„Peace. Nagasaki.“ (III)


Ich fuhr nach Tokyo. Dort passierten die meisten Malheurs mit den U-Bahn-Tickets. Man muss das Billett nach dem Kauf am Automaten und vor Betreten der Gleisbereiche in einen Schlitz an einem Durchgang stecken, an dessen Ende einem Minisaloontüren den Weg versperren. Der Fahrschein verschwindet in dem Schlitz, wird weitertransportiert. Dann öffnen sich die Türchen, man nimmt dort das wiederausgespuckte Ticket in Empfang, wenn es noch für weitere Fahrten gilt. Oder es bleibt verschluckt, wenn es Oneway war, und alles ist gut. Wehe aber, man hat ein Ticket, das für einen anderen Ausgang bestimmt ist oder man ist falsch ausgestiegen. Dann gehen die Türchen knallhart und unmittelbar vor der eigenen Schamgegend wieder zu und es ertönt ein Geräusch, das Uniformierte herbeiruft. Die öffnen dann den Ticketschlucker und suchen in einem Behälter nach dem fraglichen Fahrschein. Danach bedeuten sie einem, man müsse woanders raus. Oder das Ticket steckt irgendwo fest, weil man es zum Spaß mal etwas quer in den Schlitz geschoben hatte. Das mögen die Uniformierten nicht. Außer mir stand niemand vor verschlossenen Türen, weswegen ich bald eine Methode fand, das Problem zu umgehen. Ich benutzte einen Seitenausgang am Kabäuschen eines Uniformierten, der die Tickets selbst kontrollierte. Wenn er nickte, ging ich weiter. Wenn nicht, folgte eine kurze, zackige Beschreibung des korrekten Weges, den ich zu nehmen hatte. Erstaunlich, man musste nur den Bewegungen der Hände folgen, schon kam man ans Ziel. Offenbar besitzen Japaner ein besonderes Talent, nonverbal den Weg zu erklären. Dafür gibt es freilich noch  andere Methoden.     Zweimal habe ich mich in Tokyo verirrt. Das eine Mal lief eine Frau minutenlang vor mir her, um mir den Weg zu zeigen. Schließlich waren wir am Ziel. An meinem. Sie durfte nun die ganze Strecke zurücklaufen, denn sie musste ganz woanders hin. Beim zweiten Mal hatte ich vergeblich nach der alten „Tränenbrücke“ Namidabashi gesucht, die meines Wissens in einer Liebesgeschichte von Yasunari Kawabata erwähnt ist. Vor einem Lebensmittelladen stand eine junge Frau, die ich nach dem Weg zurück zu meinem Hotel fragte. Sie bat mich, ein Weilchen zu warten. Kurz darauf kam ein Mann herbei, der sich als ihr Vater erwies, und machte mir mehr in Japanisch als in Englisch klar, dass sie mich zum Hotel fahren würden. Das war mir erst suspekt, dann aber erinnerte ich mich an die Erfahrung meines Schwagers, der in einer ähnlichen Situation im hohen Norden Japans einmal per Auto an seinen verschneiten Wunschort verbracht worden war. Die Fahrt dauerte Stunden. Der Fahrer hatte ihn noch nie zuvor gesehen und wollte gar nicht da hin. Und tatsächlich, auch ich wurde bis vors Hotel gefahren. In einem Ami-Schlitten, der aussah, als hätte er früher Kojak gehört! Arigato.   In den Stadtteilen Shibuya und Shinjuku besah ich mir die bunten Mädchen und jungen Frauen, die sich wie Comicfiguren und asiatische Schlagerstars kleiden. Sie bemerkten meine Blicke und betrachteten mich ebenfalls – wie einen Außerirdischen. Blondierte Japanerinnen in Märchenkostümen begegneten mir auf der Ginza, jener teuren Einkaufsmeile. Man nennt diese Wesen „Burikko“ – auf Kind gemachte junge Frauen. Hier wurde unverblümt dem schnöden Schein gefrönt. Wilder und jugendlicher ging es auf Takeshita-dori zu, der Shoppingmeile im Viertel Harajuku, die die wohl dichteste Konzentration an Modeläden in Tokyo aufweist. Ein kleiner Junge sprang mich mit den Worten „Peace. Nagasaki“ an. Ich lachte vor Überraschung laut auf und kniff ihm in die Seite. Hundert Meter weiter stand er mir wieder im Weg. „Peace. Nagasaki.“ Er war offensichtlich geistig anders drauf und hielt irgendwas in der Hand. Ich glaubte nun, dass er mir was verkaufen wollte und murmelte eine Zeile aus einem buddhistischen Gebet auf Japanisch. Er lächelte glücklich und rannte weg. Danach hatte ich keine Lust mehr auf den ganzen schicken Hype und floh in einen vertraut wirkenden MacDonalds, in dem die längste Japanerin des Universums bediente. Sie überragte mich locker um eine Stirn, weswegen ich sie fragte, wie hoch ihre Absätze seien. „No shoes“, antwortete sie. Und dann keck: „You buy me?“ Dann hielt sie sich schnell eine Hand vor den Mund, als hätte sie sich versprochen. Das MacDonalds-Klo war leider nicht beheizt.   Nachdem ich die restlichen Besorgungen erledigt hatte, die deutsche Bekannte von mir erwarteten, darunter eine japanische Ausgabe von Banana Yoshimotos Kitchen und ein Kimono-Modemagazin, düste ich mit dem Shinkansen in den Nordosten der Hauptinsel Honshu. Der Shinkansen ist so schnell, dass einem auf der ersten Fahrt mulmig werden kann. Ich glaube, der könnte sogar Schumi im Ferrari überholen. Im Shinkansen sitzen viele ältere Japaner, die Sushiboxen aus Holz dabeihaben oder von jungen Frauen kaufen, die Essenswagen durch die Gänge schieben. Wenn diese Frauen einen Waggon betreten, begrüßen sie die Fahrgäste und verneigen sich. Die gleiche Verbeugung geschieht, bevor sie den Waggon wieder verlassen. Auch die Schaffner verhalten sich so. Einer verbeugte sich derart perfekt, dass ich ihn dabei fotografierte und bewundernd einen Daumen in die Luft reckte.   Irgendwann werden die Sushi verspachtelt, das ist die Lieblingsbeschäftigung der Japaner beim Zugfahren. Sehr praktisch, dass man die Sitzreihen drehen und einander zuwenden darf, so kann man sich leicht zum Doppelkopf zusammenfinden. Der Shinkansen kommt nicht nur auf die Minute pünktlich an seinen Zielen an, er hält auch so exakt, dass man immer richtig steht, wenn man die Markierungen an den Bahnsteigen zu deuten weiß und sich einen bestimmten Sitzplatz hat reservieren lassen. Das vermeidet Staus und Gerangel in den Gängen.   In Sendai gibt es eine hübsche Buslinie, die gezielt die Touristenattraktionen ansteuert: Loople Sendai. Trotz seiner weitgehenden Zerstörung im Zweiten Weltkrieg besitzt Sendai noch altertümlichen Charme, den neben seinen Bewohnern vor allem der Zedernwald um die ehemalige Burg ausstrahlt. Im Stadtmuseum und Zuihoden-Mausoleum wird die Bedeutung von Sendais erstem Feudalfürsten Masamune Date, dem „Einäugigen Drachen“, in den Vordergrund gestellt. Er hatte den Ruf, der loyalste Daimyo des Tokugawa-Shogunats und zugleich ein versierter Krieger und Staatsmann, talentierter Poet und Kalligraph gewesen zu sein.    Wer mich kennt, erwartet ein paar Worte über Frauen. Japanische Frauen. In Sendai waren sie am schönsten. Sie lächelten verführerisch, ob in der Touristeninfo, im Hotel oder im Bus, wo ich mich nach dem Daimanji-Tempel erkundigte. Sofort stand hilfsbereit eine Frau auf, die sogar den Abt kannte. Im Tempel lief ich um die langgestreckten Gebäude herum und hämmerte auf verschlossene Türen. Niemand da. Schließlich lugte ich durch ein Fenster und sah zwei Frauen ein Baby wickeln. Ich klopfte an die Scheibe und verzog das Gesicht zu einer Grimasse. Erstaunte Gesichter. Dann grinste ich und die Frauen machten die Tür auf. Tochter und Schwiegertochter des Abtes. Ich ging erstmal auf die beheizte Kloschüssel. Als Hojo-san, der Abt, eintraf, lugte eine Art Netzhemd unter seiner Robe hervor, das half gegen die Hitze. Er fuhr mich den Berg hoch zur Tempelglocke und zu einem Schrein mit vielen Buddhas. Es war schon spät und dunkel und alles verriegelt. Hojo-san legte sich ein nasses Tuch auf seinen kahlen Schädel, doch als ich ihn photographieren wollte, winkte er ab – bei Fotos sind Zen-Meister recht eigen. Ich genoss den Ausblick auf Sendais Lichtermeer. Da huschte eine Gestalt durchs Dunkel und Hojo-san erzählte mir von – „I’m sorry to say“ – chinesischen Banden, die Tempel beklauten, und dass er einen Wächter habe. Später erfuhr ich, dass dieser Wächter früher Obdachloser war und Hojo-san für ihn immer mal etwas Geld ansparte. Da der Mann damit nicht viel anzufangen wusste, schenkte er es gleich weiter. Wir klärten kurz, dass ich auch den vierten Teil von Hojo-sans Shobogenzo-Übersetzung eindeutschen würde, und natürlich fuhr mich der Abt zurück zum Hotel. Allein, ich hatte die Straße vergessen und ließ mich irgendwo aussetzen. Hojo-san glaubte mir nicht so recht und wiederholte, es gäbe doch Zimmer für Gäste im Tempel, aber ich versicherte ihm, das Hotel müsse in der Nähe sein und ein bißchen Laufen täte mir gut. Da haute er mir auf die Schulter und sagte etwas Klassisches wie: „Schüler und Lehrer gehen füreinander in den Tod“ oder so ähnlich. Ja, so sind sie eben, die Zen-Meister.
(gekürzt im Jahr 2000 in der Welt am Sonntag erschienen)

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