Online-Abi? Was ist das und wie soll das gehen?

Ja: unsere Tochter macht ihr Abitur online. Nur online. Nach dieser Entscheidung erhielten wir viele kritische aber auch fragende Blicke. Daher hier nun ein Erklärungsversuch.

Warum Online-Abitur?

Dazu muss ich Euch ein wenig von unserer Vorgeschichte erzählen. Mitten im 10. Schuljahr von Michelle starb mein Mann. Bei uns daheim. Überraschend an einem Herzinfarkt. Und wir waren beide dabei.

Diese Erfahrung hat uns beiden ziemlich den Boden unter den Füßen weggerissen. An Schule war eine lange Zeit nicht zu denken.

Als sie sich dann aufraffte, es doch wieder einmal zu versuchen, war das Ergebnis nicht so berauschend, da – aus meiner Sicht – einiges schief gelaufen ist an dem Gymnasium, dass sie besuchte: die Lehrer und Schüler waren auf diese Situation nicht vorbereitet. Daher war nicht verwunderlich, dass niemand wußte, was denn los ist, wenn Michelle weinend zusammenbrach – augenscheinlich ohne Grund.

Wie sich erst später herausstellte, hat der Klassenlehrer niemanden weiter informiert über den Todesfall. Aber natürlich spricht sich so etwas dann doch herum und dann kamen so aufmunternde Sprüche wie: „Nun, sei mal nicht so. War doch nur dein Stiefvater!“ Was soll man dazu sagen? Ich hatte mit mir selbst viel zu viel zu tun, als dass ich mich wirklich für mein Kind hätte wehren können.

Um das Ganze abzuschließen: Michelle konnte die Schule kaum noch besuchen, immer begleitet von Panikattacken und schaffte den Abschluß der 10. nur mit „Güte“ des Gymnasiums (und meiner Zusage, dass sie danach die Schule verlässt).

Nun stand sie vor der schweren Frage: „Was mache ich jetzt?“ Menschen waren ihr noch immer ein Greuel und bis auf wenige Ausnahmen erhielt niemand so richtig Kontakt zu ihr. Aber das ist halt auch sie. Und das ist gut so. Und auch typisch sie: Recherche um recherche betreiben und Mama dann die fertige Lösung präsentieren: Online-Abitur.

Welche Hochschule sollte es sein?

Michelle hat sich im Vorfeld alles selbst ausgesucht und mir eigentlich nur das Ergebnis präsentiert: Fachhochschule in Hamburg. Ihre Entscheidung fiel auf diese Schule, weil die Abiturienten dort mit einem besonders gutem Durchschnitt abschließen und die Unterrichtsfächer gelehrt werden, die für ihr späteres Wunschstudium wichtig sind.

Wichtig war ihr auch: Ansprechpartner, Online-Abgabe der Aufgaben, Skype- oder Telefonmöglichkeiten mit Lehrern. Bonus bei dieser Hochschule: die Kids haben die Möglichkeit, sich bei Interesse zu Lerngruppen zu treffen.

Wie läuft das nun ab?

Nach der Anmeldung erhielt Michelle ein Paket mit den Lehrmaterialien für das erste Vierteljahr. Ab da begann eine 2 monatige Testphase und erst Ender ebendieser die Zahlung.

Es bleibt dem Lernenden komplett selbst überlassen, ob er alleine lernt, oder in Gruppen und in welchem Tempo bzw. ob er seine Arbeiten zwischendurch bewerten lässt oder nicht.

Michelle hat sich einen eigenen Lehrplan erstellt, den sie nun abarbeitet. Derzeit bearbeitet sie ein Fach, füllt Einsendeaufgaben aus und lässt diese dann berichtigen und benoten. Denn nur so hat sie auch die Kontrolle, was richtig war und was nicht.

Was kostet das Ganze?

Nun ja. Der Besuch auf einem staatlichen Gymnasium wäre kostenlos gewesen. Wohl war. Aber nach den gemachten Erfahrungen war mir Geld egal – so lange wir es uns leisten können, werde ich ihr das Online-Abi ermöglichen.

Wir zahlen knapp 140 EUR im Monat auf eine Dauer von 36 Monaten.

Und wie kommt man zum Abitur?

Wenn wir das richtig verstanden haben, muss sie zum Ende für Vorprüfungen nach Hamburg und dann natürlich noch einmal zum Ablegen des Abiturs. Wir haben schon gesagt, dass wir dann einen Familienausflug daraus machen, damit sie nicht alleine an diesem wichtigen Tage ist.

Erste Erfahrungen?

Für zwei Fächer hat sie die ersten Ergebnisse erhalten und war mega happy: die Zensuren waren viel besser als jemals zur Schulzeit. Jeder lernt halt anders und individuell ist manchmal besser. Wie in jeder anderen Schule auch, ist der Unterschied der Lehrer gravierend: einer hat ein ausführliches Profil und bietet Hilfe in seinen Fächern jede Woche per Skype an. Ein andere ist eher wortkarg und berichtigt einfach nur.

Bis jetzt sind wir mehr als zufrieden!!! Wenn sie weiter dran bleibt, schafft sie das auch.


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