Lasst mich in Ruhe!

Menschen meditieren unter anderem deshalb, weil sie innehalten und für eine Weile ruhig und still sein wollen. So sass ich neulich mit ein paar Frauen im Kreis. Ich nahm an, dass diese Frauen allesamt Kinder haben. Also entschied ich mich spontan dafür, die Mutterrolle zum Thema der Meditation zu machen: „Ich stelle mir vor, dass Mütter ihr Leben stets auf die Anliegen und Bedürfnisse der Kinder und des Partners ausrichten. Als Mann frage ich mich, ob sich eine Mutter nicht auch nach Momenten des absoluten Alleinseins, des Getrenntseins von allem und allen sehnt. Ich vermute, dass Sie heute hier sind, einfach weil Sie Ihre Ruhe haben wollen?“

In meinem Leben als Mann, Partner, Vater, Sohn und Bruder hat es zahlreiche Momente gegeben, in denen ich ehrlicherweise am liebsten ausgerufen hätte: „Lasst mich doch einfach in Ruhe!“ Und allzu oft habe ich mir den Satz verkniffen, habe mich viel mehr zusammengerissen und die Verzweiflung, die hinter diesen Worten liegt, heruntergeschluckt. Es sind meine machtvollen inneren Stimmen, die mir mit dem Mahn- oder Moralfinger in Erinnerung rufen, dass ich ja ein Kind wollte, und dass ich wieder heiraten wollte, und dass ich meine Arbeit bewusst gewählt habe, und dass ich meine Verträge im Leben freiwillig eingegangen bin, und dass ich Verantwortung übernehmen muss, und dass ich den Kopf nicht in den Sand stecken darf, und dass ich meine Mutter lieben und ehren soll, und dass ich … ! Kennen Sie dieses Lied auch, liebe Leserinnen und Leser?

Und wenn ich in Ruhe gelassen würde? Wie wäre das, wenn mich tatsächlich niemand bräuchte, sich niemand um mich kümmerte? Hielte ich diese Ruhe dann aus? Brauche ich es nicht, gebraucht zu werden? Gibt mir das Nicht-in-Ruhe-gelassen-werden nicht auch das Gefühl, wichtig zu sein und geliebt zu werden? Sind wir Menschen überhaupt in der Lage, uns selbstnährend für wichtig zu halten und zu lieben, ohne die Bestätigung von aussen? Definieren wir uns nicht auch deshalb als soziale Wesen, weil wir einander brauchen und uns somit eben nicht in Ruhe lassen können? Ich bin da immer wieder auch unsicher.

Sich selbst in Ruhe lassen, bedingungslos und immer wieder, das scheint ein Wegweiser zu sein. In der Meditation, der stillen Versenkung in und mit mir, kann ich den „süssen Nektar“ der friedvollen Ruhe manchmal „schmecken“. Es gibt also einen Ort in mir, von wo aus ich mir freundlich und einig mit meinem So-Sein begegnen kann. An diesem Ort lasse ich mich sein.