Gespräch mit ErIch

oder: Was einen ständig so vom Schreiben abhält

Kennst du das, frage ich Remus, was, fragt er, du willst einen Beitrag für getidan schreiben und dann, was, Remus grinst mich an, er lehnt sich nach hinten, sein Rücken ruht in einem Meer aus Kissen, er streicht sich eine Locke aus der Stirn, greift nach seiner Pfeife, seit wann rauchst du denn Pfeife, frage ich ihn, was ist jetzt mit deinem Beitrag, also, wie soll ich das sagen, spuck es einfach aus, sagt Remus, gut, ich versuche es, du willst einen Beitrag für getidan schreiben, du hast es dir vor der Tastatur so richtig gemütlich gemacht, weiter, weiter, feuert Remus mich an, ich bin ja dabei, dieser …, denke ich, dann denke ich über mein eben Gedachtes nach, denke, warum habe ich gerade in … über Remus gedacht, etwas stimmt nicht mit mir, demnächst denke ich vielleicht noch in! oder in? über Remus, das könnte eine Satzzeicheninfektion sein, ich schüttele mich, Remus nuckelt an der Pfeife, du musst sie auch anzünden, sage ich, die Pfeife, fragt er erstaunt, den Tabak natürlich, natürlich, sagt Remus und setzt sein gemeinstes James-Bond-Lächeln auf, du wolltest mir etwas erzählen, ich wollte dir erzählen, warum …, verflucht, schreie ich auf, nicht so laut, sagt Remus, er beugt sich zu mir, du solltest vielleicht auch mit dem Trockenpfeifenrauchen anfangen, das würde dich beruhigen, nix da, sage ich, greife nach meinen Camel, du solltest keine Produktnamen in deine Texte einbauen, höre ich den großen Lektor sprechen, ich blicke nach oben zur Decke, fauche, Fresse, zünde mir eine C A M E L an, besser, sage ich, jetzt geht es schon besser, da wird plötzlich der Schreibfluss dieser Geschichte unterbrochen, schreibst du schon wieder eines dieser imaginären Gespräche mit dir und diesem Unsichtbaren, fragt mich die Seraphe, sein Name ist Remus, sage ich zu ihr, Remus, Essen, sagt sie, also unterbreche ich abermals meine Schreibe, sitze aber bereits im nächsten Moment schon wieder dran, denn so ein Zeitsprung benötigt nur den geringen Kraftaufwand des tippenden Zeigefingers, ich sitze also wieder mit Remus da, der gähnt, langweilig, ruft er, legt die Pfeife zur Seite und blättert durch die Fernsehzeitung, kein Fernsehen, wir werden uns etwas von Fassbinder ansehen, er bildet mit der rechten Hand einen Trichter und ruft, langweilig, Arschloch, das solltest du nicht sagen, doch, ich wollte dir doch eigentlich nur erzählen, warum ich keinen neuen Bericht für getidan, sieh mal, schreit Remus aufgeregt, hier kommt ein Hitchcock, zeig mal, sage ich, er wirft die Zeitung zur Seite, reingelegt, schreit er, Arschloch, das hatten wir schon, sagt er, du musst dir mal etwas, in dem Moment kreischt der Vogel in meinem Rücken, ich unterbreche wieder mein Tippen, blicke hin zu ihm, ist ein Wellensittich, hält sich aber für einen Adler, kennen Sie noch nicht, dann will ich Sie ihm vorstellen, Leser, das ist Freddie, Freddie, das ist der Leser, verzeihen Sie, Leserin, das ist Freddie, Freddie, das ist die Leserin, Scheißfeminismus, flüstere ich, da bekomme ich plötzlich von einer mir unbekannten Leserin aus der Zukunft einen Schlag auf die Hände, tut mir ja leid, sage ich kleinlaut, sehe mich um, flüstere noch leiser, Scheißfeminismus, dieses Mal geht es gut, ich wende mich also in meinem Text wieder Remus zu, aber der ist plötzlich verschwunden, ja, so geht es mir, also schreibe ich mir rasch einen Spiegel bei und blicke hinein, hallo, Guido, sage ich, er grinst mich an, ich grinse mich an, Gott, ist das schon wieder kompliziert, was gibt es denn, fragt, ErIch, wollte eigentlich nur erzählen, was einen ständig so vom Schreiben abhält, dann schreib doch darüber, sagt ErIch, hm, ich überlege, warum nicht, sage ich, und dann sage ich noch, Scheiß auf Remus, du könntest doch fortan mein Gesprächspartner sein, warum nicht, sagt ErIch, ja, sage ich, wir beide kämen bestimmt gut miteinander aus, glaube ich auch, du, ja, sage ich, du siehst übrigens verflucht gut aus, danke, sage ich, du aber auch, ja, mit ErIch verstehe ich mich, ich setze mich also hin, schreibe meinen Beitrag über die Störungen beim Schreiben, setze gleich den letzten Punkt, ach, und hier ist er ja auch schon.

(Erschienen bei Getidan)



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