Ginette Kolinka. Rückkehr nach Birkenau

Ginette Kolinka. Rückkehr nach BirkenauMeine Enkelkinder werden wahrscheinlich keine persönlichen Begegnungen mit Holocaust-Überlebenden mehr haben. Ich selbst hatte im September 2015 das ganz große Glück, Marceline Loridan-Ivens zu begegnen. Ein erschütternd schöner Moment, als sie mir ihr Buch signiert hat. Auch meine beiden Söhne haben in der Schule noch Überlebende des Holocaust kennen gelernt. Von einem Besuch des Autors Sally Perel besitze ich ein signiertes Exemplar des Buches Ich war Hitlerjunge Salomon. Mit elegantem Schriftzug und einem freundlichen „Shalom“. Mein Sohn hatte es mir im Januar 2003 geschenkt.

Eine der ältesten Überlebenden ist Ginette Kolinka. Sie ist heute 95 Jahre alt, Jahrzehnte hat sie geschwiegen, bevor sie dieses schmale Buch schrieb.
Sie lebt in Paris und begleitet regelmäßig Schulklassen nach Auschwitz und Birkenau.

Ich erzähle, sehe alles vor mir und denke, dass es unmöglich ist, das überlebt zu haben.
Ich sehe, und ich rieche.
Aber Sie, was sehen Sie?
Als ich später Schulklassen ins Lager begleite, möchte ich den Schülern immer diesen Ort zeigen … bloß ein leerer, sauberer Raum. Für die Fremdenführer zählt er kaum, glaube ich. Sie machen sich keine Vorstellung davon (Seite 25).

Das erste deutsche Wort, das Ginette gleich nach ihrer Ankunft im Lager hört, ist SCHNELL! Sie ist 19 Jahre alt. Von ihrem Vater, ihrem Bruder Gilbert und dem Neffen kann sie sich nicht mehr verabschieden. Sie verschwinden. Für immer.

Mit dem naiven Blick einer jungen Frau nähert die Autorin sich dem, was direkt geschieht. Sie erzählt, als würde alles gerade jetzt passieren. Die älteren kahlgeschorenen Lagerinsassinen mit ihren hohlen Wangen und den tiefliegenden Augen hält sie vorerst für Kranke oder Geistesgestörte.
Und der raue Ton der Wärterinnen kommt wahrscheinlich daher, dass diese eifersüchtig sind auf die französischen Neuankömmlinge. Französinnen gelten als leichtfertig und überheblich.

Das heutige Birkenau beschreibt die Autorin als ruhigen friedlichen Ort, wo junge Frauen joggen und Familien ihre Gärten pflegen. Das macht eine besonders tiefe Erschütterung mit mir. Weil der Kontrast gar nicht größer sein könnte. Weil sich das Unfassbare dadurch noch tiefer einbrennt.
Doch vielleicht kann ich es deshalb überhaupt aushalten …

Als ich das letzte Mal nach Birkenau zurückgekehrt bin, war Frühling. Die Felder waren mit Blumen überzogen, das Gras grün, der Himmel klar, man konnte die Vögel singen hören.
Es war schön.
Wie kann ich ein solches Wort benutzen?
Und doch habe ich es gesagt und gedacht:
“Es ist schön” (Seite 7).

Werde ich jemals genug solcher Bücher gelesen haben werde? Werde ich jemals aufhören, mich für das Thema zu interessieren? Nein, und nie will ich aufhören, darüber zu reden. Denn mit jeder Lektüre, jedem Gespräch erweitert sich mein Blick darauf. Jeder Überlebende hat seine eigene Stimme. Ginette Kolinka hat ihr Buch aus einer Entfernung von mehr als 70 Jahren geschrieben und ist doch mit jedem Wort ganz dicht dran. Ohne Bitterkeit. Ohne Wut. In klaren wundervollen Sätzen. Geschrieben hat sie es für all jene, die nicht überlebt haben:

Im Namen all meiner Kameraden,
die weniger Glück hatten als ich.

Mehrmals in Kolinkas Buch taucht eine französische Marceline mit roten Haaren auf – und ich frage mich, ist hier Marceline Loridan-Ivens gemeint? Es berührt mich auf ganz eigene Weise, als würde ich eine alte Bekannte treffen, die das Glück hatte, zu überleben. Von ihren Erinnerungen erzählt sie in Und du bist nicht zurückgekommen. Eine unvergessliche Lese-Erfahrung. Dürfte ich wenigstens fünf Titel zum Thema Holocaust von meiner langen Liste der gelesenen Bücher dazu empfehlen, würde natürlich Rückkehr nach Birkenau auf dieser Liste stehen. Aber außerdem außerdem darauf finden würdet ihr diese Bücher von Imre Kertész, Anne Frank, Primo Levi und Marceline Loridan-Ivens:

Ginette Kolinka. Rückkehr nach Birkenau Ginette Kolinka. Rückkehr nach Birkenau Ginette Kolinka. Rückkehr nach Birkenau Ginette Kolinka. Rückkehr nach Birkenau

Ginette Kolinka. Rückkehr nach Birkenau. Aus dem Französischen von Nicola Denis. Aufbau Verlag GmbH& Co. KG. Berlin 2020. 124 Seiten. 18,- €. Auch als eBook


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