Leid-Kultur

Unser Innenminister hat sich vergangene Woche mal wieder mit dem Thema „Leitkultur" in die Öffentlichkeit gestellt und zum Glück wurde das im Großen und Ganzen mit Spott und Ablehnung beantwortet.

Ihr fragt mich, hier und im echten Leben, immer wieder: „Aber was ist sie denn, die Leitkultur? Und brauchen wir die nicht zur erfolgreichen Integration? Und was ist denn nun typisch Deutsch? Bist Du Deutsche oder Araberin? Sag doch mal, was man tun muss, damit Integration gelingt!"

Auf Letzteres habe ich schlicht keine Antwort. Und das Wort „Leitkultur" finde ich, wie die meisten anderen, die in den letzten Tagen dazu Stellung bezogen haben, ziemlich widerlich, weil es einfach einen gewissen Nazi-Geruch verströmt. Das ewige Leiden und Ringen um eine sogenannte Leitkultur finde ich eher peinlich und überflüssig. Wer will sich denn anmaßen zu bestimmen, was zu diesem Land gehört und was nicht?

Was mich persönlich angeht und die Frage, was ich denn nun bin, oder wer, und welche Rolle eine „Leitkultur" in meinem Leben spielt, dazu kann ich nur Folgendes sagen:

Ich bin Tochter meiner Eltern, die mir beigebracht haben, meinen Verstand einzusetzen und auf mein Herz zu hören. Ich bin Nachfahrin einer Familie, die aus Moslems und katholischen und evangelischen Christen besteht, die aus Pakistan, Saudi Arabien, Schlesien und dem Ruhrgebiet stammen. Ich bin Tochter des Meeres, und bin zu Hause da, wo ganz viel Wasser ist. Ich bin Tochter der Wüste und mein Herz geht auf, wenn die Sonne scheint und dabei ein lauter Gebetsruf über eine große, versmogte Stadt hallt. Ich bin Tochter des Nordens, und mein Herz geht auf, wenn ein rauer Wind über die Elbe weht und ich am Hafen Schiffe zählen kann. Ich bin Tochter des tiefen Westens, wo die Sonne verstaubt.

Ich bin Tochter von Astrid Lindgren und Naguib Mahfouz, von Thomas Mann und Virginia Woolf. Ich lebe in den Wuthering Heights und schicke Aufzeichnungen aus dem Kellerloch. Ich bin Tochter von Gounod, David Bowie und Fairouz, die tanzen kann, egal, welcher Rhythmus spielt.

Ich bin Tochter einer Gesellschaft, die einem Arbeiterkind mit Migrationshintergrund ermöglicht hat, all das zu sein, zu schreiben und zu erzählen.

Und wenn andere auch all das sein dürfen sollen, ohne etwas ablehnen oder ablegen zu müssen, dann gebt ihnen Bildung, gebt ihnen Chancen. Nicht Zäune, nicht Ausgrenzung, nicht Leitkultur.
Leid-Kultur


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