Nationalpark Cajas

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Ruta Naturaleza e Historia humana

Nordwestlich von Cuenca befindet sich der wunderschöne Nationalpark Cajas. Vor ca. 15.000 Jahren fand in jenen Anden-Kordilleren – die selbst ca. 26 Millionen Jahre alt sind – ein Vergletscherungsprozess statt: Eine krass unebene Landschaft, welche 3100 bis 4500 Meter ü. NN liegt, eine Vielzahl an Feuchtbiotopen (der Park hat insgesamt 165 Seen), sowie die für dieses Gebiet markanten u-förmigen Täler sind das Resultat.

Am ersten Tag begann ich meine Wanderung um die Lagune Toreadora. Hunderte Grautöne wälzten sich, wie von Alpträumen geplagt, am Himmel. Regentropfen fielen in den See: Die konzentrischen Kreise wurden größer. Noch größer. Und schwächer; dann verschwanden sie in in der silbergrauen Stille – wie irgendwann die Menschheit in der schwarzen Stille des Weltalls verschwindet wird. Das Gras floh vor dem Wind. Tote windschiefe Bäume wankten. Die Böen umschlossen meine Unruhe, drückten, erstickten sie – jene von Städten, Menschen und ihren Phantasien genährte Unruhe.  Und dennoch die Städte, ihre Menschen, unsere Irrungen – sie halten mich fest. Hier aber legte sich die Stille als wärmende Hand auf mein Herz. Hier störte der Regen nicht, hier vervollständigte er das Bild der Natur. Nur in der Stadt mögen wir den Regen nicht – denn dort stellt er unseren Sieg über die Natur in Frage. Hier war der Regen, wie die Brust für den Säugling. Ich hörte noch nie gehörten Vogelgesang. Flügelschläge.

Ich ging Richtung Norden und erreichte den so genannten Papierbaum-Wald (Bosque de Polylepis), der ab einer Höhe von 3300 Meter ü. NN an Seen, an Böschungen, in Schluchten und Bächen wächst. Nur wenige Schritte genügten, um mich in einem Märchen zu wägen. Der Boden war moosbewachsen, weich, nass, er leuchte beinahe. Die Stämme des Polylepis ähnelte Schlangen, die aus dem Boden in den Himmel kriechen. Ihre Rinde schimmerte orangefarben, sie wirkte, als hätte man unzählige durchscheinende Papierfetzen angeklebt. Man konnte sie abziehen wie nasses Pergament. Moose und Flechte konnten folglich auf solchem Grund nicht wachsen.

Ich folgte dem Lauf eines Baches, querte ihn und folgte einem anderen Arm, der bald in die Lagune Totcras eintauchte. Seegras und Berghügel spiegelten sich in ihrem Schweigen. Es wurde sumpfig, meine Füße waren längst nass. Dichte weiße Wolken lagen wie Schlafende auf den Gebirgskämmen. An wenigen Stellen zerriss der Wind den grauen Schleier: Das Blau wirkte wie ein Schauspieler, der zum falschen Akt auf die Bühne trat. Er verschwand, still und beschämt. Der See zwang sich widerspenstig in einen schmalen Flusslauf, an dessen Ufer Einheimischen fischten. Ich erklomm vom grau-gelben Gras bewachsene Hügel. Der Fluss ergoss sich in den Patoquinuas. Ein krumm gewachsener Baum ragte aus der Mündung.

Auf meinem Weg Richtung Ausgang begegnete mir ein Bairdstrandläufer (Calidris bairdii). Ich schien ihn aufgeschreckt zu haben. Er lief links vorbei. Auf meiner Höhe blieb er stehen. Er schaute mich an. Der Wind strich durchs Gras. Ich schaute ihn an. Dann kackte er. Und lief weiter.

Im Gästehaus blickte ich als erstes in den Spiegel.

 

Bosque de Llaviuvu

Am nächsten Tag wollte ich in den Bosque de Llaviuvu des Parkes. Es ging wieder am Busterminal in Cuenca los. Kaum hatten wir die Stadt verlassen, wurde ich aufgefordert zu zahlen. Ich war verärgert, da der Kontrolleur mich noch nicht einmal nach meinem Ziel fragte. Nachdem ich ihn darauf aufmerksam machte, dass ich nur bis Kilometer 17 will und, dass er für diese Strecke keine Zwei Dollar verlangen kann, ging er runter. Ich bat ihn außerdem, mir Bescheid zu geben, sobald wir die Abzweigung zum Park erreichen. Er war zunächst verdutzt. Ich zeigte ihm meine Karte und ließ ihn den Namen der Lagune aussprechen. Er tat sich schwer und griff sich die Mappe, seine Augen wanderten umher. Ja, er würde mir Bescheid geben, alles kein Problem. Nach einiger Fahrt passierten wir eine Abzweigung. Das Schild konnte ich nicht lesen. Es rauschte im Augenwinkel vorbei, aber ich war sicher ein Schild vom Nationalpark gesehen zu haben. Ich war irritiert. Der Bus raste weiter – ihr wisst: Der Zeitplan. Ich schwankte nach vorn und fragte beim Busfahrer und Kontrolleur nach. Nein, das war sie nicht, sie würden mir Bescheid geben und ich könne mich ruhig nach hinten setzten! Mir kam die Fahrt lange vor. Zu lange für 17 Kilometer. Ich schaute aus dem Fenster. Die Berge wurden höher, der Nebel dichter, Sprühregen. Plötzlich! Ein weißer Stein am Straßenrand: „km 25“. Ich fluchte! Die Leute im Bus drehten sich um. Wieder wankte ich zur Fahrerkabine, wutschnaubend. Nein, Señor! Ariba! Ariba! Der Kontrollpunkt ist weiter oben, versicherte der Busfahrer. Der Kontrolleur hielt seinen Mund. Ja, das stimmt, der Kontrollpunkt ist oben und es folgt sogar noch einer, Du Navigator, und noch weiter westlich kommt der Pazifik und dann das chinesische Meer und irgendwann die mongolische Steppe auf der ein Schaf blökt! Was hat das damit zu tun, dass ich bei Kilometer 17 raus wollte? Hier war ich doch gestern! Wir sind zu weit! Viel zu weit! Die beiden schauten verwundert. Ich schmiss ihm die Karte hin. Beide schwiegen. Da wollte ich hin! Und hier sind wir! Ich verlangte sofort aussteigen zu wollen. Und wäre mein Spanisch dazu in der Lage, ich hätte sie mit Worten gesteinigt. Das dreiste war, dass sich beide noch nicht einmal entschuldigten.

Ich stieg aus. Die Straßen wand sich in den Horizont. Nieselregen. Der Wind blies. Der Bus wurde kleiner, leiser. Ich schimpfte hinterher. Und ging. Und ging. Winkte, aber niemand hielt an. Ich ging und trat Kiesel vor mir her. Ein LKW brauste an mir vorbei. Die Männer gestikulierten. Und er wurde kleiner. In einigen hundert Metern Entfernung hielt er an. Die Männer stiegen aus, sie mussten pissen. Einer rief mir zu. Sofort lief ich los. Sie haben es sich doch anders überlegt. Ich nahm auf der Ladefläche, auf der ein Auto transportiert wurde, Platz.

Viel zu spät – weil es hier bereits am frühen Nachmittag zu regnen beginnt – begann ich also meine Wanderung. Am Ufer der Lagune Llaviucu grasten Lamas. Ich stapfte durch Hochland-Gras, unbekannte bunte Büsche – das Rauschen des Rio Taitachugo immer im Ohr. Im Norden und Süden ragten hunderte Meter hohe immergrüne Steilwände in den Himmel. Auf meinem Weg begegnete mir Hasen und, wieder, nie zuvor gesehene Vögel. Später durchquerte ich einen Nebelwald: Der Grund wurde schwarz und sumpfig. Sämtliche Stämme waren mit Moosen und Flechten bekleidet. Der Anstieg wurde beschwerlicher. Ich folgte einem Rinnsal hinauf, kletterte auf hausgroßen Steinen, rutsche immer wieder ab, stürzte zweimal schwer, Wurzeln brachen, ich schnitt mir meine Hände an Gräsern auf. Allmählich wurde die Vegetation lichter, der Wind zügiger. Nebel. Bald würde es zu regnen beginnen, aber „ich war noch in der Zeit“. Nach über drei Stunden, setzte ich mich auf einen Hügel und blickte auf den Taitachugo o Mamamag. Ich aß mein Weißbrot mit Wurst und Senf, Bananen und trank Wasser. Die Natur bot mir ein unvergessliches Schauspiel. In der Ferne wankte ein kleiner roter Rucksack auf dem Jahrhunderte alten Inka-Pfad. Ich drehte an dieser Stelle um, der Regen wurde heftiger.

Auf meinem Rückweg rauschte mir der erste Bus vor der Nase weg. Die anderen hielten nicht. Also tat ich, was ich am Besten kann: Gehen. Und dabei auf Grashalmen kauen. Ich muss über eine Stunde unterwegs gewesen sein, als ein LKW-Fahrer anhielt. Ich stieg ein. Vater und Sohn. Die Musik waren ohrenbetäubend, aber ich war glücklich mitfahren zu dürfen. Beim Bremsen musste der Fahrer immer das Blinklicht betätigen. Im Gewerbegebiet Cuencas schmissen sie mich raus. Und ich tat das, was ich am Besten kann: Gehen. Und auf Grashalmen kauen.



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