"Inception"

Screenology #39: Inception

(Collage: Emma Isacson)

„Mir ist nicht einsichtig, warum solcherart Aufhebens um diesen Film gemacht wird“, sagt Henry stirnrunzelnd, als wir aus dem Kino kommen, derweil ich mich benommen an der Wand abstütze, um mich irgendeiner Realität zu versichern. Aber schon habe ich wieder Boden unter den Füssen, denn schlagartig wird mir bewusst, warum Henry der langweiligste meiner Freunde ist. Er lässt sich nicht aus der Ruhe bringen. Zweieinhalb Stunden Achterbahnfahrt auf vier verschiedenen Traumebenen, eine geballte Ladung krachende Action, eine Liebesgeschichte, die in die hartnäckigsten Irrungen des Unbewussten führt, und eine alles auf den Kopf stellende Wendung am Ende der Geschichte bringen ihn kein bisschen aus der Fassung.

Dom Copp (Leonardo Di Caprio) betreibt Werkspionage, indem er sich in die Träume grosser Industrieller einschleust und wertvolle Geheimnisse stiehlt. Ein letzter Coup soll ihm die Einreise in die Vereinigten Staaten ermöglichen, die er wegen einer Anklage meiden muss, obwohl seine Kinder dort auf ihn warten. Doch statt eines Diebstahls soll er die Einpflanzung einer Idee vornehmen: Inception statt Extraction. Was schwieriger ist. Unmöglich. Aber einen Versuch wert.

Henry hat einen wippenden Gang, der sich verstärkt, wenn er spricht. „Hat dich Inception nicht an Shutter Island erinnert?“ Er geht auf den Fussballen. Vornübergebeugt. „In der ersten Szene die Wogen des Meeres. Leo in der Hauptrolle. Wuchernde Schuldgefühle. Die Welt ist nicht, wie sie scheint. Überraschendes Ende. Und wieder geht es um eine Heilung.“ Stets wendet er mir leicht seinen Oberkörper zu. Möglicherweise rührt die Langeweile an Henry auch von der Tatsache, dass er immer Recht hat, aber Recht hat auf eine ängstliche Art und Weise. „Stimmt“, sage ich und vergesse unverzüglich, dass ich Inception eigentlich um jeden Preis gegen Henry verteidigen wollte. „Aber Nolan gelingt es nicht, die Geschichte in Vibration zu versetzen. Wo Scorsese uns einen Film lang auf den Wogen der Wahrnehmung hin und herschaukelte, so dass wir uns nie in Sicherheit wägen konnten, arbeitet Nolan in visionärer Kurzsicht einen riesigen Plot-Berg ab. Und weil er so viel Handlung erzählen will, bleibt ihm für die Ausarbeitung der Charaktere und der Beziehungen keine Zeit. Dieser Mangel raubt dem Film die Tiefe.“

Wir bleiben an der Ecke vor dem Pub stehen. Hier trennen sich unsere Wege. Henry kommt nie mit hinein. Er sagt: „Ja, dann…“ Ich sage: „Immerhin, der Film hat mich nie gelangweilt.“ Henry sagt: „Ja.“ Ein Pärchen nähert sich uns. Sie lachen, gehen vorüber. Henry senkt seinen Blick. „Und manche Bilder sind wirklich spektakulär“, sage ich und schaue ebenso hinunter auf den Boden, sehe Henrys Sandalen, seine Wollsocken, und fahre fort: „Di Caprio habe ich noch nie so schlecht spielen gesehen.“ Henry lächelt: „Und Ellen Page, was genau hatte sie in diesem Film vor?!“ Henry gluckst. Ich lache und rufe aus: „Und dann heisst sie noch Ariadne! Ariadne! Damit ja alle begreifen, dass sie Theseus aus dem Labyrinth führt! Ihre billigpsychologischen Phrasen haben mich zu Beginn genervt. Erst gegen Ende habe ich begriffen, warum sie diese simplen, aber eingängigen Schlüsselsätze sprechen muss.“

Henrys Lächeln verschwindet. Wieder fixiert er mich mit seinem schulmeisterlichen Blick. Ich höre auf zu lachen. Was hat er denn? „In diesen Es-ist-nicht-wie-ihr-denkt-Filmen“, sagt er und verschränkt die Arme, „Sixth Sense, Shutter Island, Inception, verfällt der Held der Geschichte jeweils in Aktionismus und überschäumendes Rettertum, um am Schluss seine totale Ohnmacht festzustellen. Mit dem Macher wird gemacht. Der handlungswütige Protagonist ist in Tat und Wahrheit ein wirkungslos Fuchtelnder. Denkst du, dieses Symptom sagt etwas über den Menschen unserer Zeit aus?“

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(Inception, USA 2010, Regie: Christopher Nolan, Schauspieler: Leonardo Di Caprio, Joseph Gordon-Levitt, Ellen Page, Tom Hardy, Ken Watanabe, Marion Cotillard, Michael Caine)