Halbsowild

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The Wedding Present „Valentina“ (Scopitones)
Diese neue Platte ist eine eigenartige geworden – keine schlechte, gewiß nicht, aber etwas seltsam schon. Seit 1985 kämpfen Wedding Present, wenn man das so sagen darf, an vorderster Schrammelfront, „Valentina“ ist ihre achte Platte. In der Zeit zwischen den Jahrtausenden, immerhin acht Jahre, schien es, als ob sich Bandgründer, Ideengeber und Sänger David Gedge mit dem Ende der Band abgefunden hätte – und doch gab es mit „Take Fountain“ 2005 eine überraschende Rückkehr. Heute weiß man, dass das Quartett aus Leeds seine besten Zeiten, trotz der Wiederauferstehung, da schon gesehen hatte – „George Best“, „Bizarro“ und „Seamonsters“ erscheinen mit jedem neuen Album ein Stück größer und es ist sicher kein Zufall, dass Wedding Present seit dem vergangenen Jahr nicht mit den neuen Songs, sondern – der derzeitigen Mode folgend – mit einer Komplettaufführung ihres 91’er Albums „Seamonsters“ touren. Neues für die Couch, altes für die Clubs? Ganz so schlimm ist es nun doch nicht geworden, auch wenn es den letzten Platten, „Valentina“ eingeschlossen, an dem Furor und der unvergleichlichen Energie der Frühwerke fehlt, für den Tanztee kommen sie gottlob noch zu krachert daher.
Über die Themenauswahl muß sich bei Wedding Present niemand beschweren – Gedge war und ist seit jeher ein Mann, der seinen Beziehungswirrwar mit Vorliebe in die eigenen Lieder packt – so handelt auch der Großteil der zehn Stücke des vorliegenden Albums vom Lieben und Scheitern, vom Wollen und Müssen und Lassen. Der Start gerät als Mischung aus Carl Barats Dirty Pretty Things und Nancy Sinatra – beide haben sich am großen Bang! schon abgearbeitet, Gedge tut nun seinen Teil dazu, und gibt am Ende doch den Kleinlauten („Okay, call me“). „You Jane“ erinnert am ehesten an zurückliegende, wildere Glanzzeiten – das ist schnell, das tut gut. In der Folge wird das Zwischenmenschliche in allen Erscheinungsformen bespiegelt und variiert, selbst vor astronomischen Bezügen schreckt Gedge nicht zurück („524 Fidelio“). Textlich wirkt das manches Mal ein wenig platt wie bei „Deer Caught In The Headlights“, wenn er räsoniert: „If I were a painter, I just paint portraits of you, you’ld been everything I do”, auch “End Credits” kann mit solchen Weisheiten aufwarten: “… the closer I get to you, the further I get away from me…”.
Der interessanteste Ausflug gelingt ihm allerdings mit der späten Beichte “The Girl From The DDR“ – und das meint nicht die eingehauchte Triviallyrik wie „Ich warte auf Dich!“ und „Ruf mich an!“ – das Lied führt einem schmerzhaft den Sommer 1988 in Erinnerung, da man als Heranwachsender, dem die nötige Stromlinienförmigkeit nicht anerzogen war, die schmerzvolle Erfahrung der Entbehrung machen musste: Zum Geburtstag der FDJ waren damals nicht nur The Wedding Present, sondern auch Depeche Mode in die Berliner Seelenbinder-Halle geladen – drinnen die Funktionäre, draußen die Fans, ein Jammer. Vorbei. Was Wedding Present auf „Valentina“ musikalisch bieten, bleibt unentschieden, zu oft zurückhaltend, so als trauten sie sich das laute Getöse ihrer alten Songs „Brassneck“, „Suck“ oder „Getting Nowhere Fast“ nicht mehr zu. Das ist schade, im Lichte der Altersmilde betrachtet, der man selbst ja auch verpflichtet fühlt, lässt sich trotzdem damit leben. Man wird halt bis zum Herbst durchhalten müssen und dann kontrollieren, ob ihnen die Monster noch aus der Hand fressen. Und für die kleineren Beziehungsstürme zwischendurch taugt „Valentina“ ja allemal … The Wedding Present bei www.scopitones.co.uk


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