht viel sein, wenn's so billig ist", denke ich mir. Aber ich kaufe, was mir gefällt. Und ich kaufe auch das knallbunte Tshirt mit einem Aufdruck von "Findet Nemo" und die kitschig bunten Socken von Arielle. Weil sie billig sind. Und weil ich sie cool finde. Das Tshirt - perfekt für den Urlaub, Abhängen am Pool. Dafür hätte ich gar nicht viel ausgeben wollen, weil ich es im Alltag sowieso nie anziehen würde. Schließlich bin ich ja auch schon 27 Jahre alt und trage im Job dann doch keine Kindermode mehr. Davon abgesehen bin ich mit den Produkten, die ich bisher bei Primark gekauft habe, aber auch ganz zufrieden. Kein Tshirt hat sich nach dem Waschen plötzlich aufgelöst und einer meiner Lieblingspullover, ebenfalls von Primark, sieht auch nach 3 Jahren immer noch top aus. So ein Alter erreicht aber kaum eins meiner Kleidungsstücke...

Denn noch ein Punkt ist mir wichtig. Die Mode ist schnellebig geworden. Was gestern der letzte Schrei und heute total angesagt ist, kann morgen schon wieder out sein. Und dann? Das neue Shirt für 80 € mal eben in den Schrank verbannen? Das isses irgendwie auch nicht. Dann doch lieber billig. Dann tut's nicht so weh, wenn man's doch nur 3x getragen und dann keine Lust mehr drauf hat. Also auch noch ein wichtiger Faktor, der mich beim Shopping bei Primark beeinflusst. Aber nicht nur dort, denn ich war schon immer so, dass ich meine Kleidung eigentlich nie wirklich lange getragen habe.

Inzwischen ist Dieter Könnes in einer Primark-Filiale unterwegs. Spricht mit jungen Mädchen, hinterfragt ihr Kaufverhalten. Und ich werde unruhig. Ist doch klar, dass Teenager dort Shoppen gehen, weil sie sich dort so gut wie alles leisten können. Nicht jedes Mädchen bekommt Hunderte Euros an Taschengeld im Monat. Wenn's dann einen Laden wie Primark gibt, in dem plötzlich alles möglich ist - wer würde denn da noch Nein sagen? In der Schule will man mithalten, dazugehören, hip sein. Und da kommt man an Primark heute fast nicht mehr vorbei. Ich bemerke das vor allem bei uns Zuhause. Die nächste Primark-Filiale ist eine gute Autostunde entfernt, Primark nicht mal eben schnell erreichbar. Bei meiner Freundin in Essen sieht das schon ganz anders aus. Und ich habe da tatsächlich Unterschiede feststellen können. Tauschen sich die Mädels in Essen regelmäßig über die Neuheiten bei Primark aus, vergleichen die Filiale mit der im benachbarten Gelsenkirchen, verhält es sich hier anders. Wer Primark trägt, ist cool. Egal, ob das Shirt schon vor 3 Monaten in den Läden hing und Primark längst wieder neue, coolere Ware bekommen hat. Weiß ja hier Niemand. So ist das manchmal, das Landleben.

Viele Erkenntnisse, viele Überlegungen. Aber was stelle ich nun damit an? Schließlich ist ja ein allgemeines Problem in den Fabriken in Bangladesch, nicht nur in denen, die für Primark produzieren, dass dort solch katastrophale Bedingungen herrschen. Politiker müsste man sein, um an den Zuständen dort etwas ändern, verbessern zu können. Nur ist selbst das nicht so einfach. Vor allem nicht, wenn die Fabriken im Land einflussreichen Politikern gehören. Und da drängt es sich mir auf, ein Wort.
MENSCHENWÜRDE. Die Würde des Menschen ist unantastbar.
Was für uns selbstverständlich ist, davon können die Menschen in Bangladesch nur träumen. Faire Arbeitsbedingungen? Auch so ein Traum. All das werden wir dort wohl kaum finden.
Der Reporter Dieter Könnes hat versucht, das herauszufinden, ist dabei aber auch nur zu einem zufriedenstellenden Ergebnis gekommen, denn einen authentischen Eindruck, einen Eindruck vom Arbeiten in diesen Fabriken konnte auch er nur bedingt gewinnen. Weil manchen Türen schlichtweg verschlossen blieben. Es bleibt ein Gefühl. Das Gefühl, dass die Menschen dort nicht gut behandelt werden, viel zu wenig verdienen und auch nicht immer unter fairen Bedingungen arbeiten. Natürlich mag es Ausnahmen geben. Aber es gibt dort genug schwarze Schafe. Und was hinter verschlossenen Türen in Textilfabriken in Bangladesch vorgeht, das Unternehmen, für das produziert wird, mal außen vor gelassen, möchte ich eigentlich lieber nicht wissen.

So bleibe ich nach der Reportage auf meinem Sofa zurück. Ich blicke an mir herab. Hose? H&M.; Tshirt? Forvert. Jacke? Adidas. Heute schon mal nichts von Primark. Aber wirklich besser geht's mir damit irgendwie auch nicht. Denn schon wieder tauchen Fragen auf. Unter welchen Bedingungen produzieren andere Textilfabrikanten? Welche Kleidung entsteht unter fairen Bedingungen? Und was kann ich als Verbraucher eigentlich tun? Kann ich mich überhaupt jemals richtig verhalten, wenn ich neue Kleidung kaufe? Oder ist es letztendlich völlig egal, wo ich mein neues Tshirt kaufe?

Ich bin morgen verabredet. Zum Shopping. Ohne Primark, denn das gibt's bei uns ja (noch) nicht flächendeckend. Aber ich bin mir sicher, dass ich trotzdem wieder etwas Schönes finden werde. Und stelle mir jetzt gerade die Frage, ob ich wirklich so viel besser mache, wenn ich mir ein Tshirt für 30 € kaufe. Das wohl im Frühling in den Schrank verbannt wird. Nicht zufriedenstellend.

Bis dann!

Eure Erna

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