Inhärenz schlägt Selektion - Als zugrunde liegendes Prinzip der Evolution

Ist das Prinzip Inhärenz für die Evolution bedeutender als das Prinzip Selektion?

Ist Inhärenz ein viel stärkeres, mächtigeres Erklärungsprinzip für Evolution als Selektion?

Der innovative Denker und Forscher Simon Conway Morris hat das Prinzip Inhärenz in den Ring des wissenschaftlichen und philosophischen Nachdenkens über Evolution geworfen (1). Und das mit manchen nachvollziehbaren empirischen Anhaltspunkten aus der modernen Forschung. Aber als ich davon das erste mal las (1), kam mir dieser Gedanke ganz und gar ungewöhnlich, fast esoterisch und unseriös vor. Ich konnte ihn anfangs nur schwer in mein bisheriges Gerüst von Grundüberzeugungen über Evolution und Wissenschaft einfügen. Heute kam mir diesbezüglich ein neuer Gedanke, der im folgenden erläutert werden soll.

Zunächst einmal zur Beruhigung vorneweg: Am "Konrad Lorenz Institut" (KLI) in Klosterneuburg bei Wien hat erst im Oktober 2017 wie ich gerade über googeln feststelle, ein US-Biologe über die "Inhärenz in der Entwicklung und Evolution von Lebewesen" gesprochen (2). Er wird das wohl auf der Linie von Conway Morris getan haben. Grundsätzlich unseriös macht man sich damit also von vornherein nicht mehr. Dennoch bleibt ein Restbestand von "Anrüchigem" und "Ketzerhaftem", wenn man den Implikationen nachgeht. Gäbe es übrigens Wissenschaftsautoren vom Schlage eines Hoimar von Ditfurth im heutigen Deutschland, würden viele solcher sehr grundlegender Gedanken von Simon Conway Morris über Evolution wohl schon in gekonnter Weise dem deutschen Publikum in nachvollziehbarer Weise erläutert worden sein. Das ist aber offenbar bislang noch nicht geschehen (abgesehen von meinem eigenen noch sehr vorläufigen Versuch [1]).

Um so mehr man nun aber selbst das umsinnt, was mit diesem Prinzip Inhärenz alles angesprochen sein kann, wie es zu verstehen sein könnte, könnte man sich erst der großen Bedeutung bewußt werden, die diesem Prinzip Inhärenz zukommen könnte. Auch wird einem bewußt, daß der biologische Forscher und Denker Charles Lindbergh schon manche Vorahnung von diesem Prinzip gehabt haben könnte, als er seinen Kindern die Lebensweisheit mit auf den Weg gegeben hat: "Life will work it out." (3) In diesen wenigen Worten nämlich ist das Prinzip Inhärenz wohl recht dicht und treffend auf den Punkt gebracht worden. Und damit kann man sich klar machen: Dieses Prinzip kann auch in unserem persönlichen Leben eine Rolle spielen. - - -

Man denke sich vor die Aufgabe gestellt, in diesem Universum Leben zu schaffen. Man denke sich aber weiterhin vor die Aufgabe gestellt, in diesem Universum nicht nur Leben schaffen zu sollen, sondern zugleich auch Leben, das in einer ununterbrochenen Kette von Generationen - mitsamt Weitergabe von Informationen darüber, wie gelebt werden könne von Eltern- auf Nachkommen-Individuen - jene unglaubliche Fülle von Lebensformen hervor bringen kann, die das Leben hier auf dieser Erde hervorgebracht hat. Und man denke sich drittens vor die Aufgabe gestellt, dieses Leben "auf einen Wurf hin" schaffen zu sollen, also nicht experimentieren und ausprobieren zu dürfen, wie man dieses Leben schaffen wolle. Wenn man diese drei Aufgaben vor sich gestellt sieht und sie durchdenkt und zu Ende denkt, wird einem vielleicht eine Ahnung dessen möglich, was Simon Conway Morris mit dem Prinzip Inhärenz alles angesprochen haben könnte, was dieses Prinzip mit Bezug auf Evolution alles implizieren könnte.

In der ersten entstandenen Zelle hier auf der Erde ist zumindest vor dem Zeithorizont der Milliarden Jahre langen Evolution - "mit einem Schlage", auf einen Wurf hin - die Möglichkeit der Entfaltung aller Lebensformen dieser Erde mit geschaffen worden. Die Möglichkeit der Entfaltung dieser Lebensformen sind alle inhärent in dieser einen ersten Biozelle hier auf der Erde, von der wir - vermutlich - alle abstammen, mit enthalten. Denn in der Biologie ist bis heute nichts dem schon 1855 von Rudolf Virchow aufgestellten Grundsatz Widersprechendes gefunden worden, der da lautet: "Omnis cellula e cellula", "Jede Zelle [geht] aus einer Zelle [hervor]." Dieser Grundsatz bedeutet, daß alles Leben aus einer Biozelle hervorgegangen ist. Vielleicht sind es ja auch mehrere verschiedene ursprüngliche Zellen gewesen, von denen wir abstammen. Aber in ihrer Funktionsweise dürfen sie sich nicht gar zu sehr unterschieden haben, wenn sie unsere Vorfahren werden sollten. Und keinesfalls konnten sie sich untereinander darauf hin selektieren, daß sie mehr oder weniger Entfaltungspotentiale hinsichtlich künftiger Artbildung in sich bergen würden.

Denn es ist ja nicht bekannt, daß in den 3,9 Milliarden Jahren Leben auf unserer Erde das Leben irgendwann wieder "auf Null" gestellt worden wäre, also das Leben insgesamt ausgestorben wäre und neu hätte entstehen müssen. Auch ist nicht bekannt, daß es mit dem einmal entstandenen Leben sozusagen Experimente, Selektionsvorgänge dahingehend gegeben hätte: So weit kommt Evolution mit diesem geschaffenen Leben, soweit kommt Evolution mit jenem geschaffenen Leben. Auf der Erde hat es - nach derzeitigem Wissensstand - immer nur eine einzige Form von Leben gegeben. Und in dieser scheint - nach allem, was wir heute wissen - inhärent enthalten gewesen zu sein die ungeheure Entfaltung aller Lebensformen auf dieser Erde . Und wie hätte diese Inhärenz "selektiert" werden können? Das Prinzip Inhärenz ist also ein eigenständiges Prinzip, das nicht auf ein anderes Prinzip zurück geführt werden kann.

Die oben genannte Aufgabe, vor die man sich gestellt sehen könnte, dürfte man ziemlich bald als völlig unlösbar erkennen. Ob Leute wie Manfred Eigen, die sich mit Hyperzyklen-Ideen ja schon viele plausible Gedanken über die Entstehung des Lebens gemacht haben, auch solche grundlegenden Fragen hinsichtlich von Inhärenz schon umsonnen haben? Eigentlich sollten sie nahe liegend sein. Aber hat sich einmal ein Forschungsparadigma wie der Neodarwinismus in den Köpfen festgesetzt, bahnt der das Denken doch ziemlich stark und kaum noch jemand denkt rechts und links von ihm.

In der Frühphase des Lebens auf der Erde

Es dürfte jedenfalls erkennbar sein: Zumindest in der Frühphase des Lebens hier auf dieser Erde mag das Prinzip Selektion ja durchaus eine große Rolle gespielt haben. Aber das viel bedeutendere Prinzip, das hier - aus den eben getätigten Überlegungen heraus - als wirksam festgestellt werden muß, ist doch das Prinzip Inhärenz. Und indem mir diese ganzen Überlegungen in den Kopf kommen, wird mir erst wieder - oder einmal erneut - bewußt, was für ein ganz und gar innovativer, genialer Denker Simon Conway Morris sein muß.

Aber gehen wir noch einmal zu dem Gedanken von Charles Lindbergh zurück. Ist es nicht auch in der Kulturgeschichte der Menschheit oft so, daß geniale Denker früherer Generationen schon "in nuce" eine Fülle dessen wußten, vorausahnten, was erst nachfolgende Generationen nach und nach, Schritt für Schritt im einzelnen vollgültig als richtig anerkannten? Ist nicht auch diesen zukunftsweisenden Fackelträgern der Menschheit vieles inhärent, so sehr inhärent, daß sie zu ihren Kindern und Nachkommen mit großem Vertrauen sagen können: Es mag euch vieles kompliziert, verwickelt und unverständlich erscheinen am Leben überhaupt oder an eurem eigenen, besonderen Leben, an der Art, wie ihr selbst zu eurer Existenz kamt, keine Sorge: Life will work it out. Ihr werdet euch hindurch ringen zu solchen Einsichten und Moralgrundsätzen, die andere schon voraus geahnt und - sozusagen - voraus gelebt haben, und von denen aus dann erst vieles sinnvoll erscheint, was einem zuvor noch völlig sinnlos erschienen war.

Äußerlich aber müssen diese Fackelträger der Menschheit in der Gegenwart ihrer Zeit leben. Die neuen Prinzipien, die sie leben, und die sich in der Zukunft nach und nach entfalten werden, sind in ihrem Innern verborgen, die Mitwelt ist noch nicht weit genug, um sie zu verstehen, die genialen Fackelträger können sie ihrer Gegenwart kaum vernünftig erklären, ohne zu Idioten oder Verbrechern erklärt zu werden. Aber sie können ihren Kindern sagen: "Keine Sorge, life will work it out."

Noch ein Absatz metaphysischer Gedanken, die diesen Gedanken der Inhärenz erläutern können. Dieser Absatz ist aber nur für die, die sich darauf einlassen wollen, bzw. können. So sei also gesagt: Das Göttliche wirkt, wenn wir uns ihm hingeben und mit nicht nachlassendem Eifer auf es hinstreben, manchmal mit Macht auf uns zurück. Es ist uns dann "inhärent". Bzw.: Wir spüren - erst - dann, daß es uns inhärent ist. Es will Dinge von uns, die uns - zuvor - gar nicht voll bewußt waren, Dinge auch, die uns über die Gegenwart hinaus tragen, Dinge, die - mitunter - in die Zukunft weisen. Das Göttliche "versklavt" uns in diesem Fall. Es wirkt als eine Macht, die nicht mehr will, daß man so lebt wie bisher. Und so mögen allen Dingen - oder vielen Dingen - inhärente Entfaltungsmöglichkeiten innewohnen, inne liegen, ob wir nun wollen oder nicht, ob wir uns derselben bewußt sind oder nicht.

Natürlich könnten das biologische Prinzip Inhärenz und das Anthropische Prinzip der Kosmologie allerhand einander gegenseitig erläuternde und bestätigende Lichter aufeinander werfen. Unserem Weltall selbst sind schon so viele besonderen Eigenschaften "inhärent", die die Wissenschaft mehrheitlich bislang immer noch mit Selektion zu erklären versucht (Multiversen-Theorien). Vielleicht wäre es allem, was wir wissen, angemessener, das rational nicht Verstandene und Verstehbare vorläufig oder auch endgültig als etwas Inhärentes zu begreifen - auch bezüglich dieses einen Weltalls, das wir allein kennen und empirisch nachweisen können.

Soweit ich das mitbekommen habe, hat Conway Morris übrigens selbst den Gedanken der Inhärenz noch nicht auf die erste entstandene Biozelle auf dieser Erde selbst angewandt so wie das in diesem Blogartikel geschehen ist. Eine solche Anwendung ist doch aber nur konsequent und liegt sicherlich ganz auf der Linie dessen, was er selbst bislang zu Inhärenz schon geäußert hat (1).

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