OSR Projects bei der SLUICE EXCHANGE BERLIN

Im Kühlhaus Berlin fand vom 16. bis 18. November 2018 die SLUICE EXCHANGE BERLIN statt. Eine tolle Ausstellung, in der Kunst aus Berlin auf Kunst aus England traf. Auf mehreren Etagen konnten die Besucher Ausstellungen von internationalen Künstlergruppen sehen, umrahmt von Art Talks und Musik. Die untere Etage war auf Video-Kunst und Sound fokussiert, während auf den oberen Etagen Malerei, Skulptur, Installation, Bildhauerei und vieles mehr gezeigt wurde. Auch die englische Künstlergruppe OSR Projects war mit dabei.

Die vier britischen Künstler, die derzeit rund um den Globus verteilt in Großbritannien, Schweden und den USA arbeiten, repräsentieren in engagierter Weise die unabhängige Kunstwelt, indem sie in ihren Arbeiten untersuchen, wie globale politische Entwicklungen aussehen und vor allem auf Künstler wirken.

Das „Weather Station“-Projekt wurde als künstlerische Reaktion auf das immer extremer werdende Wetter mit Überschwemmungen und Flutkatastrophen gestartet, um diese auffälligen Veränderungen zu erkunden. Auch ist die Beziehung des Menschen zu Landschaft und Umwelt ein wichtiges Thema bei OSR Projects. In Berlin zeigte die Gruppe die neueste Version ihres spannenden Ausstellungsprojekts. Die Künstler Elaine Fisher, Alexander Stevenson, Laura Hopes und Simon Lee Dicker präsentierten hier ein beeindruckendes Zusammenspiel experimenteller Kunst und globaler Umweltthemen. Gleich zu Beginn fällt auf, wie gut die Künstler aufeinander eingespielt sind und wie sich ihre Arbeiten perfekt ergänzen und miteinander kommunizieren, während jede Arbeit zugleich auch für sich eine wichtige individuelle Aussage hat. In fast durchgehend schwarz-weiß gehalten beschäftigen sich die Künstler in Skulpturen, Malereien, Videokunst und Objekten mit essentiellen Fragen über Natur, unseren Planeten und unsere Beziehung dazu. Sie beziehen sich dabei auf die Elemente selber, z.B. im Treibgut aus dem Meer, das Simon Dicker eindrucksvoll in großformatigen reduzierten Zeichnungen darstellt. Laura Hopes zeigt in einer an naturwissenschaftliche Museen erinnernden Vitrine angereihte Mineralien und Steine, direkt neben modernster Technik (Videokunst auf einem Monitor).

Die Ausstellung auf der SLUICE EXCHANGE

Elaine Fisher beschäftigt sich in ihrer Installation „Spirit Lake“ mit archetypischen Fragen über Weiblichkeit, Seele und Natur. Reduzierte Videoarbeiten von einem fallenden Blatt und einer Krähe im Flug, präsentiert auf zwei Monitoren auf einer oberen und einer unteren Ebene, einer bewussten und einer unbewussten Ebene, ziehen die Betrachter in den Traum von Elaine Fisher mit hinein. Die Installation beinhaltet auch eine gewollt verstörende Sound-Installation, in der man das Geräusch einer Krähe in Slow-Motion hören kann. Die Installation beruhigt und beunruhigt zugleich. Das Symbol der Krähe/des Raben ist ein Symbol, das die Künstlerin schon eine Weile begleitet. Die Künstlerin stammt aus Großbritannien und lebt nun in den USA – beides Länder mit extremen politischen Ereignissen, wie sie betont, und diese Situationen fließen ebenfalls in ihre Arbeit mit ein.

 OSR Projects 2018 _Elaine Fisher_Photo SLD

OSR Projects 2018 _Elaine Fisher_Photo SLD

Bei der Installation fällt die gut gewählte Anordnung der beiden Monitore auf: Der auf der Leiter platzierte Bildschirm zeigt die Krähe mit Sound, für Fisher steht er für das reale, aktive, Leben, die reale und äußere Welt, während der auf dem Boden liegende Monitor das Unbewusste, das „Gefühl“ zeigt. Die beiden Werke bedingen sich gegenseitig. Für Fisher ist es seine spannende Frage, wann etwas im Menschen ans Bewusstsein gelangt. Auch in ihrem eigenen Leben. Eine der Videoarbeiten wurde am Spirit Lake an der Küste des Grand Lake in Colorado gefilmt. Der Name stammt von den Arapaho-Indianern. Grand Lake ist auch der Ort, an dem die Legende des Buffalo entstand, einem übernatürlichen Monster, das aus einem Loch aus dem offenen Wasser aufsteigt in der Mitte eines eisbedeckten Sees im Winter. Auch ranken sich viele weitere Legenden um diesen See, wie z.B. dass man wenn der See gefroren ist, verängstigende Schreie von Frauen und Kindern hören kann. Die Atmosphäre des unheilvollen Eissees wird durch die Reduziertheit und das vorherrschendem Weiß sowie die verstörende Krähen-Sound-Installation von der Künstlerin auf beeindruckende Weise evoziert.

Material spielt auch eine wichtige Rolle bei „Not to be Taken“ (2016) von Laura Hopes. In einem naturhistorisch anmutenden Schaukasten zeigt sie eine Videoarbeit, Steinstücke und einen Tapetenprint. Darin bezieht sie sich auf William Morris, der die Devon Great Consules Bergminen im 19. Jahrhundert leitete, als diese vom Kupferabbau auf die industrielle Produktion von Arsen umstieg. Eben dieses Arsen aus der Mine von Devon Great Consuls wurde verkauft, um das im Nachhinein als giftig berühmt gewordene Pigment „Scheele’s Green“ zu produzieren – das Pigment, das in den berühmten Tapeten von Morris gezeigt wurde.

OSR Projects 2018 _Laura Hopes_Photo SLD

OSR Projects 2018 _Laura Hopes_Photo SLD

Ästhetisch und ohne Fingerzeig gelingt es der Künstlerin, in ihrer Installation auf die Dichotomie der maschinell erzeugten Schönheit der Tapetendrucke von Morris und der zugrundeliegenden Umweltzerstörung und die subtile aber kontinuierliche Vergiftung der Natur durch Arsen hinzuweisen. Die direkte Aufeinanderschichtung eines Abbilds der arsenhaltigen Morris-Tapete und von Naturelementen (reale Steine) in der Installation macht dies bewusst. Verstärkt wird dieses unangenehme Gefühl durch die enge und intime Verdichtung der Objekte in dem kleinen Schaukasten. So wird die Dichotomie fast klaustrophisch verstärkt: Die Schönheit durch maschinelle Produktion und die Umweltverschmutzung, das Zerstörerische, das damit unweigerlich verbunden ist. In „Not to be Taken“ beschäftigt sich die Künstlerin mit einem für sie typischen Thema: Narben in auf den ersten Blick tadellos schönen Landschaften. Diese Narben können verschiedener Art sein, und auch zwiespältig: Wie für das Sublime typisch können sie das Gefühl des „Angenehmen Grauens“, des „lustvollen Schauderns“ im Menschen erwirken.

Der Künstler Alexander Stevenson arbeitet ebenfalls mit einer Kombination aus Videokunst und Installation. In seiner Arbeit  “Untitled (experiments to describe the Southern Ocean as a commons #1)”,(2018) erforscht er die Beziehung des Menschen zu Kartographie und das Gefühl der Verloren-heit. Dabei beschäftigt er sich in seiner Installation mit der noch nicht komplett verzeichneten Geographie des südlichen Ozeans in der Antarktis-Umgebung.

Das Verzeichnis von Standorten, GPS-Systeme und das Gefühl der Sicherheit und der Orientierung, das wir damit verbinden, sind ein wichtiges Thema für Stevenson. Er stellt sich folgende Fragen: Könnte man auch in einer Post-GPS-Welt das Gefühl haben, verloren zu sein? Und ist unser Gefühl von Ort und Ortung auf dem allgemein anerkannten offiziellen System der Kartographie  gegründet? Eindrucksvoll sieht der Betrachter in der Ausstellung eine sich ganz langsam veränderte an Land und Kartographie erinnernde minimalistische Videokunst-Arbeit. Auf dem Boden davor liegt eine weiße Rettungsweste, die sich kaum merkbar selber aufpumpt (15 Minuten lang). Wird hier der in der Post-GPS-Welt „Verlorene“ gerettet? Oder brauchen wir gar keine Rettung? Die Tatsache, dass die Rettungsweste aus Müllbeuteln gefertigt ist, was auf den ersten Blick kaum ersichtlich ist, ist eine der vielen cleveren und subtilen Bezugnahmen auf ökologische Themen in dieser Ausstellung.

 OSR Projects 2018 _Simon Lee Dicker (Bild vorne) und Alexander Stevenson (Installation hinten) _Photo SLD

OSR Projects 2018 _Simon Lee Dicker (Bild vorne) und Alexander Stevenson (Installation hinten) _Photo SLD

Versteckt in einer Ecke liegt eines der Herzstücke der Ausstellung: Eine schwarze, an einen Globus erinnernde Kugel mit abblätternder Farbe, die sich auf den zweiten Blick als aufblasbarer Plastikball entpuppt: Carbon Coated Weather Station (2018):  Sie fasst die Tonalität der Ausstellung und die Beschäftigung mit Umweltthemen, die alle Exponate dieser Ausstellung in klarer und dennoch subtiler Weise innehaben, haben, auf den Punkt zusammen. Das Werk stammt von dem Künstler Simon Lee Dicker. Unterliegende Themen der Arbeit sind das Gefühl der Misanthropie und die Umweltverschmutzung durch Kohlenstoff. Aber auch ästhetische Erlebnisse und Techniken der großen Meister, wie Brueghel und Hieronymus Bosch.

OSR Projects 2018 _Simon Lee Dicker_Photo SLD

OSR Projects 2018 _Simon Lee Dicker_Photo SLD

Die Kugel korrespondiert mit den großformatigen Bildern aus der Reihe „Memento Mori“ (2018) von Dicker, die frei im Raum hängen und fast schon leuchtend helle abstrahierte Zeichnungen von Treibgut aus dem Meer auf düsterem kontrastierendem schwarzen Untergrund zeigen. Die Lichtführung ist hier besonders gut gewählt, und wie mit einer Lupe oder im Spotlight wird hier ein einzelner individueller Gegenstand aus dem Meer symbolisch für das Verbleichen und Verblassen, den Zyklus von Natur und Leben, von Natur und Mensch/Zivilisation in den Fokus gerückt. Die Fragmente von ehemals botanischem Leben im Meer, die an einen tropischen Strand gespült wurden (übrigens reale Fundstücke des Künstlers am Strand von Sri Lanka) werden hier mit Acryl-Farbe, Kreide (Sportlerkreide) und Tinte zu Exponaten in einem imaginären isolierten ansonsten völlig leeren Schaukasten des Menschen. Der Künstler nutzt sie aber auch als Trigger für eine Emotion, die hinter dem verborgen ist, was das Objekt selber enthält. Auch ist hier wieder der ökologische Aspekt extrem wichtig für den Künstler.

Auf den Zeichnungen sieht man deutlich die Spuren der langen und bewegten Reise des Treibguts, Risse, Löcher, Furchen und verblasste Stellen nehmen den Platz von ehemaligem Leben und Unversehrtheit ein. Sie erinnern an Tod und zeigen die persönliche Erfahrung des Künstlers im kollektiven Bewusstsein der globalen Umweltzerstörung. Auch in “A Gift From The Sea –Berlin” (2018) beschäftigt sich Dicker mit der teilweise unheilvollen Koexistenz von Mensch und Umwelt.

Die internationale Zusammenarbeit der Künstler und das Aufeinandertreffen und der Austausch bei Ausstellungen wie der in Berlin sind essentiell für OSR Projects. Dennoch sind sie sich des Zwiespalts bewusst, dass sie sich einerseits mit ökologischen Themen beschäftigen, durch ihre (Flug-)-Reisen um die Welt für gemeinsame Ausstellung jedoch die Umwelt strapazieren und überlegen, wie man damit am besten umgehen sollte. Der ganzheitliche ökologische Gedanke liegt OSR Projects also sowohl in der künstlerischen Arbeit als auch in praktischen Überlegungen stark am Herzen.


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