Gesundheitsziele oder was die Telekom mit der Gesundheitsreform zu tun hat

Gesundheitsziele oder was die Telekom mit der Gesundheitsreform zu tun hat

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GTL | 10.6.2013 | Kommentare (0)

 

Gesundheitsziele oder was die Telekom mit der Gesundheitsreform zu tun hat

Unser. nach Selbstdefinition "einzige unabhängige österreichische Gesundheitsökonom", Ernest Pichlbauer, überschüttet uns dzt. auf seinem Blog (http://www.rezeptblog.at/) in der Wiener Zeitung und Ärztezeitung mit Vorschlägen, wie die Konzepte der aktuellen Gesundheitsreform mit Zahlen zu füllen sind.

Mit beachtlichem Fleiß wird hier Schritt für Schritt das gesamte Krankheitsspektrum abgearbeitet:
"Konkretisierung der Gesundheitsreform – COPD"
http://www.rezeptblog.at/konkretisierung-der-gesundheitsreform-copd/

"Konkretisierung der Gesundheitsreform – chronisch entzündliche Darmerkrankungen"
http://www.rezeptblog.at/konkretisierung-der-gesundheitsreform-chronisch-entzundliche-darmerkrankungen/

"Die Konkretisierung der Gesundheitsreform – Diabetes"
http://www.rezeptblog.at/die-konkretisierung-der-gesundheitsreform-diabetes/

Das Prinzip ist ziemlich einheitlich und orietiert sich an der Grundphilosophie des Gesetzgebers, so dass er sich sicher gern des hier vorgerechneten Glasperlenspiels (Hermann Hesse) bedienen wird:

Regionalisierung in die Versorgungsregionen des ÖSG

Weg von der Institutionenorietierung (KH, Ordi) hin zu Best Point of Care

Letztendlich eine Finanzierung, die an die Erfüllung numerischer Zielvorgaben gebunden ist.

Dazwischen ein bißchen epidemiologischer Zahlenspielerei
ein paar meßbare Ziele (weniger Spitalsaufnahmen, mehr Hausarzt, eh klar)
und der Wunsch nach "Bundeszielsteuerung" wer, was, wo, wann, an wem zu tun hat unter Aussparung wer das zahlt und ob alle Beteiligten (Patienten!) da mitmachen: 

Fertig ist Utopia!

Dass das alles eigentlich regurgitierter Alter Wein in Englischen Schläuchen ist, habe ich hier schon angerissen (http://medicus58.wordpress.com/2013/05/16/alter-wein-in-englischen-schlauchen-agb-der-gesundheitsreform-mussen-her/), aber deshalb muss es ja noch nicht prinzipiell schlecht sein.

Dass gerade die neoliberaler Seite immer die Unzulänglichkeiten der kommunistischen 5-Jahrespläne, die von der Überzeugung der allumfassenden Planbarkeit getragen wurden, verlachte, hindert im 21.Jahrhundert offenbar niemanden mehr, sich (vielleicht durch etwas regionale Bürokratie, pardon föderalistischer Einflussmöglichkeit) genau auf dieselbe Ideologie zu setzten. 

Gläubige haben schon immer den Tag des Jüngsten Gerichts vorhergesagt
, aber selbst das finde ich aus naturwissenschaftlicher Sicht nicht wirklich problematisch, denn gerade diese lebt ja von der Falsifizierung ihrer Vorhersagen (Popper und der Wiener Kreis http://de.wikipedia.org/wiki/Falsifikationismus).

Würde man all diese Spielerein allein für die wichtigsten Krankheiten durchspielen, so wie es sich die Gesundheitspolitik dzt. offenbar vornimmt, entstünde ein Regelwerk, dessen Komplexizität die EU-Bürokratie verblassen ließe.

Wo’s meiner Meinung nach wirklich hakt, ist die Außerachtlassung der jüngsten Erfahrung aus der Wirtschaft, die den Glauben man könne durch numerische Vorgaben ein komplexes, multifaktorielles System "steuern", schon falsifiziert hat:

Haben wir den alle vergessen, was 2004 bei der Österr. Telekom passiert ist?

Am 26. Februar 2004 durchbrach die Telekom-Aktie auf wundersame Weise die Marke von 11,70 Euro. Die Folge: Rund 100 Führungskräfte erhielten insgesamt knapp zehn Millionen Euro.
Beim Telekom-Börsengang im Jahr 2000 war ein Plan geschaffen worden, der Führungskräften die Option einräumte, weitere Aktien zum Ausgabepreis von 9 Euro zu kaufen. Bedingung: Der Kurs musste an fünf Handelstagen im Februar 2004 um 30 Prozent über dem Ausgabekurs, also über 11,70 Euro, liegen.

http://diepresse.com/home/wirtschaft/economist/1343298/TelekomProzess_Worum-es-geht?_vl_backlink=/home/wirtschaft/economist/1342997/index.do&direct=1342997

Auch wenn es ungeheuer logisch scheint, komplexe Prozesse über ein Belohnungssystem für die Erreichung quantifizierbarer Ergebnisse zu steuern, zeigt die Praxis, dass die Ziele dann mit Mitteln erreicht werden, die anders sind, als es sich die Auftraggeber vorgestellt haben.

Auch im Bereich der Medizin ist es sehr einfach Zielvorgaben wie Komplikations- und Hospitalisierungsraten durch spezielle Strategien zur Patientenselektion zu umgehen und genau das passierte bereits mit der Leistungsorientierte Krankenanstaltenfinanzierung (http://de.wikipedia.org/wiki/Leistungsorientierte_Krankenanstaltenfinanzierung).

Auch wenn weniger damit zu verdienen ist, als durch Kursmanipulationen der Telekom, wird dieser Weg der Zielsteuerung auch im Gesundheitssystem dieses nicht verbessern sondern nur manipulieren.