Interview mit Garish

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Interview mit Garish

„….Die grenzenlose Auswahl an Musik ist kein luxuriöser Umstand, sondern entwertet für mich den Moment.“ Seit nunmehr 20 Jahren sind Garish in der nationalen und internationalen Musikszene unterwegs. Ihre musikalischen Wurzeln haben sie in der kultigen “Cselley-Mühle” im Burgenland und dieses Jahr veröffentlichen sie ihr siebtes Studioalbum Komm schwarzer Kater. pressplay hat Sänger Thomas Jarner und Gitarrist Julian Schneeberger im Cafe Jelinek im sechsten Bezirk in Wien getroffen, um mit ihnen über ihr neues Album, Schwammerlsuchen und Instagram zu reden.

pressplay: Schön, dass ihr euch Zeit genommen habt. Euer neues Album Komm schwarzer Kater wurde diesmal in Wien aufgenommen, wie kam es dazu und inwiefern hat sich die Arbeitsweise von euren früheren Releases unterschieden?

Julian Schneeberger: Das war ein langes hin und her in der Entstehungsphase, bei dem wir immer überlegt haben, inwiefern unsere bisherige Arbeitsweise zu dem neuen Material passt. Es wurde dann klar, dass dieser alte Weg nicht funktionieren wird. Wir brauchten die Möglichkeit zu tüfteln und Overdubs einzuspielen. Es fiel uns zwar schwer, aber wir haben uns dann dafür entschieden es in Wien zu machen.

Thomas Jarner: Die Entscheidung war ja nicht Wien oder Burgenland, sondern ob wir es Spur für Spur oder, wie wir es gewohnt waren, live aufzunehmen.

Gab es dadurch auch mehr Einfluss vom Produzenten auf das Songwriting?

Julian: Wir haben auf jeden Fall mehr diskutiert und über die Songs gesprochen. Es ist sehr wichtig eine gemeinsame Ebene zu finden, um zusammen weiterzukommen. Mit der Zeit wurde das klarer und wir haben gelernt, welche Art von Kommunikation notwendig ist, um die Arbeit voran zu treiben.

Thomas: Der Anteil vom Produzenten war diesmal sehr gewünscht und auch notwendig und deswegen haben wir uns auch zu dieser Zusammenarbeit mit Stefan Deisenberger entschieden. Wir hatten einfach das Gefühl, dass wir jemanden brauchen der diese Einzelteile, die wir hatten und von denen wir übrzeugt waren, dass es vielversprechendes und gutes Material ist, zusammenfügt. Uns fehlte eben ein wenig die Vision und dafür hatte er die nötige Geduld.

Julian: Geduld ist ein wichtiges Stichwort bei uns.

Thomas: Es ist nicht jedermanns Sache ewig lange herumzutüfteln bis alle zufrieden sind, aber ich denke er war der richtige dafür.

Wie kann man sich das eigentlich vorstellen? Setzt ihr euch ganz abgebrüht ins Studio, spielt und singt eure Parts in One-Takes ein, oder steht ihr doch mit zittrigen Händen da und braucht immer wieder aufmunternde Worte?

Julian: Das ist immer sehr unterschiedlich. Generell hat man durch die hohen Erwartungen immer noch einen gewissen Stressfaktor dabei.

Thomas: Und das ist ja auch gut so. Studio ist keine Routine. Da fühlt sich das auf der Bühne viel mehr danach an. Im Studio ist alles immer neu und die Situation ist immer eine andere und in den Abständen in denen wir im Studio sind, geht sich das mit der Routine sowieso nicht aus. Ich finde das aber auch gut so. Ich schätze es sehr sich im Studio vergraben zu können und dort zu arbeiten, besonders so wie wir es dieses Mal gemacht haben. Aber natürlich ist diese Zeit auch extrem fordernd und anstrengend.

Wer ist denn eigentlich für das beeindruckende Cover von Komm schwarzer Kater verantwortlich?

Thomas: Das ist eine Grazer Malerin. Ich hatte davor schon ein Bild von ihr zu Hause und auf der Suche nach einer Künstlerin sind wir bei ihr gelandet. Das Bild hat es aber schon seit über drei Jahren gegeben.

Heißt das Album also deshalb so wie es heißt?

Thomas: Nein, haha.

Dieses Jahr habt ihr euer 20 jähriges Jubiläum. Wird es irgendeine Veranstaltung geben, mit der ihr das feiert? Ein Jubiläumskonzert oder ähnliches?

Julian: Es wird wohl in der Cselley-Mühle etwas geben, weil wir dort vor 20 Jahren das erste mal auf der Bühne gestanden sind. Ansonsten ist uns das alles jetzt eigentlich nicht so wichtig. Man wird zwar hin und wieder nostalgisch, aber so einen riesigen Stellenwert geben wir dem Ganzen jetzt nicht.

Thomas: Dafür sind wir zu wenig Jubiläumstypen. Ich meine was die Lebensjahre angeht ist es ja auch keine besondere Leistung 40 Jahre alt zu werden. Natürlich hat es schon einen Wert für uns, dass wir zusammen Musik machen können, aber ob das jetzt 20 oder 21 Jahre sind ist egal.

Gab es nach der Veröffentlichung von Trumpf öfter Momente in denen das Fortbestehen der Band an der Kippe stand?

Julian: Ja, vor allem stellten wir uns die Frage nach dem “wie machen wir jetzt weiter?”. Es benötigt einfach einen riesigen Patzen an Energie und die Lust am Tun muss einfach so groß werden, dass man sich dafür entscheidet ein weiteres Album aufzunehmen.

Thomas: Im Verlauf der letzten Aufnahmen wurde das halt immer mehr zur Zerreißprobe, die dann aber trotzdem immer produktiv geendet hat und deswegen tut man sich das dann auch wieder an. Wir waren zu viert mit dem Gefühl der ersten Stücke, die nach Trumpf aufgetaucht sind eigentlich unglücklich. Wir haben uns dann aber ziemlich schnell dazu  entschieden noch jemanden ins Boot zu holen, alte Muster fallen zu lassen und vor allem Neues zuzulassen.

Beim letzten Album wurde vor allem der interne “Zwist” der Band zum Thema und dieses mal waren es vor allem Reize von weit Außen, aus dem Nachrichtengeschehen und dem Gefühl, dass die Welt Kopf steht und was das mit einem selbst anstellt. Wir haben den Sommer ja im Studio verbracht, saßen also quasi im “Bunker” und haben eben trotzdem mitbekommen was da draußen so passiert. Und man hatte das Gefühl, dass es draußen ziemlich rund ging und in dieser Ambivalenz hat sich der Arbeitsprozess abgespielt.

Bist du eigentlich eher so der Typ, der seinen Lieblingsstift zusammen mit seinem Lieblingsnotizbuch braucht, um Texte zu schreibe?.

Thomas: Lieblingsstift nicht, aber Kugelschreiber mit verschiedenfarbigen Minen finde ich sehr nützlich, um den Überblick zu behalten. Im Sitzen funktioniert das Schreiben allerdings überhaupt nicht. Die Texte entstehen alle im Gehen und Laufen durch die Stadt, also in diesem Fall durch die Stadt. Ich wollte anfangs auch die Strecken mitdokumentieren und sogar die zurückgelegten Kilometer zählen. Zurückgezogen in geschützten Räumen zu Arbeiten ist für mich nur möglich, wenn es davor schon eine Menge Material gibt, die ich dorthin mitnehmen kann. Alleine aus der Ruhe heraus Arbeiten und Schreiben geht bei mir nicht.

Wollt ihr eigentlich mit Texten wie z.B Menschenfresserwalzer eine gewisse Aussage rüberbringen, oder soll hier einfach jeder hören, was er hören will.

Thomas: Prinzipiell soll jeder hören, was er hören möchte, aber natürlich gibt es einen Ausgangspunkt und eine Intention, die dahinter steckt. Die kommt natürlich nicht immer so beim Hörer an, aber so ein Text funktioniert ja auf eine vielschichtige Art und Weise und man darf sowas nicht mit einer Art Inhaltsangabe verwechseln. Bei sehr vielen Texten geht es um den Wechsel zwischen der Bereitschaft sich dem Trubel in der Welt auszusetzen und darum Dinge mitzunehmen dahin, wo man sich erholen kann.

Ist die Musik von Garish mehr Handwerk oder Kunst?

Julian: Naja, das Handwerk ermöglicht gewissen Dinge….

Thomas: ….Handwerk ist natürlich sehr wichtig, um Dinge umsetzen zu können, wie man sie sich vorstellt. Es ist sehr fustrierend, wenn man Dinge im Kopf hat, die man aufgrund von mangelnden Handwerk und Technik nicht realisieren kann. Trotzdem glaube ich, dass es bei unserer Musik sehr stark um Intuition geht.

Aus dem Erfahrungsschatz, den man in den Jahren auf den Bühnen und im Studio mitgenommen hat und aus der Musik, die man kennt, setzt sich dann, wenn es um intuitive Handlungen geht, etwas Neues zusammen. Man kann es dann einfach laufen lassen und es passiert und das ist gut so. Man kann nach so vielen Jahren einfach der eigenen Intuition vertrauen.

Ihr habt euch, wie viele andere österreichischen Bands im Präsidentschaftswahlkampf, öffentlich für Van Der Bellen ausgesprochen. Wie stark und vor allem wann sollten sich Musiker bzw. Künstler eurer Meinung nach politisch engagieren?

Julian: Es gab immer wieder die Diskussion wie sehr politisch wir sind und wir haben uns in der Vergangenheit dagegen entschieden „zu“ politisch zu sein. In diesem Fall war es aber ein sehr bewusster Schritt. Es gab einfach ein inneres Bedürfnis hier ein Statement zu setzen.

Thomas: Es war da ja auch eine Personenwahl und da ging es weniger um Parteien, sondern um Stil und Charakter. Das wird aber nicht zur Folge haben, dass man weiterhin politische Statements von uns erwarten kann. Wir haben uns eben auch im Entstehungsprozess dieses Albums sehr viel mit solchen Themen beschäftigt.

Ihr seid nun auch auf Instagram aktiver geworden. Als Band habt ihr die Etablierung sozialer Netztwerke seit eurer Gründung im Jahr 1997 von Anfang an miterleben können. Wie hat sich die Öffentlichkeitsarbeit für Garish verändert?

Julian: Mir bleibt Myspace sehr in Erinnerung. Das war früher halt DAS Ding und dann auf einmal hat es niemanden mehr interessiert….

Thomas: ….Mit jeder Veröffentlichung sieht dieses Szenario halt komplett anders aus. Zu einem gewissen Prozentsatz macht das natürlich Spaß. Ob man früher im Studio Fotos gemacht hat oder Studiotagebücher geschrieben hat. All das zu transferieren in ein Echtzeitmedium gehört heute eben dazu, auch wenn ich persönlich nicht so viel damit zu tun habe und das ist auch gut so.

Treffen euch Kommentare von Usern, die sich über eure Musik beschweren auf persönlicher Ebene, oder ist euch das vollkommen egal?

Julian: Das kommt natürlich immer drauf an wie es formuliert ist. Ist es einfach eine andere Meinung, oder stupide und boshaft? Ich bin ein sehr diplomatischer Mensch, aber hin und wieder muss man sich da schon ärgern.

Thomas: Vor allem wenn gewisse Dinge einfach wahr sind. Dann kann man halt sagen “Jo, stimmt scha” oder sich darüber ärgern. Aber damit haben wir uns jetzt nicht wirklich aufgehalten. Das ist jetzt auch wirklich zu unwichtig.

Nutzt ihr privat Streamingdienste wie Spotify oder habt ihr eure Musiksammlung lieber physisch im CD Regal?

Julian: Also ich bin dem Ganzen nicht abgeneigt. Bei mir ersetzt Spotify zu einem gewissen Teil das Radio. Es schlägt einem neue Musik vor, auf die man so sonst nie gekommen wäre und kann sich mit Freunden austauschen. Die Plattensammlung lass ich mir aber trotzdem nicht nehmen.

Thomas: Ich will das dann auch in den Händen halten und nicht nur virtuell haben. Mit der Menge an Möglichkeiten sinkt für mich irgendwie Wertigkeit. Wir sind damals ja mit einer Tasche voll CDs und Discman auf Tour gegangen. Das hat erstens eine gewisse Leidensfähigkeit vorausgesetzt und man musste sich eben auf etwas festlegen.

Julian: Man musste sich davor halt überlegen was man mitnimmt, heute sitzt man da und weiß nicht was jetzt, weil die Auswahl beinahe endlos groß ist.

Thomas: Dieses Supermarkt-Feeling, also alles immer zur Auswahl zu haben ist kein Luxus für mich. Die grenzenlose Auswahl an Musik ist kein luxuriöser Umstand, sondern entwertet für mich den Moment.

Was ist der optimale Ort, um nach einer anstrengenden Tour zu entspannen?

Julian: Ich bin entspannt, wenn Dinge erledigt sind. Also wenn das Album endlich fertig ist, oder wir endlich damit auf den Bühnen unterwegs sind. Nach so einem Erfolg setzt sich so ein kurzes Gefühl von Entspanntheit ein, aber am nächsten Tag wartet die nächste Herausforderung. Ob das jetzt Kinder sind, oder die Arbeit. Nach einer Tour fällt man auf jeden Fall immer in eine Art Loch.

Thomas: Also ich gehe dann immer gerne ins Kino so oft es geht. Sich irgendwo anders verlieren hilft einfach immer. Irgendein Kontrastprogramm, wie eine harte handwerkliche Arbeit, bei der man sich auf eine einzelne Sache fokussieren kann.

Julian: …oder Schwammerlsuchen…

Thomas: Haha, ja von mir aus.

Ein von @garish_official gepostetes Foto am 1. Dez 2016 um 2:04 Uhr

Vielen Dank für das Interview.

www.garish.at


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Autor

Phillipp Annerer

Aufgabenbereich selbst definiert als: Irgendwas mit Medien. Findet: “Wir brauchen irgendwas leckeres zu Essen” (Der Bär im großen blauen Haus) zutreffend.


 
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