Kossinna lacht - er lacht und lacht und lacht ....

Die Ancient-DNA-Forschung ruft uns von überall, wo sie hinleuchtet zu: Völker machen die Geschichte, Völker machen die Geschichte, Völker machen die Geschichte

Mit einem behaglichen und zugleich brachialen Gelächter, so schaut der alte Gustaf Kossinna (1858-1931) ( Wiki), jener deutsche Archäologe, der die simple These aufgestellt hat, daß archäologische Kulturen Völker sind (Abb. 1), aus seinem Himmelsstübchen herab. Um dieser These willen war er von den deutschen Archäologen seit 1945 viel kritisiert worden, ja, mitunter ganz tabuisiert gewesen. Und nun lacht er aus seinem Himmelsstübchen herab, hinunter auf seine Nachfolger.

Ein Archäologe, Volker Heyd, hat ihn dabei beobachtet. Und er hat im April-Heft der Zeitschrift "Antiquity" der Welt davon berichtet in seinem Aufsatz "Kossinna's smile" (1, 2). Er dürfte so manche Archäologen im Gespräch miteinander belauscht haben.*) Und erst jetzt wird auch vielen anderen Archäologen allmählich bewußt, daß dieser gute alte Herr Gustaf Kossinna (Gustaf übrigens mit f, nicht mit v!) gar nicht in der Hölle schmort, wo sie ihn seit so vielen Jahren schon hingewünscht hatten um seiner verwünschten Ideen willen, sondern daß er droben im sonnigen Archäologen-Himmel sitzt. Daß er dort lacht und lacht und lacht ... (2, 3).

Er hatte lange stille gesessen dort oben im Himmel. Er hatte lange geschwiegen. Er hatte lange Zeit nur traurig den Kopf geschüttelt. Über die Verbiestertheit und Verklemmtheit seiner vielen Nachfolger. Aber in beschaulicher Betrachtung hat er sich die Weltenläufe hier unten angesehen. Und er wußte ja doch, daß seine Zeit letztlich noch kommen würde. Und siehe da - "ein Jahrhundert wie ein Wimpernschlag": Und schon war sie da, im Jahr 2015, seine Zeit. Und ganz, ganz leise, ganz, ganz sanft begann sich ein Schmunzeln auf seinem Gesicht auszubreiten, ganz sanft (1-6). Und allmählich fing er immer mehr an zu lächeln, allmählich mehr fing er sogar an zu lachen.


Monat für Monat kamen neue Ancient-DNA-Studien heraus. Und mit jeder neuen Studie, die herauskam, wurde sein Lachen lauter und breiter und immer lauter und immer behaglicher. Und neben ihm, da saß der alte Hindenburg, der alte Knaster, sein Freund (Abb. 2), vergrämt und verbittert und voller Mißtrauen über die Nachwelt. Und der wurde doch tatsächlich von dem Lachen seines Freundes Kossinna angesteckt. Und da lachten sie vereint. Und das Lachen wurde immer grausiger. Oh, so grausig.

Und jetzt schreiben wir schon das Jahr 2017. Monat für Monat kommen neue Ancient-DNA-Studien heraus. Kossinna und all die alten Kracher da oben im Himmel kommen gar nicht mehr nach mit dem Lesen, mit dem Studieren und mit dem Lachen. Ihr Lachen ist längst in ein schreckliches, furchtbares, brachiales, tösendes und tobendes Gelächter ausgeartet (7, 8). Dieser alte Kossinna da oben im Himmel, dieser Masure - "So zärtlich war doch sein Suleiken" ( Wiki) - er führt Freudentänze auf und feiert Orgien, Orgien von Fröhlichkeit und Ausgelassenheit. Und sollte man es denken? Auch der alte Hindenburg hopst mit! Ja, wirklich. Er hopst mit! Und alle die Nachfahren von dem Kossinna, die deutschen Archäologen, sie stopfen sich - zutiefst erbost - die Ohren ob des ohrenbetäubenden Lärms da oben im Himmel.

Sie beginnen am Himmel selbst zu zweifeln, sie werden Ungläubige, Atheisten: Wenn selbst ein Kossinna in den Himmel kommt, wer ist dann noch davor gefeit, nicht auch noch mit ihm irgendwann im Himmel sitzen zu müssen? So fragen sie sich. Und sie rufen: Wahn, Wahn, die ganze Welt ist voller Wahn. Und sie werden ins Irrenhaus gesperrt .... Irre, was es alles gibt.

Dabei werden sich die jüngeren und geistig Beweglicheren unter deutschen Archäologen allmählich bewußt, daß sie eigentlich schon froh sein sollten, wenn ihnen der Gott der Wissenschaft nicht seine strafenden Blitze herab sendet auf ihr Haupt, um ihrer Jahrzehnte langen Verklemmtheiten und Verbiesterheiten willen, um derentwillen sie mit hohlem, politisch korrekten Uminterpretieren von Sachverhalten, die zu Tage lagen wie die helle Sonne, ständig so weiter gemacht hatten, Jahrzehnte lang, goutiert von allen Menschen, die "guten Willens sind" und die Völker nicht mehr Gedanken Gottes nennen können, sondern vom Teufel auf diese Erde gesandt, um Unfrieden zu stiften. Ach ja, die Welt ist wirklich nicht mehr so wie man sie sich wünschen möchte, so seufzen die Archäologen. Und wünschten sich zurück in die schöne Zeit der 1970er Jahre als ihre Welt, zumindest ihre Welt noch in Ordnung war ...

Blonde Haarfarbe vor 17.000 Jahren in Sibirien


Nun aber Schluß mit lustig und Geschichten erzählen. Kommt man doch tatsächlich kaum noch hinterher damit, all die neuen Erkenntnisse aus der Ancient-DNA-Forschung auszuwerten, die schon vorliegen. Und wird man tatsächlich einigermaßen irre dabei, das alles auszuwerten, was da an Sturzflüssen über einen herein bricht. Englischsprachige Wissenschaftsblogs werten schon fleißig und regelmäßig aus. Aber auf deutschsprachigen Wissenschaftsblogs ist gähnende Leere und Funkstille zu verspüren (abgesehen von dem vorliegenden Blog). Wie gesagt: Alle Archäologie-Beschäftigten verstopfen sich hier in Deutschland die Ohren, sie wollen es nicht hören, sie wollen, wollen, wollen nicht. Aber schon im März 2017 ist im Preprint eine neue Ancient-DNA-Studie von David Reich und zahllosen Mitarbeitern erschienen"The Genomic History of Southeastern Europe" (7). Genom-Daten von 204 neuen, archäologisch gewonnenen Individuen Osteuropas werden ausgewertet und in Bezug gesetzt zum bisher schon Bekannten. Die vielleicht umwälzendsten Ergebnisse dieser Studie findet man im Anhang (8). Diese sollen zuerst referiert werden. Denn ihnen gegenüber sind die anderen, auch umwälzenden Ergebnisse noch überwälzender. Denn: Sogar die Herkunft der blonden Haarfarbe der Nordeuropäer scheint sich nun aufzuklären. Sie ist schon 17.000 Jahre alt:

The derived allele of the KITLG SNP rs12821256 that is associated with - and likely causal for - blond hair in Europeans is present in one hunter-gatherer from each of Samara, Motala and Ukraine (I0124, I0014 and I1763), as well as several later individuals with Steppe ancestry. Since the allele is found in populations with EHG but not WHG ancestry, it suggests that its origin is in the Ancient North Eurasian (ANE) population. Consistent with this, we observe that the earliest known individual with the derived allele (supported by two reads) is the ANE individual Afontova Gora which is directly dated to 16130-15749 cal BCE (14710±60 BP, MAMS-27186: a previously unpublished date that we newly report here). We cannot determine the status of rs12821256 in Afontova Gora 2 and MA-1 due to lack of sequence coverage at this SNP.

Die blonde Haarfarbe tritt also nach derzeitigem Kenntnisstand zum ersten mal auf bei zwei Individuen, die um 15.000 v. Ztr. bei Afontova Gora lebten. Nanu, wo ist denn das? Nun, das waren Mammutjäger, die am Jenissei bei Krasnojarsk in Sibirien lebten ( Wiki), sage und schreibe 4.100 Kilometer östlich von Moskau ( Wiki). Ausgrabungen finden dort schon seit 1912 statt. Diese blonde Haarfarbe findet sich dann auch bei einigen osteuropäischen Mesolithikern aber scheinbar nicht (?!?) bei den skandinavischen Ertebolle-Leuten. Für sie wird es jedenfalls nicht erwähnt. Wie gleich noch deutlicher wird, scheinen die heutigen "Rassemerkmale" der "nordischen" "Rasse" - na, jedenfalls der Nordeuropäer - über eine Art Mosaik-Evolution zusammen gekommen zu sein.

Erwachsenen-Rohmilch-Verdauung vor 12.000 Jahren im Rhonetal

Auch zur Herkunft, Entstehung und Ausbreitung der angeborenen Erwachsenen-Rohmilch-Verdauung, für die sich Humangenetiker seit Jahrzehnten so stark interessieren, gibt es neue, allerdings noch nicht sehr stark abgesicherte Erkenntnisse:

The approximately 12,000 year old WHG individual Iboussieres-25 appears to carry the derived allele at the SNP rs4988235 that is strongly associated with lactase persistence in present-day Northern Europeans. Four reads at this SNP all carry the derived allele, although we caution that this is a C>T SNP in a non-UDG treated sample and so might be affected by deamination, and two reads at neighboring SNPs do not support the persistence haplotype, at least in a homozygous state (Supplementary Figure S2.3). The observation of this allele, long before domestication and dairying, would be surprising, but might be consistent with observation of lactase persistence in early Neolithic populations in Iberia and Sweden - observations that were themselves surprising based on the absence of persistence in large samples of Anatolian Neolithic and LBK individuals. One possibility is that the allele was widely distributed at low frequencies before being strongly selected in the Bronze Age, perhaps due to the spread of dairying.

Erwachsenen-Rohmilch-Verdauung könnte also schon bei westeuropäischen Jäger-Sammlern um 10.000 v. Ztr. im Rhone-Tal westlich der Alpen vorgelegen haben. Und deshalb überraschend früh auch bei den Trichterbecherleuten, den ersten Bauern in Skandinavien. Daß es die Trichterbecherleute bei ihrer Milchviehhaltung brauchten, ist nachvollziehbar, aber wozu brauchten die dieses Gen vor 12.000 Jahren im Rhone-Tal? Das ist in der Studie nicht weiter behandelt, aber es kann gefragt werden: Haben die sich etwa von ihren Frauen auch noch im Erwachsenenalter "stillen" lassen? Eine solche Möglichkeit könnte ja auch einmal völkerkundlich aufgearbeitet werden. Erinnert man sich doch daran, daß Frauen auf Papua Neuguinea auch kleine Schweinchen, die im Haushalt leben, stillen. Und immerhin ist ja ein solches Geschehen unter Erwachsenen - als "Caritas Romana" - in der europäischen Kunstgeschichte, auch in der christlichen immer wieder einmal thematisiert worden ( Wiki). Und 1903 wurde von einem Carl Buttenstedt regelmäßiges Trinken an den Brüsten der Ehefrau sogar zur Empfängnisverhütung vorgeschlagen ( Wiki). Na, wenn das keine Idee ist.

Helle Haut und blaue Augen bei den Ertebolle-Fischern an der Ostsee


Allgemeiner schreiben die Wissenschaftler über die west- und osteuropäischen (mesolithischen) Jäger-Sammler-Populationen (7):

There is also substructure in phenotypically important variants (Supplementary Information Note 2).

Und über diese phänotypische Varianz heißt es im (8):

At least some Mesolithic hunter-gatherer groups had combinations of phenotypes that are unusual in present-day populations. In particular, western European hunter-gatherers (WHG) typically lacked the variants that contribute to light skin pigmentation in present-day Europeans, though the OCA2/HERC2 variant that is the major determinant of light (including blue) eye color was common).

Die westeuropäischen Mesolithiker hatten also - wie man schon aus anderen Studien erfahren hatte - dunkle Haut und blaue Augen, eine ungewöhnliche Kombination. Die Gründe für diese auffallende Merkmalskombination könnten in einem genetischen Flaschenhals-Ereignis gefunden werden. Heißt es doch weiter:

Mesolithic hunter-gatherers have been shown to have had lower genetic diversity than either Neolithic farmers, or present-day Europeans.

Die mesolithischen Gruppen waren also intern genetisch einheitlicher als die nachfolgenden Bauern und die heutigen Europäer. Die genetischen Daten legen nahe

a stronger bottleneck in WHG relative to EHG

also ein stärkeres populationsgenetisches Flaschenhals-Ereignis für die westeuropäischen Mesolithiker als für die osteuropäischen. Sie gingen also aus einer kleineren Gründerpopulation hervor als die osteuropäischen und waren deshalb genetisch noch einheitlicher als die osteuropäischen. Das werden populationsgenetische Flaschenhals-Ereignisse am Ende der Eiszeit und bei der Ausbreitung des Waldes in Mitteleuropa gewesen sein. Oder sie sind noch älter? Weiter:

We show that Mesolithic and Neolithic individuals from Ukraine, Latvia and the Iron Gates had, like Scandinavian and Eastern hunter-gatherers, intermediate to high frequencies of the derived skin pigmentation allele at SLC24A5. Unlike Scandinavian and Eastern hunter-gatherers, however, they have low frequency of the derived SLC45A2 allele.

Wenn ich das recht verstehe, hatten also die skandinavischen und osteuropäischen Mesolithiker (sprich Ertebolle-Kultur und zeitgleiche) helle Hautfarbe sogar aufgrund von zwei Genvarianten, die weiter südlicher lebenden ebenfalls helle Hautfarbe, aber nur aufgrund einer Genvariante. Beide kombinierten helle Hautfarbe mit blauen Augen. Bei ihnen war also tatsächlich schon jener heutige nordeuropäische Phänotyp vorhanden, der so ausgeprägt weder bei den zuwandernden mediterranen Bauern noch doch offenbar bei den ursprünglichen Indogermanen vorhanden war. Er wird nach der Zuwanderung der beiden Völkergruppen (Trichterbecher, Schnurkeramiker) in Nord- und Mitteleuropa über Selektionsprozesse nicht verloren gegangen sein trotz der Vermischungen mit den mediterranen Bauern, bzw. mit den ursprünglichen Indogermanen. Und da sich die so veränderten Schnurkeramiker 500 Jahre später über die Shintaschta-Kultur des Urals ab 2.100 v. Ztr. bis nach Sibirien und als Tocharer bis nach Innerasien ausbreiteten, werden sie hierbei dann den uns bekannten "typischen" indogermanischen Phänotyp dorthin mitgebracht haben, den ja die tocharischen Wüstenmumien auch aufweisen, und den offenbar die braunhäutigen und dunkeläugigeren Urindogermanen an der Wolga so noch nicht aufgewiesen hatten. Weiter:

The derived OCA2/HERC2 allele associated with light (particularly blue) eye color is common in WHG, SHG, and hunter-gatherers from Latvia, but at low frequency in hunter-gatherers from Ukraine and the Iron Gates.

Blaue Augen gab es also bei den Mesolithikern im Norden Europas - aber nicht so häufig in der Ukraine und am Eisernen Tor im Donauraum. So langsam formt sich von der Ancient-DNA-Forschung her ein Bild, das mit allen uns bekannten historischen Erscheinungen nun auch zusammen paßt. Weiter heißt es über die blaue Augenfarbe:

This allele appears to be differentiated in a North-South gradient, as it is today - suggesting the possibility of long-term balancing selection due to geographic variation in selective pressure. The WHG phenotype of light eye and dark skin pigmentation thus appears to be restricted to western Europe and is far from universal in European hunter-gatherers, with light skin pigmentation common in Northern and Eastern Europe before the appearance of agriculture.

Ja, jetzt ist das Bild allmählich "rund". Vieles, was man bis dato noch nicht richtig hatte einordnen können, was irgendwie "counter-intuitive" war, würde sich damit klären.

Typisch ostasiatische genetische Merkmale bei den Ertebolle-Fischern an der Ostsee

Jene Variante des EDAR-Gens, das bei den Ostasiaten dickeres Haar, eine größere Zahl von Schweißdrüsen in der Haut, kleinere Brüste und die bei ihnen typischen Zahnmerkmale hervorruft (ganz schön viel für eine Genvariante!), fand sich schon in einer Ancient-DNA-Studie aus dem Jahr 2015 bei drei (von sechs) Individuen in Motala in Schweden (also Ertebolle) (5.900-5.500 v. Ztr.), dann bei zwei Individuen der urindogermanischen Afanasevo-Kultur in Sibirien (3.300-3.000 v. Ztr.) und bei einem Skythen (400-200 v. Ztr.) ( Wiki). Damit in Übereinstimmung findet es sich nun auch bei einem mittelneolitischen Letten:

The derived allele of rs3827760 in EDAR, which is common and has been a target of strong selection in the ancestors of present-day East Asians, is present in a single copy in one Middle Neolithic individual from Latvia (I4435), consistent with previous observations of the allele in hunter-gatherers from Motala in Sweden. This continues to support the possibility that this allele may have originated in the Ancient North Eurasians and not in ancestral East Asians.

Nun, man möchte meinen, daß nach den bisherigen Zeitstellungen dieser Variante die Möglichkeit auch nicht ausgeschlossen sein muß, daß sie sich mit der Keramik, mit der Hirse und mit der osteuropäischen Hausmaus von Ostasien aus unter den Völkern Osteuropas ausgebreitet haben könnte. Aber diesbezüglich wird wohl noch nicht das letzte Wort gesprochen sein.

Innereuropäische Wanderungen und Vermischungen im vorneolithischen Mesolithikum?

Nach diesem einleitenden Blick in den "phänotypischen" Anhang zurück in die Hauptstudie. Über die ausgewerteten Genreste in Menschenknochen der Ukraine wird gesagt (7):

On the cline from WHG- to EHG-related ancestry, the Mesolithic individuals fall towards the East, intermediate between EHG and Mesolithic hunter-gatherers from Sweden (Figure 1B).

Also die ukrainischen Mesolithiker stehen auf der Mitte zwischen skandinavischen und osteuropäischen Mesolithikern. Ob es da zuvor eine Vermischung gegeben hat? Sind Leute der Ertebolle-Kultur Richtung Süden gewandert? Hier stellen sich - meines Wissens - ganz neue Fragehorizonte an die Archäologie. Und weiter zum ukrainischen Neolithikum (7):

The Neolithic population has a significant difference in ancestry compared to the Mesolithic (Figures 1B, Figure 2), with a shift towards WHG shown by the statistic D (Mbuti, WHG, Ukraine_Mesolithic, Ukraine_Neolithic); Z=8.9 (Supplementary Information Table 2).

Das Neolithikum (das hier nur Keramik und noch nicht Ackerbau bedeutet haben wird) soll im Zusammenhang mit einer Zuwanderung durch westeuropäische Mesolithiker entstanden sein? Diese westeuropäischen Mesolithiker waren überhaupt weit verbreitet, nämlich in einem Gebiet zwischen Sizilien im Süden, dem Balkan im Osten und dem Atlantik im Westen, sowie im Norden bis Luxemburg (7). Vierzig Individuen aus der Gegend des Eisernen Tors im Donauraum konnten in dieser Studie neu untersucht werden. Sie haben 85 % westeuropäische und 15 % osteuropäische Gene. Wie kann man sich die Ausbreitung dieser westeuropäischen Mesolithiker vorstellen? Mitteleuropa war ja flächendeckend mit Wald bedeckt. Vornehmlich kann das über Gewässer vonstatten gegangen sein.

Der Donauraum im Frühneolithikum - Auch hier gab es in Rückzugsräumen einheimische Fischer


Auch bei Lepenski Vir an der Eisernen Pforte in Serbien im Donauraum finden sich Mischbevölkerungen, die hauptsächlich von Fischen leben neben rein medierranen Bauernvölkern, die bäuerliche Ernährung haben. Also ähnliche Verhältnisse also wie sie schon aus der Blätterhöhle in Westfalen und im Schweriner See im Ostseeraum im Früh- bis Mittelneolithikum bekannt geworden waren. Die Einheimischen lebten weiter ihren bisherigen Lebensstil in Rückzugsräumen, vermischten sich aber auch mit den Zuwanderern. Da sie aber viel kleinere Populationsgrößen hatten, war ihr genetischer Anteil auch in späteren Generationen der Zuwanderer zunächst nicht sehr groß. Solche Mischbevölkerungen scheinen sich als Ausnahmen auch anderswo auf dem Balkan zu finden, wo aber ansonsten - wie auch sonst in Europa - eine einheitliche mediterrane Bauernbevölkerung siedelt.

In der Kupferzeit steigt auch in den Bauernkulturen des Balkanraumes wieder der Genanteil der einheimischen Bevölkerung. Überall ein ähnliches Bild. Verrückt. Gleichzeitig tritt damit wieder vermehrt Grablegung in Rückenlage auf wie bei den Mesolithikern, während die mediterranen Bauern Hockerlage kannten.

Die Pelasger im Peloponnes stammen aus dem Kaukasus


Eine besondere Geschichte ist auf der Peloponnes in Griechenland zu finden. Hier fanden sich fünf bäuerliche Individuen mit einer genetischen Herkunft von Jäger-Sammlern aus dem Kaukasus ("Caucasus Hunter Gatherers" = CHG)! Darüber heißt es (7):

D-statistics (Supplementary Information Table 2) show that in fact, these "Peloponnese Neolithic" individuals dated to ~4000 BCE are shifted away from WHG and towards CHG, relative to Anatolian and Balkan Neolithic individuals. We see the same pattern in a single Neolithic individual from Krepost in present-day Bulgaria (I0679_d, 5718-5626 BCE). An even more dramatic shift towards CHG has been observed in individuals associated with the Bronze Age Minoan and Mycenaean cultures, and thus there was gene flow into the region from populations with CHG-rich ancestry throughout the Neolithic, Chalcolithic and Bronze Age. Possible sources are related to the Neolithic population from the central Anatolian site of Tepecik Ciftlik, or the Aegean site of Kumtepe, who are also shifted towards CHG relative to NW Anatolian Neolithic samples, as are later Copper and Bronze Age Anatolians.

Aus Mittelanatolien haben sich also bäuerliche Kulturen nach dem Peloponnes und nach Bulgarien ausgebreitet unabhängig von der sonst in Europa zu beobachtenden Ausbreitung der nordwestanatolischen Bauern. Und diese Bevölkerungen scheinen auch die Ausgangspopulation gewesen zu sein für die Besiedelung Kretas in minoischer und mykenischer Zeit. Also sind das doch die - - - Pelasger ( Wiki)! Man hütet sich in der Studie, ihren Namen zu nennen. Aber sie stehen doch wie der Elefant, den keiner zu nennen wagt, mitten im Raum. Unglaublich faszinierende Geschichten. Geschichten, die oft die betreffenden Völker selbst von sich gar nicht gewußt haben werden. Oder können die Pelasger gewußt haben, daß sie aus dem Kaukasus stammten?

Männer machten die Geschichte - Auch im Mittelneolithikum


Außerdem wird ausgeführt, daß der Wiederanstieg der einheimischen Genfrequenzen in den mittelneolithischen Kulturen Europas insgesamt mehr auf Männer als auf Frauen zurück zu führen ist (7). Natürlich haben wieder einmal die Männer die untergehende Bandkeramik bekriegt und unterworfen, die Männer häufiger als die Frauen getötet und die Frauen geheiratet. Klar, so machte man das doch als Mann und Krieger bis in antike Zeiten hinein. Für die Schnurkeramiker wurde das ja schon früher festgestellt.

4.900 v. Ztr. - Die Sredny-Stog-Kultur in der Ukraine war nicht indogermanisch


Weiter heißt es (7):

Unexpectedly, one Neolithic individual from Dereivka (I3719), which we directly date to 4949-4799 BCE, has entirely NW Anatolian Neolithic-related ancestry.

Dereivka ( Wiki) liegt mitten im Nordschwarzmeer-Gebiet und die dortigen Funde werden der Sredny-Stog-Kultur zugerechnet, die dann später von der Yamnaja-Kultur überlagert wurde. So weit nach Osten drangen also die mediterranen Bauern in der Ukraine vor. Die Indogermanen der Yamnaja-Kultur vermischten sich dann mit diesen mediterranen Bauern (7):

We report three Yamnaya individuals (...) from Ukraine and Bulgaria and show that while they all have high levels of steppe-related ancestry, one from Ozera in Ukraine and one from Bulgaria (I1917 and Bul4, both dated to ~3000 BCE) have NW Anatolian Neolithic-related admixture, the first evidence of such ancestry in Yamnaya-associated individuals (Figure 1B,D, Supplementary Data Table 2). Two Copper Age individuals (I4110 and I6561, Ukraine_Eneolithic) from Dereivka and Alexandria dated to ~3600-3400 BCE (and thus preceding the Yamnaya complex) also have mixtures of steppe- and NW Anatolian Neolithic-related ancestry (Figure 1D, Supplementary Data Table 2).

Hier deutet sich an, daß schon die Vorgängerkultur der Yamnaya expansiv war. Auch das hatten schon verschiedene archäologische Daten nahegelegt.

5.300 v. Ztr. - Die Cucuteni-Tripolie-Kultur war nicht indogermanisch

Four individuals associated with the Copper Age Trypillian population have ~80% NW Anatolian- related ancestry (Supplementary Table 3), confirming that the ancestry of the first farmers of present-day Ukraine was largely derived from the same source as the farmers of Anatolia and western Europe. Their ~20% hunter-gatherer ancestry is intermediate between WHG and EHG, consistent with deriving from the Neolithic hunter-gatherers of the region.

Das heißt, die berühmte Cucuteni-Tripolye-Kultur (5.200-3.500 v. Ztr.) ( Wiki, engl.) mit ihren auffälligen, bemerkenswerten "Großsiedlungen" (Abb. 4) war auch mediterraner Abstammung, es sind noch keine Indogermanen bei ihnen nachgewiesen worden. Sie erstreckte sich vom Ostrand der Karpaten bis zum südlichen Bug. Und insbesondere die englischsprachigen Wikipedia-Artikel über sie berichten schon sehr differenziert und ausführlich über diese überraschend gut erforschte Kultur. Sie ging also - wie die Bandkeramik - sowohl kulturell wie genetisch aus der Starcevo-Körös-Kultur des Balkans hervor. Sie hat wie die beiden anderen genannten ersten Bauernkulturen Europas ursprünglich mediterraner Herkunft vor allem Muttergottheiten (Fruchtbarkeitsgöttinnen) abgebildet in Figurinen. Sie entstand 400 Jahre später als die Bandkeramik, wies aber eine überraschend lange, deutlich dauerhaftere gesellschaftliche und kulturelle Stabilität auf als die Bandkeramik. Auf Wikipedia heißt es:

Throughout the 2,750 years of its existence, the Cucuteni-Trypillia culture was fairly stable and static.

Mit Bezug auf die in dem vorliegenden Blogartikel erörterte Studie heißt es über diese Kultur auf Wikipedia:

A 2017 ancient DNA study found evidence of genetic contact between the Cucuteni-Trypillia culture and steppe populations from the east from as early as 3600 BCE, well before the influx of steppe ancestry into Europe associated with the Yamnaya culture.

Wo sich das in der Studie eigentlich findet, müßte noch einmal genauer heraus gesucht werden. Kontakt heißt ja noch nicht "Überlagerung" oder stärkere Beeinflussung. Die Indogermanen treten hier vielmehr erst kurz vor dem Untergang dieser Kultur auf. Über die soziale Komplexität dieser Kultur ist zu erfahren (Wiki engl.):

Like other Neolithic societies, the Cucuteni-Trypillia culture had almost no division of labor. Although this culture's settlements sometimes grew to become the largest on Earth at the time (up to 15,000 people in the largest), there is no evidence that has been discovered of labour specialisation. Every household probably had members of the extended family who would work in the fields to raise crops, go to the woods to hunt game and bring back firewood, work by the river to bring back clay or fish and all of the other duties that would be needed to survive. Contrary to popular belief, the Neolithic people experienced considerable abundance of food and other resources. (...) The primitive trade network of this society, that had been slowly growing more complex, was supplanted by the more complex trade network of the Proto-Indo-European culture that eventually replaced the Cucuteni-Trypillia culture.

Auch entwickelte sie womöglich noch komplexere gesellschaftliche Strukturen als die Bandkeramik. Denn sie bildete spätestens um 4.000 v. Ztr. in der Ukraine stadtartige Siedlungen aus, sogenannte "Megasite"'s. Eine solche komplexe Siedlungsweise wird - wie die Bandkeramik - die Hausmaus aufgewiesen haben. Und wenn um diese Zeit die osteuropäische Hausmaus schon in Varna zugange war, wird sie auch in diese Megasite's zugange gewesen sein.

3.100 v. Ztr. - 2.700 v. Ztr. - Die Kugelamphoren-Kultur war nicht indogermanisch


Die berühmte lettische Archäologin Marija Gimbutas, die Begründerin der Kurgan-Hypothese zur Herkunft der Indogermanen, die sich heute als rundum bestätigt erwiesen hat, hatte außerdem noch angenommen, daß die Schnurkeramiker aus ihrer Vorgängerkultur, der Kugelamphoren-Kultur ( Wiki) (engl. Globular Amphora Complex), hervorgegangen wären. Diese Annahme wird durch die genetischen Daten nicht (!) bestätigt (7). Es finden sich - wie sonst - erhöhte einheimische Genanteile vermischt mit mediterranen Genanteilen, aber keinerlei indogermanische Gene. - Es wird wohl keinen Archäologen der Geschichte geben, dessen Theorien alle zu 100 Prozent bestätigt wurden durch die weiteren Entwicklungen in der Forschung. Weder gilt das für den lachenden Herr Kossinna, der sich die Urheimat der Indogermanen bestimmt nicht an der Wolga vorgestellt hat. Noch auch gilt das für die ähnlich derzeit lachende Marija Gimbutas. Mich wundert sowieso, daß die deutschen Archäologen alle den Kossinna in ihren Ohren lachen hören. Warum schreiben sie keine Aufsätze mit dem Titel "Gimbuta's smile"? Das fände ich viel naheliegender. Ihre Kurgan-Theorie wurde im Wesentlichen erst nach 1945 vertreten und veröffentlicht und war schon viel dichter auch am heutigen Forschungsstand dran als ausgerechnet der olle Kossinna. Und auch Frau Gimbutas ging doch von Völkern aus. Aber manche Traumata der (Wissenschafts-)Geschichte wirken so stark nach, daß sie sich nur an einen Namen heften, mag er auch noch so alt sein. In diesem Fall an den Namen Gustaf Kossinna.

4.700 v. Ztr. - Die ersten Indogermanen in Varna in Bulgarien


Und nun finden sich die ersten indogermanischen Gene in Varna in Bulgarien, diese Region gehört zum westlichen Teil der Cucuteni-Tripolje-Kultur (7):

In two directly dated individuals from southeastern Europe, one (ANI163) from the Varna I cemetery dated to 4711-4550 BCE and one (I2181) from nearby Smyadovo dated to 4550-4450 BCE, we find far earlier evidence of steppe-related ancestry (Figure 1B,D). These findings push back the first evidence of steppe-related ancestry this far West in Europe by almost 2,000 years, but it was sporadic as other Copper Age (~5000-4000 BCE) individuals from the Balkans have no evidence of it. Bronze Age (~3400-1100 BCE) individuals do have steppe-related ancestry (we estimate 30%; CI: 26-35%), with the highest proportions in the four latest Balkan Bronze Age individuals in our data (later than ~1700 BCE) and the least in earlier Bronze Age individuals (3400-2500 BCE; Figure 1D).

Schon in der Zusammenfassung der Studie (Abstract) hieß es am Anfang (7):

... steppe ancestry in individuals from the Varna I cemetery and associated with the Cucuteni-Trypillian archaeological complex, up to 2,000 years before the Steppe migration replaced much of northern Europe's population.

Über die genetische Herkunft der Indogermanen heißt es in dieser Studie wieder etwas genauer:

Steppe-related ancestry itself can be modeled as a mixture of EHG-related ancestry, and ancestry related to Upper Palaeolithic hunter-gatherers of the Caucasus (CHG) and the first farmers of northern Iran.

Also sowohl Jäger und Sammler, wie Bauern aus dem Kaukasus und dem nördlichen Iran sollen genetisch Einfluß genommen haben auf die nördlich lebenden osteuropäischen Jäger und Sammler bei der Ethnogenese der Indogermanen.

Jedenfalls: Wenn es 4.700 v. Ztr. schon Indogermanen in Varna gab, aber im Zwischenraum die Cucuteni-Tripolya-Kultur die bisherige (mediterrane) Genetik aufweist, dann müssen indogermanische Eroberer-Gruppen diesen Kulturraum umgangen haben bei ihrer Expansion nach Varna. Da wird man künftig sicher noch vieles Neue erfahren über die Wechselbeziehungen zwischen Indogermanen und Cucuteni-Tripolije-Kultur. Auch scheint der Zuwanderer-Anteil der Indogermanen in Varna im ersten Jahrtausend ihrer dortigen Anwesenheit nicht sehr hoch gewesen zu sein. Vielleicht findet man den dann auch andernorts erst noch später? Er stieg jedenfalls in Bulgarien erst in der Bronzezeit an, entweder also durch weiteren Zuzug oder durch größere Kinderzahlen der schon früh Zugewanderten.

Keine frühen Indogermanen in Anatolien


Die Forscher finden keine Hinweise darauf, daß die Indogermanen zu dieser frühen Zeit nach Anatolien eingedrungen wären, wodurch wiederum eine Theorie zum Ursprung der indogermanischen Sprachen wiederlegt ist (die "anatolische"). Dazu schreiben nun David Reich und Mitarbeiter (7):

An alternative hypothesis is that the ultimate homeland of Proto-Indo-European languages was in the Caucasus or in Iran. In this scenario, westward movement contributed to the dispersal of Anatolian languages, and northward movement and mixture with EHG was responsible for the formation of a "Late Proto-Indo European"-speaking population associated with the Yamnaya Complex.

Das dürfte noch eine ziemlich kühne These sein. Aber bei David Reich weiß man nie ... Meistens weiß er schon mehr als er sagt und schreibt. Auf welche Sprachstammbaum-Theorien diese Ausführungen sich beziehen (anatolische indogermanische Sprachen, die sich abspalteten vor den "späten Proto-Indoeuropäischen Sprachen"?), das müßte noch herausgesucht werden.

Die Indogermanen kommen spät nach Lettland


Über Lettland heißt es in der Studie (7):

We find (Supplementary Data Table 3) that Mesolithic and Early Neolithic individuals (Latvia_HG) associated with the Kunda and Narva cultures have ancestry intermediate between WHG (~70%) and EHG (~30%), consistent with previous reports.

Auch hier ist der westeuropäische mesolithische Anteil überraschend hoch. Zwischenzeitlich, so wird dann ausgeführt, könnte es noch zu Verschiebungen in den Genanteilen in Lettland gekommen sein. Und irgendwann in der Endzeit der Schnurkeramik kamen die Indogermanen nach Lettland. Soweit ein Überblick über wichtige neue Einsichten dieser Studie. Dabei sind die umfangreichen Anhänge noch kaum ausgewertet worden (außer einigen Seiten, siehe oben). Vielleicht trage ich das später noch nach. Insbesondere sehenswert sind auch die schönen Grafiken, die man hier in den Blogbeitrag herüber holen müßte, insbesondere die Hauptkomponenten-Analyse mit den eingetragenen neuen Ergebnissen. - Ganz richtig heißt es am Ende der Studie:

While this study has clarified the genomic history of southeastern Europe from the Mesolithic to the Bronze Age, the processes that connected these populations to the ones living today remain largely unknown. An important direction for future research will be to sample populations from the Bronze Age, Iron Age, Roman, and Medieval periods and to compare them to present-day populations to understand how these transitions occurred.

Abschließend: Ich weiß, der Bezug zum Titel und zur Einleitung geht im Verlauf der Ausführungen dieses Blogartikels ziemlich verloren. Aber klar geht doch aus fast allen Ausführungen hervor, daß überall Völker die Geschichte machen über Migrationen und Vermischungen, und daß Kultur nur in Ausnahmefällen von Menschen anderer Genetik angenommen und nicht oder wenig verändert weiter geführt wird, jedenfalls von Menschen mit anderer Genetik als jener Menschen, die diese Kultur hervorgebracht haben. Es besteht also ein Band zwischen Genen und Kultur, die sogenannte Gen-Kultur-Koevolution. Und wir können immer besser erforschen, wie dehnbar dieses Band ist und ab wann (ab welchem Zuwanderer-Anteil?) es zerreißt. Deshalb sind Titel und Einleitung durchaus berechtigt: Durch alle Ausführungen dieses Blogartikels hindurch lacht der alte Gustaf Kossinna, er lacht und lacht und lacht .... Und zwischendrein hört man das glockenhelle Lachen der jungen Marija Gimbutas. Ok, stellen wir sie uns einfach einmal jung vor.

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*) David Reich holt auf die Frage, wie die Archäologen auf die neuen Ergebnisse reagiert haben, in angemessener Weise weiter aus (1):

Ich denke, das ist eine gute Frage. Archäologen sind Wissenschaftler, sie sind stark daran interessiert zu probieren herauszubekommen, was sie über die Vergangenheit lernen können. Und ihre wissenschaftliche Gemeinschaft hat Naturwissenschaft wieder und wieder und wieder als einen Weg begrüßt, um etwas Neues über die Vergangenheit zu lernen. Was nun hier in der Archäologie passiert, das ist sehr ähnlich zu der C14-Revolution, als man mit dem Jahr 1949 (...) herausbekam, daß man Funde datieren kann (...) und daß dadurch eine absolute Chronologie für die Vergangenheit erstellt werden kann. Und dies widerlegte viele Annahmen über die Vergangenheit. Die ersten Steinmonumente stammen nicht aus dem Nahen Osten, aus Ägypten und Mesopotamien, sie traten vielmehr erstmals in Westeuropa auf und an Orten wie Stonehenge.

Nun, da nennt er - klugerweise - eher ein Ausnahmephänomen (das im übrigen mit Göbekli Tepe sogar ebenfalls als solches infrage gestellt werden kann). Aber auf die Regel kommt er ja dann auch schon im nächsten Satz zu sprechen:

Also alle Chronologien zeigen, daß alle Erfindungen aus dem Nahen Osten kamen und daß sich die Zeitspannen alle verändert haben. Die Archäologen haben diese neuen Techniken der Naturwissenschaft begrüßt wieder und wieder und begrüßen auch diese neue. Ich denke, es gibt hier in der Genetik eine besondere Sensibilität, denn wir reden hier über die Bewegung von Menschen und das hat politisch ziemlich starke Bedeutung erhalten in den Schwierigkeiten des 20. Jahrhunderts. Denn in den Anfängen der Archäologie gab es Menschen, die Gruppen - wie die Kultur der Schnurkeramik aus Osteuropa - zum Beispiel als die Begründer der indoeuropäischen Sprachen identifizierten. Sie breiteten sich über Osteuropa aus, es gab deutsche Archäologen, die behaupteten, daß die Völker, die in indoeuropäischen Sprachen wurzeln, sich in alle Richtungen ausbreiteten, daß ihr Heimatland Deutschland war oder in Nachbarländern. Und sie sprachen sie als das ursprüngliche Volk an und als nationales Ursprungsland von Deutschland und es wurde im Zweiten Weltkrieg benutzt als Teil der propagandistischen Rechtfertigung für die Ansprüche auf Land. Deshalb hat die archäologische und anthropologische Forschungsgemeinschaft nach dem Zweiten Weltkrieg darauf sehr stark reagiert. Sie argumentierten und pflückten - wie Wissenschaftler das so tun - die Argumente auseinander, die benutzt worden waren, um zu behaupten, daß das von Seiten der Schnurkeramiker Wanderbewegungen waren. Und sie zeigten die Probleme auf, die es mit dieser Argumentation gab. Und es wurde sehr unpopulär in der Archäologie - und das ist es dort immer noch vielerorts - Wanderbewegungen anzunehmen. Die Annahme ist, daß der Wandel und die Ausbreitung von Kulturen sich durch die Kommunikation von Ideen vollzogen hat und nicht durch die Wanderungen von Menschen (oder Völkern). Und die Genetik fand nun Beispiele wie die Schnurkeramiker-Expansion - auch wenn sie in umgekehrten Richtung verlief, nicht vom Westen nach Osten wie die Archäologen ursprünglich sagten, sondern von Osten nach Westen - die zeigen, daß Wanderbewegungen durchaus sehr wichtig waren in der menschlichen Geschichte ebenso wie Vermischung. Und ich denke, daß es sehr interessant ist, damit in Übereinstimmung zu kommen. Und im Zusammenhang mit den Veröffentlichungen, an denen ich beteiligt war, bei einer besonders, der Entdeckung dieser Hauptexpansion von der Steppe nach Mitteleuropa hinein, schrieb ein deutscher Archäologe an alle Mitverfasser dieser Veröffentlichung: "Das ist wie die 'Siedlungsarchäologie' von Gustaf Kossinna vom Beginn des 20. Jahrhunderts. Wir können bei einer solchen Wiederbelebung nicht mitmachen, auch wenn es nur eine kleine ist." Und die Archäologen begannen, von der Autorschaft der Veröffentlichung zurückzutreten. Deshalb mußten wir die Veröffentlichung umschreiben und dann machten sie alle wieder mit.

Lachen im Publikum.

Also das ist ein sehr sensibles Thema - und es ist angemessener Weise ein sensibles Thema. Es gibt da diese Frage in der Archäologie, die "Pots versus People"- ("Gefäße versus Völker"-)Debatte, die Frage, ob kultureller Wandel über die Weiterverbreitung von Ideen zustande kommt oder über Wanderbewegungen. Und wir können das zum ersten mal beantworten mit den genetischen Daten. Vorher hat man versucht das zu beantworten über die Schädelformen. Aber das war nicht sehr genau und es gab zu viele Probleme damit. Aber man kann das jetzt beantworten. Es ist eine beantwortbare Frage.

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  1. Reich, David: "Kossinna - It is a very sensitive issue". Antwort auf eine Frage zu seinem Vortrag "Who we are and how we got here - Ancient DNA and the new science of the human past" - Midsummer Nights' Science Wednesday, July 12 2017, Broad Institute Cambridge, MA (The Eliana Hechter Memorial Lecture), etwa 55'45 bis 59'39: https://youtu.be/pgXYfLkRdJ0?t=55m43s
  2. Heyd, Volker: Kossinna's smile. In: Antiquity, Vol. 91, No. 356, 04.2017, p. 348-359. https://www.cambridge.org/core/journals/antiquity/article/kossinnas-smile/8ABA3BD9132B7605E8871236065CD4E3, https://research-information.bristol.ac.uk/files/113850524/Kossinna_s_Smile_as_finally_submitted.pdf
  3. Kristiansen, Kristian u.a.: Re-theorising mobility and the formation of culture and language among the Corded Ware Culture in Europe. In: Antiquity, Vol. 91, No. 356, 04.2017, https://www.cambridge.org/core/journals/antiquity/article/retheorising-mobility-and-the-formation-of-culture-and-language-among-the-corded-ware-culture-in-europe/E35E6057F48118AFAC191BDFBB1EB30E/core-reader
  4. Meller, Harald; Krause, Johannes und andere: Migration and Integration from Prehistory to the Middle Ages. 2016. Available from: https://www.researchgate.net/publication/320866192_Migration_and_Integration_from_Prehistory_to_the_Middle_Ages [accessed Nov 23 2017]
  5. Kristiansen, Kristian u.a.: Population genomics of Bronze Age Eurasia. 2015. Available from: https://www.researchgate.net/publication/278327861_Population_genomics_of_Bronze_Age_Eurasia [accessed Nov 24 2017]
  6. PM/HR: Hinweise auf Herkunft des Indogermanischen aus der Steppe - Wissenschaftler der Universität Tübingen an Studie zum Einfluß frühbronzezeitlicher Wanderungsbewegungen auf die Entwicklung der indoeuropäischen Sprachen beteiligt. Pressemitteilung, März 2015. https://www.mpg.de/8995790/menschen-wanderung-indogermanische-sprachen
  7. Mathieson, Iain; et al. (2017-05-30). The Genomic History Of Southeastern Europe. https://www.biorxiv.org/content/early/2017/05/30/135616, https://www.biorxiv.org/content/biorxiv/early/2017/09/19/135616.full.pdf
  8. Anhang (Supplement) zu 4: https://www.biorxiv.org/content/biorxiv/early/2017/09/19/135616.full.pdf

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