Leben in vollen Zügen

Leben in vollen Zügen Schon wieder früh aufstehen; schon wieder dringlich zum Bahnhof. Ein Regionalexpress wartet dort auf mich. Die Linie 11 oder 21 der Straßenbahn führt mich hin. Einsteigen, sich hineindrängen, einen Stehplatz ergattern und verteidigen. Im Minutentakt rollen sie an, verladen uns Menschen, karren uns zum nächsten Punkt, der überregionale Mobilität garantiert. Der Express harrt dort seiner Dinge. Wenn er nicht zu spät ist. Falls doch, eine Regionalbahn folgt sogleich. Wenn die nicht zu spät ist. Der Express ist es aber nicht. Pünktlichkeit kann vorkommen. Ich betrete den Bahnhof von der einen Seite und zeitgleich rollt von der anderen Seite der Zug ein. Auf Bahnsteig 11. Wie gehabt. Die Bremsen pfeifen, die Türen poltern auf und Menschen aus der Provinz ergießen sich in die Adern der Metropole. Gebt mir eure Müden, eure Armen, eure geknechteten Seelen. Sie umklammern Kaffeebecher. Mobiltelefone. Zeitungen. Im Zug gibt es wenigstens Sitzplätze. Nicht viele kehren der Metropole am Morgen den Rücken zu. Erst nachmittags und abends tun sie dies. Ich tue es dem entgegen.

Der Express rollt. Wackelt. Erzeugt Übelkeit. Er hält nur an wenigen Bahnhöfen, füllt sich jedoch wie ein Magen am Buffet. Andere Züge kommen entgegen. Die Verladung des Humankapitals ist noch nicht abgeschlossen. Sie geschieht in vollen Zügen. Die Großstadt giert nach ihnen, will sie verschlingen und in ihren Schluchten begraben. Will sie aus dem Regionalzug in S-Bahnen, U-Bahnen und Straßenbahnen pferchen, sie ihren Sklavenhaltern vor die Türe bringen. Und wenn sie fertig sind, wenn sie Erholungsphasen brauchen, folgen sie dem morgendlichen Ablauf rückwärts. Ich auch. Erst Regionalbahn, dann Straßenbahn oder S-Bahn und im Anschluss vielleicht noch ein Bus. Überall ist es so eng wie in dem Beförderungsmittel vorher. Gesichter starren einen an. Einer stinkt nach Schweiß. Ein anderer nach Scheiße. Man hat die Wahl. Hinteres oder vorderes Ende der Haltestange? Nahe bei ihm oder nahe bei jenem? Und dann rammt dir eine Frau ihr Fahrrad in die Wade und schielt dich an. Alle haben schließlich ein Ziel, wollen weiter, streben an einen Platz. Sogar Fahrräder mögen mobil sein.
Dann bin ich zurück, sperre die Türe auf und mir fällt ein: Ich will noch hinaus, muss was einkaufen, will flanieren am Fluss. Was spricht gegen ein Bier? Also zurück in die Hosenbeine, runter zur Straßenbahn, die schon freudig bei meinem Anblick bimmelt und eine Station weiter zur S-Bahn. Die bimmelt nicht, freut sich nicht, nimmt mich trotzdem mit. Mürrisch, aber pflichtbewusst. Drei Stationen, dann Ausstieg, ein Stockwerk hinab, die nächste U-Bahn, Linie U6 nach Norden. Sie kennt das Ende der Reise. Aber wenn es regnet, dann lege ich keinen Fußmarsch bis zum Endziel hin, dann steige ich in den Bus, wälze mich durch nasse Leiber und warte, stehe, hoffe auf baldige Ankunft.

Morgen dasselbe erneut. Immer und immer wieder. Dann wird die Straßenbahn spät dran sein, werde ich in den Bahnhof preschen und mich durch Menschen drücken, die eiligen Schrittes in ihr Lohnverhältnis peitschen. Einer mit Schlips strebt auf mich zu, er hat keine Augen für mich, mir steht er im Wege. Wir rempeln uns an. Ich benutze dazu den Ellenbogen. Arschloch. Alle sind wir aufgestachelt, wollen nicht aufgehalten werden, unseren Verpflichtungen nachgehen. Wer uns behindert, wird zu unserem Feind. Die Masse aus der Provinz ist schon da, kommt auf mich zu wie eine Springwelle. Ich werde gewinnen, meine Statur ist mir behilflich. Die Dicken sind die Fitten, sie haben evolutionäre Vorteile beim Pendeln.
Wir warten alle viel in vollen Zügen. Jeden Tag. An manchen Tagen so viel, dass es für zwei Tage reicht. Was da an Zeit erdrosselt wird. Pendeln hin, pendeln her. Unsere Art zu leben. Für sie ziehen wir in Kriege, beuten wir aus, bringen um. Ach, Mobilität, du Zeitenlauf. Und irgendwann werden sie uns fragen: »Na, habt ihr euer Leben genossen?« Und wir werden sie anlächeln und sagen: »Ja, in vollen Zügen.«

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