Isla de la Sol

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Herr Borchert war ein Grabscher. Sagten die Mädchen der 5.1. Herr Borchert bohrte gerne in seiner Nase, wenn er glaubte keiner sehe ihn. Herr Borchert aber auch war es, der uns etwas zum Titicaca-See beizubringen versuchte. Was, das weiß ich nicht mehr – es war Sommer und mir gegenüber saß Nadin.

Der Titicaca-See, ein Überrest des Ur-Binnenmeeres Lago Ballivían, natürliche Grenze zwischen Peru und Bolivien … Zahlen und Fakten werden nichtig, wenn man erst einmal von seiner Pracht überwältigt, ihm sich nähert: Umarmt von in der Ferne diffus wirkenden, schneebedeckten, Gebirgsketten schläft er – vom Wind mütterlich gestreichelt, vom blauen Himmel zugedeckt – friedlich in der Hochebene Altiplano. Poetisch ist die Namensherkunft: Laut einer Legende soll Manco Cápac – der erste Inka – auf einem Felsen auf der Isla de la Sol, die im Süden des Sees liegt, auf die Erde gestiegen sein. Dieser Felsen hat Ähnlichkeit mit der Kopfgestalt eines Pumas. Der Name Lago Titicaca beruht auf den Aymara-Worten ›titi‹, welches ›Puma‹ bedeutet, und ›kaka‹, was mit ›grau‹ übersetzt wird. In der Sprache der Quechua wiederum heißt ›titi‹ ›bleifarben‹ und ›qaqa‹ ›Felsen‹.

In Copacabana, einem kleinen touristischen Dorf, das auf einer Halbinsel liegt, die den Titicaca-See und den Lago de Huyñaymarka trennt, traf ich Sarah wieder. Gemeinsam spazierten wir die Halbinsel nordwärts, Richtung Yampupata, von wo wir ein Schiff auf die Isla de la Sol nehmen wollten. Auf unserer mehrstündigen Wanderung, die uns über eine alte Inka-Straße und an duftenden Blumenplantagen vorbeiführte, begegneten wir sonderlichen Personen: Da war zu einem ein Greis, der allein durch seine feine Garderobe in dieser doch ärmlichen Umgebung fremd wirkte: Er trug einen elfenbeinfarbenen Hut, schwarze Hornbrille, Hemd, Pullunder und faltenfreies Jackett. Seine dunklen Lederschuhe glänzten. Noch während Sarah mit ihm sprach, bemerkte ich seine von Pellagra gezeichneten Hände. Später verlangte eine beleibte Dame mit langem schwarzen Haar Geld von uns: Gerade als Sarah ihre Kamera auf ein pissendes Schwein richtete und abdrückte, rief sie ›Bezahle mich, bezahle mich!‹ An anderer Stelle entdeckten wir zwei Mädchen in bunter Tracht auf der Terrasse ihres mintfarbenen Hauses. Sarah photographierte beide und fragte gegen: ›Und, was macht ihr?‹ Die beiden antworten, in ernstem Ton: ›Wir? Wir sind hier.‹

Von Yampupata setzen wir mit einer kleiner Barke über. Der Bootsmann kam schon in der Ferne regelrecht auf uns zu gelaufen. Nein, die Menschen hier scheinen nicht allein von Fischerei, Landwirtschaft und Blumenzucht leben zu können. Auf der Südspitze der Isla de la Sol campten wir. Von weitem schimmerte der ockerfarbene Felsen der Isla de la Luna. Nach einem bescheidenen aber glücklich machenden Essen – Brot mit Avocado und Kuhkäse, Feigen sowie Nüssen, spielte Sarah noch Gitarre: Ihre Melodie wog mich in Schlaf.

Am nächsten Tag frühstücken wir bei einer jungen Frau, die ihren Säugling in farbenprächtigen Tüchern gewickelt auf dem Rücken trug und die ein Restaurant unterhielt. Ihr kleiner Sohn zog uns in den Bann. Es ist immer wieder faszinierend, wie sehr Kinder sich mit den einfachsten Dingen zu befassen wissen: Der Kleine war damit beschäftigt, Regentropfen mit einer leeren Joghurt-Flasche einzufangen. Danach packten wir und marschierten in den Norden der Insel. Die ersten Schritte waren unglaublich anstrengend: Auf einer Höhe von 4.000 Metern macht mein Magen nicht mehr mit: Ich bekam Bauchschmerzen und düngte die gelben Blümchen. Jeder Atemzug war unbefriedigend. Wir waren inmitten eines Maisfeldes, als uns zwei Mädchen darauf hinwiesen, dass wir falsch seien. Kaum hatten wir ihnen den Rücken gekehrt, als die beiden baten, photographiert zu werden. Sie kicherten, als ich ihnen das Foto zeigte. Dann verlangten sie Geld. Weil wir keins hergeben wollten, verlangten sie Bonbons. Dann verlangten sie Bananen, weil wir keine Bonbons dabei hatten. Hatten sie wirklich Hunger? Frischer Wind befreite den Himmel von Wolken. Die Sonne wärmte das Gesicht, trocknete die tropfende Nase. Das Gefühl eines kühlen Frühlings durchdrang mich. Es roch nach Eukalyptus, Fichten und Kuhscheiße. Schafe bähten, Hunde bellten. Schließlich erreichten einen gepflasterten Pfad, der uns durch eine karge, steinige windumtoste Landschaft führte. Wir begegneten einem völlig verschmutzen Jungen, er schien auf eine Schafherde aufzupassen. Mit einem Stöckchen malte er in den Boden. Er fragte nach Bonbons. Dann nach Toilettenpapier, Irritation. Nun aber sei der Grund für seine am Arsch fingernden Finger offensichtlich. Kurz vor Dämmerung erreichten wir die Bucht Sabacera. Wir waren so müde, dass wir auf unser Abendessen – was ohnehin kärglich gewesen wäre – verzichteten.

Am nächsten Tag weckten uns Wellenrauschen und blökende Schafe. Nach einem bescheidenen Frühstück – Feigen, Erdnüssen und trockenem Brot – brachen wir zum nächstgelegenen Hafen an der Nordspitze der Insel auf. Nein, die Menschen hier, waren wirklich abhängig vom Tourismus: Fast überall lugten aus den dunklen Fenstern ihrer einfachen Häuser, apathische matte Blicke alter Menschen, und die leuchtenden Etiketten von Limonade und Schokolade. Manche boten belegte Brote, Säfte und Äpfel an. Der Hafenort selbst war im Umbruch: Hämmern, Drechseln, Bohren und lautstarkes Offerieren schwirrten durch die Luft. Am Hafen, am Ticketschalter für die Boote zurück nach Copacabana, machten wir Bekanntschaft mit Bolivianischer Freundlichkeit und Hilfsbereitschaft: Wir orderten zwei Tickets. Der Preis überraschte uns. Man nannte uns vor Abreise noch einen deutlich niedrigeren. Wir hatten nicht genug, denn zu unserer Überraschung mussten wir überdies, mitten auf der Insel, einen Obolus für die ›Nutzung‹ der Insel entrichten. ›Señor, können sie eine Ausnahme machen?‹ Nein, konnte er nicht. Er schaute in seine Zeitung. Und nun? Wir fragten was wir machen könnten. Später bezahlen? Nein, das gehe nicht. Auf keinen Fall. Er schaute wieder auf irgendwelche Annoncen. Alternativen? Die wüsste er auch nicht. Dann blickte er wieder in seine Zeitung. Die anderen drei Personen in seinem Büro blickten stumm um sich her. Scherzeshalber fragte ich Sarah, ob sie sich vorstellen könne, sich hier niederzulassen. Immer wieder mussten wir den rundlichen gleichgültigen Mann fragen und bitten. Sein Nacken schien in die Jacke zu rutschen. Schließlich machte er ein Angebot – wohl möglich störten wir ihn zu sehr beim Zeitung ›angucken‹. Na also, geht doch. Wir warteten auf die Tickets. Nichts. Nichts passierte. Wir fragten freundlich nach. Zweimal, dreimal. Ja, gleich, sollten wie sie bekommen. Dann reichte uns eine grimmige Geste zwei Tickets.

Am späten Nachmittag erreichten wir Copacabana.


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