Held mit ein paar Kratzern – Die Ermordung des Commendatore I und II

Tagelang hatte ich im Januar das erlösende Drrring meiner Türklingel ersehnt – das Signal, dass die Postbotin das magische Bücherpäckchen aus dem DuMont Buchverlag mit dem neuen Roman von Murakami bringen würde. Und dann war es da! Drring!
Ich schaute erst gar nicht durch den Spion, denn ich spürte ja, wer da draussen stand … Leider kochte ich gerade keine Spaghetti und ich hörte auch keine Oper.
Zu gern hätte ich meine Rezension nämlich mit den ersten Zeilen aus Murakamis Roman Mister Aufziehvogel begonnen: Als das Telefon klingelte, war ich in der Küche, wo ich einen Topf Spaghetti kochte und zu einer UKW-Übertragung der Ouvertüre von Rossinis Die diebische Elster pfiff, was die ideale Musik zum Pastakochen sein dürfte … (Dumont Literaturverlag. Seite 7).

Lange Zeit konnte ich gar nicht anfangen, zu lesen. Ich hielt diese sehr besondere Ausgabe einfach nur in den Händen, um sie zu betrachten. Ganz so, wie der namenlose Ich-Erzähler wochenlang das Bild Die Ermordung des Commendatore, welches er auf dem Dachboden findet, anschaut. 

Autorenfoto: © Markus Tedeskino/Ag. Focus

Bei seinen Betrachtungen verliert er sogar die Lust, etwas Richtiges zu essen: Meistens knabberte ich irgendwelches Gemüse mit Mayonnaise aus dem Kühlschrank … Es hatte etwas Suggestives an sich, das das Herz des Betrachters tief in seinen Bann zog und seine Fantasie in fremde Gefilde entführte (Seite 103).
Auch geniesst er es, frühmorgens eine weiße, noch unbemalte Leinwand zu betrachten. Leinwand-Zen nennt er das. Für ihn ist die Leinwand keineswegs leer, sondern birgt etwas verheißungsvoll Kommendes, den Moment, in dem Sein und Nichtsein sich vereinen würden …

Um die schöne Zeit in Murakamis Gedankenwelt zu genießen, habe ich im Januar das Ende von Teil I bewusst hinausgezögert, war mit seinen Figuren lange Zeit dort, wo an der Welt die feinen Risse entstehen. Die Risse zwischen Realem und Irrealem, zwischen weißen Leinwänden, klingelnden Glöckchen und einer Figur aus einem Gemälde, die nur der Ich-Erzähler sehen kann. Dieser Ich-Erzähler, der ohne zu zögern sein Handy in den Fluß schmeißt, seinen Kaffee immer ganz frisch in Porzellantassen aufbrüht (er hasst die Pappbecher von Starbucks) und in einem Haus ohne Internet seine Zeit verbringt – lediglich mit einer kleinen Eule als Gast auf dem Dachboden. Rings um ihn dunkle Wälder und Berge, irgendwo der Pazifische Ozean. Ein sehr sympathischer Held.

Murakami lesen ist wie eine spirituelle Übung in Achtsamkeit. Inhale. Exhale. Inhale … Ich spüre ganz klar, wie ich langsamer werde und Wort für Wort inhaliere. Bis ich an das unausweichliche Ende komme. Ich weiß, dass es eine Spur in das Wien zur Zeit des Zweiten Weltkrieges gibt, ich weiß, dass das Bild Die Ermordung des Commendatore das Leben des Ich-Erzählers für immer verändern wird. Ich habe viel über Porträt- und Ölmalerei erfahren. Auch wenn wieder das intensive Hören von Musik und der Genuss von gutem Essen und feinstem Whisky die Geschichte begleiten, entführt Murakami uns diesmal zusätzlich in die Welt der Kunst. Und zeigt uns – Maler sind ganz besondere Menschen, sie sehen die Welt mit eigenem Blick, halten Momente fest und bannen diese für die Ewigkeit auf eine Leinwand.

Auch im 2. Band des Romans ist mir der Ich-Erzähler ein angenehmer Begleiter. Abenteuer ganz besonderer Art warten wieder auf ihn. Entscheidungen außerdem, die sein Leben verändern werden. Das Mädchen Marie spielt diesmal eine sehr dominante Rolle (leider auch ihre viel zu kleinen Brüste). Im Gegenzug dazu wird der geheimnisvolle Herr Menshiki mit seinem erstaunlich weißen Haar immer blasser (passend zu seinem Namen vielleicht: men= vermeiden / shiki = Farbe).
Dabei hätte ich gerade über ihn und auch über den alten Maler Tomohiko Amada und dessen Zeit in Wien noch so viel wissen wollen. Warum endet Teil 1 mit dem Auszug aus einem Buch über das Lager Treblinka und einen dortigen Porträtmaler? Welchen Bezug gibt das zur Geschichte?
Was ist mit den Mönchen, die sich früher in Gruben legten, um dort Erleuchtung zu erlangen und sich in Mumien zu verwandeln? Schade, wie sich manche Fäden einfach in der Unendlichkeit verlieren und nicht alle Geheimnisse geklärt werden.

Aber so ist das eben bei Murakami. Auch bekannt sind seine häufigen Wiederholungen von Sätzen, Szenen oder Bildbeschreibungen. Erstmals empfand ich das diesmal als störend. Und gar nicht „zen-mäßig“.

Und so kommt es, dass mein absoluter Held und Lieblingsautor Murakami jetzt ein paar ganz winzige Kratzer hat, der Lack – kaum sichtbar – ein wenig abgestoßen ist. Das bedeutet natürlich keineswegs, dass ich je aufhören werde, seine Bücher zu lesen. Mitnichten!, wie der kleine (und unvergessliche!) Commendatore so gern ausruft. Ich war gern in Murakamis Gedankenwelt, es war atemberaubend spannend und unglaublich phantasievoll. Überrascht und berührt hat mich schließlich – ohne dass ich irgendwas verrate – das Ende des Romans. Vielleicht auch, weil ich es im Vergleicht zu anderen Romanen von ihm so gar nicht erwartet hätte.

Fazit: es ist ein gutes Buch und, um Murakami selbst zu zitieren (siehe oben):

Es hatte etwas Suggestives an sich, das das Herz des Lesers tief in seinen Bann zog und seine Fantasie in fremde Gefilde entführte.

Großen Dank an den DuMont Buchverlag für die beiden Rezensionsexemplare.

Held mit ein paar Kratzern – Die Ermordung des Commendatore I und II Held mit ein paar Kratzern – Die Ermordung des Commendatore I und II

Haruki Murakami. Die Ermordung des Commendatore Teil I. Eine Idee erscheint. 477 Seiten / Teil II Eine Metapher wandelt sich. 488 Seiten. Aus dem Japanischen von Ursula Gräfe. DuMont Buchverlag Köln. 2018. Jedes Buch Hardcover 26,- € Jedes Buch auch als Hörbuch bei Hörbuch Hamburg. Ungekürzte Lesung David Nathan. Jeweils 26,- €


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