Maskenball im Rinderoffenstall

Maskenball im RinderoffenstallFrüher, als Thilo Sarrazin noch im Bundesfinanzministerium saß und die deutsche Einheit plante, war alles einfacher. Das Neue Deutschland druckte, die Aktuelle Kamera las vor, der Rest der Zeitungen im Lande schrieb aufmerksam mit, was zu den Vorteilen von Rinderoffenstall und den praktischen Fortschritten der sozialistischen Landwirtschaft durch die Methoden des Lyssenkoismus zu sagen war. So kam die frohe Botschaft von der Fortsetzung der erfolgreichen Kultur- und Sotialpolitik zum Wohle aller Werktätigen jeden Tag bei jedem Bürger an, niemand musste Angst haben, eine wichtige Mitteilung zu verpassen, nur weil er am Kiosk keine "Junge Welt" mehr abbekommen hatte.
Entsetzlich dann die zwei dunklen Jahrzehnte seitdem. Alle Welt schrieb und kommentierte, wie sie wollte, hier war Hü und dort war Hott, mancher war dafür, andere dagegen dagegen, es wurde gleichzeitig in den Himmel gehoben und in die tiefste Hölle verdammt. Je nachdem, ob der Leser sich für Focus, Spiegel, FAZ, SZ oder Welt entschieden hatte.
Sehr, sehr lange war es einsam um die staatliche Nachrichtenagentur dpa, die mit oft sehr einfallsreich umgeschriebenen Pressemitteilungen von Zeitungsverlagen und Veranstaltungsagenturen versuchte, eine Einheitlichkeit in der Berichterstattung deutscher Medien zu erreichen, wie sie die Macher des Neuen Deutschland einst vorgelebt hatten. Gleichheit könne nicht nur Gleichheit vor dem Gesetz, im Geschlecht und bei den Lebenschancen heißen, hieß es unter der Hand. Gleichheit müsse auch bedeuten, dass jeder alles wisse und wenn nicht, dann wenigstens niemand nichts.
Maskenball im RinderoffenstallDer Fortschritt ist unbarmherzig, auch medial führt eine Autobahn aus den Zeiten der Manufakturschreiberei in den hochintellektuellen und vollindustrielle Copy&Paste-Journalismus. Um sein neues Buch zu promoten, musste Thilo Sarrazin, früher Referatsleiter im Bundesfinanzministerium, nicht mehr tun, als Özlem Topcu und Bernd Ulrich zu einem "Streitgespräch" einzuladen. Das Protokoll einer Hinrichtung, bei der Verhöroffizier und zu Verhörender ihre Rollen tauschten, erschien anschließend nicht nur in der "Zeit", die die beiden journalistischen Opfer gestellt hatte, sondern gleichlautend auch im "Tagesspiegel" und dem "Handelsblatt". Nicht überall ist es dabei gelungen, aufwendig eine neue Überschrift herzustellen oder den Vorspann umzuschreibe. Es muss auch so gehen, in Zeiten, in denen Qualitätsjournalismus es nicht leicht hat, seine altbackene ware an den Mann und die Frau zu bringen.
Das hier aber ist zur Freude von Sarrazins Verlag gelebte Meinungsvielfalt, wie sie die DDR nicht kannte. Thilo Sarrazin, nach Ansicht von Beobachtern ein "bekennder Rassist", eine künftiger NPD-Vorsitzender und ein Moslemhasser, begegnet Topcu und Ulrich wie ein Berg zwei Mäusen. Er weiß, er soll festgenagelt werden, die beiden Schreibhandwerker haben auch ein paar Hand voll eingebildeter Nägel und ausgedachter Hämmer mitgebracht, jedoch bekommen sie ihn nicht zu fassen.
Thilo Sarrazin, soviel steht nach der Lektüre fest, ist nicht dümmer. Als wer, diese Frage muss hier nicht beantwortet werden, denn diese Frage - hier aufgeworfen als "Sind Muslime dümmer?" - beantwortet auch das Zeitungstriumvirat aus dem Holtzbrinck-Verlag sich nicht. Hier geht es vielmehr um knallharte Vorwürfe wie "Sie sagen, dass Intelligenz vererbbar ist", die der Bundesbanker galant ins Leere laufen lässt. Er sagt das nicht, es ist so, und es ist eben nicht wie Ulrich und Topcu glauben machen wollen: Dass schmale Augen eine asiatische Angewohnheit sind, großgewachsene Eltern in der Regel kleingewachsene Kinder bekommen und afrikanisch-stämmige Leichtathleten durch intensives Üben die 100 Meter im Schnitt schneller laufen als Dänen, Koreaner und Sachsen.
Wo die Probleme nicht wegzudiskutieren sind und die Ursachen für jeden sichtbar auf dem Tisch herumliegen, müssen Beispiele her, um das große Bild wenigstens im Kleinen zurechtzurücken. "Mein Vater ist Gärtner, ich bin Akademiker", hält "Die Zeit" Sarrazin vor, obwohl man bisher immer glaubte, ihr Vater Gerd Bucerius sei Rechtsanwalt gewesen, habe unter Hitler promoviert und später tatkrätig beim Bau von Unterkünften für KZ-Häftlinge geholfen. Aber gut, Gärtner also: "Ich denke aber", setzt die Frage fort, "der Unterschied zwischen meinem Vater und mir liegt nicht darin, dass ich intelligenter bin als er, sondern dass ich durch die Bildungsreform der siebziger Jahre mehr Möglichkeiten hatte."
Eigentlich wäre das Gespräch hier nun auch zu Ende. Seit bekannt ist, dass es in Hohenwulsch einen Mann gibt, der hundert Jahre alt wurde, obwohl er immer geraucht hat, ist ja auch die Diskussion um die Krebsgefahr durch Zigaretten beendet. Aber nein, Sarrazin lächelt noch: "Das glaube ich Ihnen ja. Nur ist das so, als wenn ich sage: Im Januar ist es kälter als im August, und Sie daraufhin sagen: Nein, ich kenne einen Tag im Januar 1983, da waren es bei mir auf der Terrasse 15 Grad, und im letzten Jahr war es im August sehr kühl."
Der Mann will offenbar nicht wahrhaben, dass die Probleme, die er noch kaum richtig in die deutsche Medienarena geworfen hat, die dort aber schon geifernd zerfetzt und beinhart bebrüllt werden, gar keine sind. Alle Menschen sind gleich geboren, gleich schnell, gleich groß und gleich intelligent, halten Ulrich und Topcu dem Sozialdemokraten entgegen, zumindest, wenn man sie entsprechend fördert. Eine Neuigkeit ist das nicht, denn schon der sowjetische Agrarwissenschaftler Trofim Denissowitsch Lyssenko hatte in den 30er Jahren herausgefunden, dass die Eigenschaften von Organismen gar nicht durch Gene, sondern durch Umweltbedingungen bestimmt werden. Während die bis heute von Sarrazin vertretene faschistische und bourgeoise Genetik vorgibt, eine Art Vererbungslehre zu sein, wissen fortschrittliche Biologen bei Tagesspiegel, Zeit und Handelsblatt längst, dass aufgrund der von Lyssenko erstmals beschriebenen Artumwandlung unter bestimmten Kulturbedingungen nicht nur aus Weizenkörnern Roggenpflanzen hervorgehen können, sondern sich Japaner andere Augenformen angewöhnen, gebürtige Sorben dunkle Haut bekommen und anatolische Bauern durch Vererbung ihrer Intelligenz dafür sorgen, dass die Intelligenz der Grundgesamtheit der Deutschen steigt.
Das Autorenduo holt der Hetzer dabei dort ab, wo er steht. "Wir sind ja einig: Es gibt Defizite hinsichtlich der Bildung der türkischen Minderheit in Deutschland", spricht "Die Zeit", "wir sind aber nicht der Meinung, dass das irgendetwas mit Genen zu tun hat". Es komme eher aus der Dings. Habe mit dem nunja zu tun. Hänge sicher auch mit dem Genauweißmansnicht zusammen, steht dann zwischen den Zeilen, ehe das Intellektuellenblatt Darwin selbst bemüht. Der habe "sich nie über die Entwicklung des Menschen geäußert", offenbar, weil die Abstammungslehre des Survival of the fittest beim Menschen nicht gilt. Sagt die "Zeit". Thilo Sarrazin muss bei der nächsten Antwort innerlich vor Lachen zusammengebrochen sein. Dass es so einfach sein würde, hat ihm vorher niemand gesagt. Er muss nicht einmal mehr aus Büchern zitieren. Es reicht hier sogar schon, den Buchtitel zu nennen. Das macht er dann auch: In seinem Werk "Die Abstammung des Menschen" habe sich Darwin "ausführlich über die menschliche Entwicklung geäußert und Besorgnis gezeigt, dass die moderne Lebenswelt dazu führen kann, dass der Mensch geistig verkümmert".
Eine Sorge, die nicht unberechtigt scheint, wie die Diskussion im streng überwachten Netzauftrit der "Zeit" ahnen lässt. "Verzichten Sie auf persönliche Kritik am Autor. Danke. Die Redaktion", heißt es dort, knapp gefolgt von "Entfernt. Verzichten Sie auf beleidigende und pauschalisierende Bemerkungen. Die Redaktion" und "Äußern Sie sich bitte sachlich zu den Inhalten des Interviews. Danke. Die Redaktion". Die Demokratie geht gestärkt aus dem Gefecht: "Dagegen war die Leserbriefspalte des Neuen Deutschland zu DDR-Zeiten ein Hort der Meinungsfreiheit", freut sich ein Diskutant.


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