Farce

Der Eine oder andere wird dem nachfolgenden ellenlangen Text, das Fehlen jeglicher atmosphärischer Tiefe bemängeln. Habt Verständnis, denn das, was mir widerfahren ist, ist zu komplex – zu ausufernd – um es hier, an Ort und Stelle zwischen Orchideen und Avocado-Bäumen in den bolivianischen Tropen, authentisch wiederzugeben … Vielleicht aber genügt dem einen schon – das sehr grob Dargestellte – um zu erahnen, wie es mir ergangen ist …

 

Aduana

Nein, er könne mir keine Fahrerlaubnis ausstellen. Nein, wirklich nicht. Es würde nirgendwo stehen, dass ich mit dem Motorrad nach Bolivien einreisen könnte. Ich schlurfte zu meinem Bike, suchte den Kaufvertrag, kehrte zurück ins Aduana-Büro und reichte ihm das Papier. Draußen dunkelte es bereits. Ich war müde, 520 Kilometer und zwei Unwetter in den Hochanden steckten in meinen Knochen. Ich wartete stehend, hin und her wippend. Dann schaute er wieder hoch, nicht aber zu mir, sondern auf sein Handy, dass von vornherein interessanter schien, als mein Anliegen. Nein, dass gehe beim besten Willen nicht. Die Papiere seien nicht beglaubigt. Ob ich eine Überweisung hätte, die den Kauf bescheinigt? Meine Augen rollten auf den Kalender an der Wand. Ein junges, braungebranntes, an gewissen Körperstellen mit Öl beschmutztes, Stück Fleisch räkelte sich auf Autoreifen, zwischen Hebebühnen und Werkzeugkoffern. Ob der junge Che mit eben solchen Unzulänglichkeiten menschlicher Idiotie zu kämpfen hatte, als er mit seinem Motorrad durch Südamerika reiste? Natürlich hatte ich rein zufällig meine Bankauszüge nicht mit … Sein Vorschlag war völlig utopisch. Ich fragte mich, ob er das ernst meinte: Zurück nach Ecuador, um den Vertrag dort notariell beglaubigen lassen. Ich bemühte mich ihm in irgendeiner Weise entgegenzukommen, zeigte ihm alles was ich hatte – aber nein, dieser Mann beharrte auf irgendwelchen Vorschriften. Ich solle mir zuerst einen Stempel vom Notar besorgen lassen. In Copacabana wäre einer. Völlig entmutigt und wütend verließ ich das Büro. Die freundliche Grenzpolizei vertröstete mich: Ich bräuchte hier ohnehin kein Erlaubnisschein. Ich solle einfach weiter. Sie winkten mich durch.

Ich erreichte Copacabana, suchte mir im Nieselregen ein Hotel, wechselte meine Pesos in Bolivianos und suchte nach einem Snack. Ich war völlig ausgehungert, gestresst. ›Nein, Señor, das Geld möchte ich nicht. Haben sie kein anderes?‹ Ich war baff: ›Señora, ich habe das Geld so eben in der Wechselstube neben ihrem Geschäft bekommen. Wo ist das Problem?‹ Sie zeigte abermals auf den Riss in Cecilio Guzman de Rojas Gesicht. Ich bat sie um eine Ausnahme, ich sei hungrig und heute wäre nicht mein Tag. Meine Hunderter wollte sie auch nicht, sie hätte kein Wechselgeld, und die Wechselstube gab nur Hunderte aus. Ich platze: Ich stieß einen Schrei aus, warf ihr ihre Scheiß-Kekse auf den Boden, riss ihr mein Diez-Bolivianos-Schein aus den Händen und ging wutschnaubend auf die Straße. Ich spazierte angepisst bis zum geht-nicht-mehr durchs Dorf. Für wenige Minuten konnte ich all den Stress vergessen: Vor der maurischen Kathedrale spielte eine Kapelle bolivianische Folklore.

Am nächsten morgen wechselte ich das Hostel. Sarah residierte weiter oben im Dorf. Es war Sonntag. Der Notar in der Stadt hatte zu, obwohl mir die Leute sagten, er hätte auch an diesem Tag offen. Ich entschied mit Sarah auf die Isla de la Sol zu gehen.

Am Dienstag kamen wir zurück, erholt, beeindruckt, inspiriert. Um halb vier nachmittags suchte ich erneut den Notar auf. Er hatte wieder zu, obwohl man mir sagte, er hätte bis zum Abend offen. Zwei Blocks weiter wäre ein weitere Notar, sagte man mir. Aber auch er hatte geschlossen. Abends nahm Sarah den Bus nach La Paz. Ich blieb eine weitere Nacht.

Mittwoch. Der Notar hatte offen. Endlich. Es dauerte ein wenig bis nach seinem ›Moment, ich komme.‹ er wirklich vor der Türe erschien. Er bekreuzigte sich. Und verzog sein Gesicht,als ich ihm meine Situation schilderte. Nein, das würde er nicht unterzeichnen. Ich holte meinen Reisepass heraus, die anderen Verträge und bat ihn flehentlich an. Er ließ mich schließlich doch eintreten. In seinem völlig zugestellten, unordentlichen Büro durfte ich mich setzen. Er studierte die Papiere, stellte Fragen. Dann: Nein, das könne er nicht machen. Er könne das nur in Gegenwart der Verkäufers. ›Señor, der Käufer lebt in Baños, Ecuador. Wissen sie, Señor, ich habe nicht das Geld und nicht die Zeit ihn hierher zu bestellen. Mein Flug geht Mitte April von Buenos Aires zurück.‹ Wieder bat ich, ich fühlte mich elend, diesem verkopften Typen in den Arsch zu kriechen. Wieder blickte er in die Unterlagen. Ich hörte dem Ticken der Uhr zu. ›Na gut, kostet aber 30 $.‹ Ich musste zur Bank. Der Automat akzeptierte meine Karten nicht. Also: Einreihen. Obwohl ich der Vierte in der Schlange war, stand ich eine geschlagene Stunde an. An einem Pfeiler war ein Schild aufgeklebt: Es besagte, dass Leute über 60 Jahre vortritt hätten. Ich bin sicher, dass der Mittwoch der Rentenauszahlungstag in Bolivien ist … Zurück im Notariat, begann der ach so gute Christ mir abermals Fragen zu stellen. Es kostete mich unglaubliche Mühe, diese mit Geduld, ohne Spott oder Wut, zu beantworten. Schließlich hatte ich seinen Stempel samt Unterschrift und Datum. Geschafft! Ich schwang mich aufs Bike, zurück zur 8 km entfernten Grenze.

Amigo, was ist das? Sie haben Bolivien am 19. Februar betreten. Heute ist der 23.! Ihr Motorrad ist seit fünf Tagen illegal im Land.‹ Ich schilderte ihm, warum es so lange gedauert hat. Na und, das wäre nicht sein Problem. Ich müsse Strafe zahlen, 155 Bolivianos pro Tag. Wut stieg in mir auf: Natürlich ist das nicht Dein Problem, du dreckiges Schwein. Schließlich konnte ich ihn auf drei Tage herunterhandeln (!). Denn – im Gegenzug – was könne ich dafür, dass der Notar geschlossen hatte? Ich musste nachgeben, denn erst nach Zahlung der Gebühr würde er mir eine Erlaubnis ausstellen. Ich fragte ihn nach den nötigen Informationen, die nötig für eine Überweisung und Zahlung nötig sind. Er konnte mir keine nennen. Ich war verdutzt, fragte aber mehrfach nach, ließ mir aufschreiben, was ich der Bank zu sagen hätte und fuhr wieder zurück nach Copacabana. Die Grenzsoldaten schauten verwundert, allmählich kannten sie mich. In der Bank durfte ich mich wieder anstellen, und warten. Dann wurde mein Anliegen nicht verstanden. Nein, Zahlungen solcher Art würde man nicht in DIESER Bank machen. Ich bräuchte ein Formular mit genauen Daten der Behörde und des Regelverstoßes. Ich holte tief Luft und schlug sanft mit der Handfläche auf den Tresen. Man verließ mich auf einen Anzugträger. Diese sprach ausgezeichnetes Englisch und erklärte mir, dass er die ganze Sache suspekt findet, mir aber dahingehend nicht helfen könne. Man würde so etwas in La Paz erledigen. Ich fragte, wie ich denn bitteschön ohne Fahrerlaubnis mich durch Bolivien bis zur Hauptstadt bewegen soll. Ich äußerte Unbehagen: Die Polizei würde mir ohne die Erlaubnis das Bike konfiszieren! Er schrieb mir einen Zettel und schickte mich zur Touristenpolizei. Ich verließ die Bank, langsam schwand die Hoffnung, La Paz noch vor Nachmittag zu erreichen.

Im Büro der Touristen-Polizei zeigte man sich verwundert. Ich solle einfach weiterfahren und die Leute von der Aduana ignorieren. In La Paz würde sich dafür eine Lösung finden. Der Chef bot mir Bananenchips an. ›Was? Kein Appetit Amigo?‹›Nein, Señor, ich bin nicht in der Stimmung.‹ Insgesamt konnte ich mich nicht dem Gefühl erwehren, dass die Polizei selbst nicht wusste, wie sie in dieser Situation verfahren sollte. Man entschied – nachdem man nochmals mit mir in der Bank, den freundlichen, englisch sprechenden Herren aufsuchte, und sich mit ihm beriet – gemeinsam mit mir zur Grenze zu fahren und die Angelegenheit vor Ort zu klären. Gesagt, getan. Es war kurz nach Zwölf.

Dort saß neben diesem Dickschädel nun noch ein anderer, er spielte am Computer. Der mich begleitende Polizist fragte was nun das eigentliche Problem sei. Die Antwort lautete, dass ich seit fünf Tagen illegal mit dem Bike in Bolivien wäre. Gut, das war Fakt. Wenn dem so sei, was für Möglichkeiten gäbe es denn? Denn diese ›Strafzahlung‹, die ›Voraussetzung‹ für die Fahrerlaubnis sei, könne nicht in Copacabana erledigt werden. Schweigen, ratloses Schweigen. Ich sollte wieder alle meine Dokumente vorzeigen. Und – siehe da! – plötzlich war das Problem nicht der ›illegale‹ Aufenthalt, sondern der Kaufvertrag selbst! Ich wies ihn auf den Stempel hin. ›Ja, schön und gut, aber den akzeptiere ich nicht. Ihr Kaufvertrag ist in Peru abgeschlossen, die Beglaubigung stammt aus Bolivien.‹ Meine Faust verhärtete sich, Blut schoss in mein Kopf. Ich begann zu zittern. Schreibtischtäter. Mit der Linken griff ich seinen Kragen und zog seinen Oberkörper über den Tisch – das Hemd riss, ein Knopf sprang ab. Er schnappte nach Luft, seine Pupillen weiteten sich. Er war zu alt, zu klein, um sich meiner wütenden Kraft entgegen zu stellen. Ich holte aus und … ›Nein, ich bräuchte einen peruanischen Notar.‹

Damit war die Sache geklärt. Ich war den Tränen nahe. Ich fühlte Ohnmacht, einen unbeschreiblichen Hass gegen diese Bürokraten. Ich redete auf ihn ein, aber es war bereits Siesta und er müsse das Büro schließen. Er fegte mich und den Polizisten regelrecht hinaus. Was blieb mir übrig? In diesem Moment stieg ich in Gedanken in den Nachmittagsbus nach La Paz. Aber nein, elende Scheiße! Das ist mein Motorrad, wer gibt diesem Schmarotzer das Recht … !? Der Polizist ermutigte mich, einen Notar auf peruanischer Seite zu suchen. Ich schaute auf meine Uhr, er hat uns zu früh rausgeworfen. Faules Schwein!

Ich passierte also die Grenze, Richtung Peru. Ein bolivianischer Grenzbeamter pfiff nach mir. ›Nein, Du Lakai, wegen dieser verfickten Unterschrift gebe ich mir hier ganz gewiss nicht Eure sinnentleertes Rumgestempel. Kümmert Euch um eure Kinder und eure Alten und nicht um diesen Dreck!‹ Mit einem Fahrradtaxi wurde ich also in die nächste Grenzstadt gefahren. Der Notar dort empfing mich freundlich, schloss aber von vornherein aus, dass er mir die Unterschrift des Verkäufers beglaubigen wird – er bräuchte seine Anwesenheit. Dann solle er wenigstens meine beglaubigen. Gesagt, getan. ›Was das kostet? … nichts.‹ Ich bedankte mich, wünschte ihm einen guten Tag und kehrte zurück …

Siesta. Das Aduana-Büro hatte geschlossen. Eine Stunde noch. Ich entschied zurück nach Copacabana zu fahren, dort derweil zu tanken. Pünktlich kam ich zurück. Siegesgewiss (es ist eine Schande von Sieg zu sprechen, assoziiert dieses Wort doch Kampf) legte ich alles Erforderliche auf den Tisch. Man bat mich, im Flur Platz zu nehmen. Minuten später wurde ich ins Büro zitiert. ›Gut, alles da, aber wissen sie Señor, sie sind seit 5 Tagen illegal …‹ Ich war kurz davor meine Beherrschung zu verlieren, diesmal wirklich. Meine Lippen bebten. Ich konfrontierte ihn, mit seinem Umgang mir gegenüber, schließlich würde ich alles versuchen und diese Strafe könnte ich hier nicht zahlen, und wenn, dann nur in La Paz, aber ich kann nicht hin und her durchs Land fahren … und wo sei das Problem mir einfach dieses Papier auszustellen?‹ Seine Mimik, seine Scheiß-egal-Haltung ließen meinen Hass ins Unermessliche steigen. Einreden. Er schien nachzugeben. Er fragte nach meinem Fahrtziel, nach meinem Reiseverlauf. La Paz. Hatten wir das nicht schon tausend Mal? ›Señor, die Straße über Copacabana sei nicht optimal, er gäbe Erdrutsche und die Fähre würden nur unregelmäßig fahren.‹›Aber Señor, die Leuten haben mir gesagt, dass die Straße die Optimale nach La Paz sei!‹ Daraufhin händigte er mir meine Unterlagen aus. Ohne Erlaubnis. Natürlich. Nein, er könne mir keine Erlaubnis ausstellen. Die Gesetze seien so. Und es wäre ohnehin besser über die südliche Grenze zu fahren, die Straßenverhältnisse. Mehrfach noch versuchte ich ihn umzustimmen, denn über diese Grenze zu fahren hieße, wieder Ausreise-Stempel in Bolivien, Einreise-Stempel und Motorrad-Import in Peru, nur um 60 Kilometer später, wieder Ausreise-Stempel und Motorrad-Export in Peru und Einreise-Stempel und Motorrad-Import in Bolivien mitzumachen. Nein, das schien ihn nicht zu kümmern. Er forderte mich auf, das Büro zu verlassen. Was blieb mir anderes übrig? Im Migrations-Büro zeigte man sich erstaunt: Warum ich denn schon wieder ausreisen will? Ich erklärte, die Beamten erwiderten: ›Nein, die Straße von dieser Grenze aus sei die Beste, wenn man nach La Paz will.‹ Ich ahnte, dass es dem Dickschädel im Aduana-Büro, um etwas anderes ging. Daraufhin begleitete mich ein Grenzbeamter ins Aduana-Büro. Aber was sollten die Grenzbeamten schon ausrichten, mit meinen Papieren wäre alles in Ordnung, nur das Motorrad … das Motorrad … Dafür aber, sei nun mal das Aduana-Büro zuständig. Als ich das Aduana-Büro zum letzten Mal verließ, beschimpfte ich die beiden dreckigen Schweine in Deutscher Sprache: Ich wünschte beiden den Tod. Und ehrlich, ich hätte in dieser Stunde kein Mitleid mit diesem korrupten Pack.

Was bleibt mir übrig? Ich ›reiste‹ also wieder aus Bolivien aus, ›reiste‹ in Peru wieder einmal ein, erledigte den ganzen Fahrzeug-Papierkram auf peruanischer Seite, der – hört, hört! – Niemandem Probleme bereitete. Eine Gruppe Biker begrüßte mich: ›Hej, ein Kawasaki-Biker, Amigo, wie geht’s?‹ Ich unterband das Gespräch sofort, erklärte meine Situation und Laune. Die Jungs schienen mehr Erfahrung zu haben. Sie empfahlen mir, es noch einmal zu versuchen und den Mitarbeiter vom Aduana-Büro nach einer ›speziellen Gebühr‹ zu fragen. Ich lachte auf. Zynisch. ›Nein, mit diesem Hund bin ich durch. Ich verschrotte lieber mein Motorrad, als diesem elenden Wurm nur einen Boliviano zu geben. Diese Leute sind für mich durch. Abschaum. Das hat nichts mit Stolz zu tun. Diese Bastarde missbrauchen ihr Funktion!‹

Es kostete mich eine weitere Stunde zur nächsten Grenze. Der ganze Papierkram dauerte dort nicht länger als 30 Minuten. Niemand machte Probleme. Im Gegenteil, sie zeigten sich neugierig, menschlich.

Ich erreichte La Paz am führen Abend, es regnete in Strömen. Die Suche nach dem Hostel, wo ich mich mit Sarah wieder treffen wollte, war ein letzter Kraftakt. Die Außenbezirke der Millionenstadt glichen Baustellen. Jede zweite Straße war gesperrt. Die Innenstadt selbst glich einer verstopften Arterie. Ein unlösbarer, verfilzter Knoten aus Benzingeruch, Hupen, Rufen, Beschimpfungen, fliegenden Händlern, die Straße überquerenden Passanten. Ich benötigte fast zwei Stunden, um das Hostel zu finden, wo Sarah schließlich doch nicht mehr war, dafür aber eine Nachricht, dass man sie rausgeschmissen hätte und sie nun in einem anderen Hostel wäre. Eine weitere Stunde verging. Gegen 21 Uhr traf ich ein. Aber ich spürte keine negativen Gefühle. Ich war froh, es irgendwie geschafft zu haben und nun Indisch essen gehen zu können.

 

La Paz

Ich bin sicher, dass schon an andere Stelle geschrieben zu haben. Die Großstädte Südamerikas sie wie die Ramones.

Highlight war der Aufstieg zu einem Aussichtspunkt, von dem man einen tollen Blick auf die Stadt hatte, insofern man angesichts der architektonischen Ekzeme, von einem tollen Ausblick sprechen kann. Die Berge, atemberaubend, wahrlich, aber nein, nicht das was der Mensch hier gebaut hat. Ja, die Altstadt aber ihr wisst, die Ramones

Ich, Sarah und eine Flasche Rum verbrachten wir einen wunderbaren Abend: Wir saßen im Innenhof des Hostel, hörten Jazz, Songwriter-Musik und schrieben. Jeder für sich. Und doch zusammen. Sie Lieder und ihren Blog, meine Hand verlief sich in Versen: Welch ein befriedigendes Gefühl sich wieder dem zu widmen, was einem das Gefühl gibt, etwas zu sein, zu atmen.

 

BOLIVIA 1034TEH

In La Paz wurde gestreikt. Die Menschen warteten auf ihren ausstehenden Lohn. Die Straße Richtung Coroico war blockiert, dennoch ließ man mich durch. Ich zeigte mich solidarisch. ›Thank you, Amigo!‹ riefen sie mir zu. Wenige Kilometer später Straßenkontrolle. Und wieder einmal: ›Alemania? Ah! Heil Hitler!‹›Nein, Señor, der kam aus Österreich … Ja, stimmt, sie haben Recht, der war Deutschlands Kanzler (?) … ‹

Ist das alles was diese Menschen über Deutschland wissen? Traurig.

Danach ging es steil bergauf, ich fuhr in noch nie gewesener Höhe: 4.700 Meter über NN. Der Klang veränderte sich, der Motor verlor Kraft. Dichtester Nebel und Hagel erlaubten aber ohnehin, nicht schneller als 50 km/h zu fahren. Mir wurde mulmig. Die Sichtverhältnisse lagen teilweise unter 20 Metern! Ursprünglich wollte ich die so genannte ›death road‹ – bei Touristen als die gefährlichste Straße der Welt ›beworben‹ – nach Coroico nehmen. Ich entschied mich aber dagegen, als ich die Abzweigung sah. Nein, nicht bei diesem Wetter. Es sollte sowieso noch hart werden …

Es ging langsam hinunter, in die Tropen. Der über zweieinhalbtausend Meter dicke Nebel lichtete sich, die Straße wurde wieder trockener, auch wenn die Luft stickig war. Plötzlich begann mein Motorrad zu stottern. Nein, Benzin hatte ich genug. Was war los? Es rüttelte immer stärker. Immer wieder soff der Motor ab, mitten in der Fahrt. Ich entschied den Motor ganz abzuschalten, in den Kurven wurde das Rütteln zu heftig. Es ging sowieso bergab. Das Bike erholte sich aber nicht mehr. Immer wieder versuchte ich den Motor zu starten. Vergebens. Scheiße. Heilige Scheiße. Wieder einmal gefickt. Mein GPS zeigte 1.200 Höhenmeter. Dort, wo ich hin wollte, dieses Dort, Coroico lag auf 1.700 Höhenmetern …

Dann war es soweit. Ich musste schieben. 200 Kilo, durch die Tropen. Ich weiß nicht, wie lange ich brauchte, als ich auf den Verkehrsknotenpunkt Yolosa traf. Zwei Stunden? Von dort ging es noch steiler bergauf, aber immerhin, hier waren Trink- und Essensmöglichkeiten. Und Polizei. Ich schilderte mein Problem, die Polizisten vermuteten Benzin. Ich war skeptisch, aber vielleicht habe ich mich wirklich verrechnet, vielleicht hat der Motor hoch oben in der dünnen Luft tatsächlich mehr verbraucht als kalkuliert. Die nächste Tankstelle war 5 Kilometer entfernt. Der Beamte suchte mir einen Mann heraus, der zufällig an der Tankstelle vorbei fuhr. Ich stieg ein, kaufte eine Gallone und … nein, es fuhr niemand zurück. Was blieb mir übrig, als die 5 Kilometer nach Yolosa zu Fuß zurückzulegen?

Mein Befürchtung bestätigte sich: Grund war nicht fehlendes Benzin. Das Motorrad keuchte wieder. Ich kannte dieses Geräusch von den Hochanden in Peru, aber dieses Motorversagen hier, das machte mich stutzig: Das Bike war warm gefahren, ich war in milden Gefilden. Die Polizisten versuchten mich anzuschieben, ich rollte kleine Hügel hinab. Nichts. Das Ding war tot. Endgültig. Die Batterie gab beim erneuten Zündversuch nur noch ein klägliches Surren von sich. Man riet mir, das Motorrad hier stehen zu lassen, ein Colectivo nach Coroico zu nehmen und dort eine Werkstatt aufzusuchen. Hinaufrollen wäre nie im Leben möglich gewesen: ›9 Kilometer, bergauf, nur bergauf, Amigo!‹ Ich trat gegen das Bike, lachte dabei: ›Was für eine Farce! Was ist das für eine Freiheit, um die dich fast jeder Reisender beneidet? Nichts als Stress!‹ Ich verwünschte, spie und grollte. Die Polizei lachte mit, beruhigte mich aber alsbald, und rief eine Werkstatt an. Aber keiner ging ran, oben in Coroico. Verzweiflung.

Und doch, irgendwie geht es immer weiter. Ein Colectivo hielt an. Kennzeichen 1034TEH. Er bot an, mich zu ziehen. Die Polizisten besorgten ein Tau. Mir wurde mulmig. Aber, ich wollte nur hoch mit dem Ding, ich hatte keine Lust hin und her zu pendeln … Busfahrer, Polizei und ich schafften es irgendwie meine Kawasaki an den Bus zu binden. Schaulustige hatten sich längst um uns versammelt. ›Ich sollte Geld für diese Show verlangen. Verfluchte Scheiße.‹ Wäre ich bloß nie aus der Kirch ausgetreten! Es scheint, eine Kraft zu geben – oder wie meine Oma zu sagen pflegt: ›Zwei Dinge sind zum ewigen Leben notwendig, die Gnade Gottes und der Wille des Menschen.‹

Es waren die längsten neun Kilometer meines Lebens. Das ist kein Gutes Gefühl: Vom einem Bus, VERSCHLAMMTES NASSES Kopfsteinpflaster, hinaufgezogen zu werden, dass immer wieder durch Schlaglöcher und leichte Erdrutsche unterbrochen ist. Man gewöhnt sich zu schnell daran, dass Gefahren gebannt zu sein scheinen, sobald die ersten Sekunden nichts Befürchtetes sich erfüllt: Immer wieder machte ich mit Handzeichen deutlich, dass er langsamer fahren sollte. In manchen Kurven wurde ich bedrohlich weit herausgetragen. Und doch, wir schafften es. Wir kamen heil in Coroico an. Aber nicht weit: Kurz vor dem Dorfplatz war die Straße eng, das Kopfsteinpflaster wie Eis. Wir bremsten, hielten und fuhren langsam wieder an. Plötzlich rutsche mein Bike weg, direkt unter die Räder eines parkenden LKW krachend. Die Leine straffte sich, die Leute schrien und hupten. Mein Bein lag eingeklemmt unter dem Bike. Der Busfahrer schaute zurück und bremste sofort. Aufatmen. ›Ok, Amigo, bis hierher, das wird hier zu gefährlich.‹ Wir waren die Hauptattraktion. Ich fragte die Einheimischen nach einer Werkstatt. Ein anderer Busfahrer malte mir eine Skizze: ›Es sind nur 200 Meter.‹ Ich mühte mich ab, die Anstrengungen ließen mich fast in die Hosen scheißen. Ein ältere Herr, der mich schon länger beobachtete, half mir letztlich. Später rief ich einen dritten Mann fordern zu mir. Gemeinsam schoben wir die 200 Kilo auf nassem völlig unebenem Kopfsteinpflaster zur Werkstatt. Es waren mehr als 200 Meter …

Die Mechaniker staunten und fragten nach dem Preis der klr. Der Ältere hatte einen ersten Verdacht. Und sollte sich dieser bestätigen, müsste ich zurück nach La Paz, das Ersatzteil kaufen, hier hätten sie so etwas nicht. ›Heilige Mutter Gottes – in was für einem Film bin ich eigentlich?‹ Irgendetwas stimmte mit der Elektronik nicht – Batterie, Motor alles prima, aber die Elektronik! Während beide Mechaniker – der Sohn des Einen stand immer im Weg – mein Bike aufschraubten, lud ich den älteren Herrn, der mir beim hinaufschieben half, auf ein Bier ein. ›Nein, Señor, ich trinke kein Bier.‹ ›Ok, Señor, aber Coca-Cola, sie haben Durst, ich auch.‹ Und … ich kaufte Kekse. Ja, ich weiß meine Zuckerdiät. Ich schiss auf alles. Ich kehrte zurück. Eine Stunde stand ich bestimmt noch. Dann entschied ich, mein Bike am nächsten Tag abzuholen. Ich wollte Ruhe. Eine Dusche, ein Abendessen. Schlaf.

Mit einem Taxi fuhr ich einen weiteren Kilometer hoch, zu einem Hostel, wo ich wieder mit Sarah verabredet war. Beim Duschen schmerzte mein Schienenbein. Eine dunkle Beule, so groß wie ein Apfel. Mein rechter Bizeps – ja, ich weiß Bernd, ich habe keine Muskeln – schmerzte. Bestimmt eine Zerrung. Seltsam, all das spürte ich erst jetzt: Meine Bauchmuskeln, die Schultern, die Unterarme, die Beine, die Kopfschmerzen …


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