Peer Gynt – entrümpelt bis auf den Kern

Peer Gynt – entrümpelt bis auf den Kern

Peer Gynt in der Inszenierung von Sarantos Zervoulakos (c) Karl Forster

Welches Selbstbewusstsein muss ein junger Regisseur aufbringen, wenn Peer Gynt von Henrik Ibsen eine seiner ersten, großen Inszenierungen darstellt? Sarantos Zervoulakos hat offenbar jede Menge Selbstbewusstsein, und wenn man seinen Peer Gynt gesehen hat, den er in Straßburg anlässlich des „festival premières“ präsentierte, darf man auch sagen  – er hat es zurecht.

Ein großer, kahler Baumstamm mit abstehenden Ästen quer über der Bühne liegend, über dem, wie bei einem Ausflugsschiff, eine Lämpchenparade gespannt ist, das ist alles, womit Zervoulakos optisch die Bühne bestückt, um die Geschichte jenes Mannes zu erzählen, der aus der Enge seiner Heimat floh, um das große Glück zu finden. Peer Gynt, jener Träumer und Aufschneider, der sich oft stundenlang an der Seite eines gelangweilten Publikums durch sein abenteuerliches und zugleich auch verkorkstes Leben windet, darf bei dem jungen Nachwuchsregisseur jedoch in eineinhalb Stunden sein Leben mit all seinen vielfältigen Facetten hinter sich bringen. Und diese eineinhalb Stunden vergehen wie im Flug.

Schon in der ersten Szene wird klar, was Sache ist. Während Peer seiner Mutter Aase, die auf ihrem einst so prächtigen, jetzt aber abgewirtschafteten Hof die Blätter fegt, eine Lügengeschichte nach der anderen auftischt, zwitschern die Vögel, gackern die Hühner und grunzen die Schweine – links und rechts vom Bühnengeschehen. Aber nicht als eingespielte Geräuschkulisse vom Band, sondern aus den leibhaftigen Mündern der anderen Schauspielerinnen und Schauspieler, die im Laufe der Vorstellung noch in verschiedene Rollen schlüpfen werden. Was ist das für ein Gezirpe und Gegrunze,Gegackere und ein Gewiehere! Man mag sich gar nicht satthören. Wie gleich zu Beginn, so obliegt es allen Beteiligten, in jeder neuen Szene, die sich optisch nur durch auf der Bühne offen durchgeführte Kostümwechsel unterscheiden, eine passende Geräuschkulisse zu artikulieren. Der Wald, in den Peer Ingrid entführt, beherbergt Eulen und andere Nachtvögel, das Schiff, auf dem Peer beinahe untergeht, wird von tosenden Wellen umspült und einem pfeifenden Sturm umbraust. Geräusche, die samt und sonders von den Schauspielerinnen und Schauspielern produziert werden – und das „ABER HALLO!“

Die Fassung, die Zervoulakos für seine Inszenierung aussuchte, ist jene von Peter Stein und Botho Strauß, die 1971 für Furore in Berlin sorgte, jedoch stark gekürzt. Die Auswahl der Schauspieler, allesamt vom Reinhardt Seminar in Wien rekrutiert, an dem auch der Regisseur 2009 diese Regiearbeit abgab, ist mehr als gelungen. Bei Lukas Spisser als Peer Gynt war zwar in einigen, kurzen Momenten etwas Nervensausen zu bemerken, dennoch war es in jeder Minute eine Freude, ihm zuzuhören und zuzusehen. Ein beachtliches Talent. Ihm wünscht man Glück, auch in Zukunft in so gute Rollen schlüpfen zu dürfen, denn er trägt er das Zeug in sich, einer der ganz Großen auf den deutschsprachigen Bühnen werden zu können. Es wäre aber ungerecht, ihn den anderen voranzustellen. Stefanie Reinsperger, Patrick Seletzky, Wojo van Brouwer, Nadine Kiesewalter, Ulrike Rindermann, Bernd-Christian Althoff und Nike van der Let sind ihm ebenbürtige Partner und Partnerinnen und überzeugen besonders in den komödiantischen Passagen.

Peer Gynt – entrümpelt bis auf den Kern

Peer Gynt und die Trolle in der Inszenierung von Sarantos Zervoulakos (c) Karl Forster

Das Treiben der Trolle in der Halle des Bergkönigs, das nach einer ausgelassenen Neckerei beginnt, in ein lebensbedrohliches  Treiben zu kippen, kann man getrost als ganz großes Theater bezeichnen. Mit wenig Aufwand den größtmöglichen Effekt zu erreichen – auf dieser Klaviatur spielt  Zervoulakos gekonnt. Mit kleinen, aber umso effektvolleren Attributen stattet er seine Figuren aus, die er obendrein rollenpassgenau besetzte. Reinsperger als dümmliche, aber alles beherrschende Brautmutter, als verführende  Trollprinzessin und als mächtiger Kapitän, der mit seiner – ihrer – Stimme den Saal zu füllen wusste, war eine Klasse für sich. Ihr wünscht man viele, viele gute Rollen und einen abrufbaren Terminkalender, um ihr auf ihrem weiteren künstlerischen Weg folgen zu können. Genauso wie  Seletzky, der einmal als Peer Gynts Kind am ganzen Körper blutverschmiert durch einen leuchtend blauen Plastiksack das Licht der Welt erblickt um danach hinkend seinen Vater zu verfolgen. Als Magerer wiederum genügt dem schlanken Hünen ein einzelner hochhakiger, schwarzer Pumps, der seinen Huf markiert, um damit seine höllische Abstammung zu markieren. Nadine Kiesewalter als Aase aber auch als fremder Passagier mit einem Schottencape und –kapuze, lässt in dieser Rolle einen Berliner Dialekt vom Stapel, der in Sekundenschnelle die symbolbelastete Figur mit einer großen Portion schwarzen Humor ausstattet. Jede neue Szene schmiegt sich nahtlos an die vorangegangene an, ohne Vorhang oder Bühnenbildgeschubse. Diese Idee, sowie die  Beschränkung der Lebenserzählung Peer Gynts auf seine Jugend- und Altersjahre erlauben die extreme Straffung, die dem Werk sehr, sehr gut tut. Dazu gehört eine feinsinnige Textanalyse, um aus dem Wust und Überangebot einen Peer herausschälen zu können, der letztendlich in seinem vermeintlichen Scheitern noch berührt.

Spritzige Ideen am laufenden Band, ein beeindruckendes Bühnenbild – in diesem Fall von Raimund Voigt – eine homogene, trotz ihrer Jugend beeindruckende Schauspieltruppe und eine zeitgemäße Adaption sind jene Bausteine zum Erfolg, die der 1980 in Thessaloniki geborene und in Deutschland aufgewachsene Regisseur gekonnt vereint hat. Ein Vorzeigestück, dass ein historisches Stück keine krampfhaft konstruierten Realitätsbezüge aufweisen muss und dennoch zeitgemäß interpretiert werden kann. Für die Aussage, dass  diese Inszenierung ihm nun zumindest in den deutschsprachigen Ländern die Tore öffnen wird, braucht man keine hellseherischen Kräfte besitzen.


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