Frontschweine wie wir

Frontschweine wie wirMan ist doch ein klein wenig bescheidener geworden. Jetzt liegt der Verteidigungswall der deutschen Interessensgrenze nicht mehr, wie noch vor etwas mehr als einem Jahrzehnt, am fernen Hindukusch, jetzt liegt er gewissermaßen direkt an der europäischen Peripherie. In Syrien. Und die Bundeswehr ist verfassungsgemäß als Verteidigungsarmee mit dabei. Sie verteidigt dort nicht weniger als unsere Freiheit, unsere Art zu leben. Sie ist dort auch für mich unterwegs – so jedenfalls sagen es die Befürworter des Einsatzes, wenn man die uniformierten Damen und Herren nicht mit einem solidarischen »Hurra!« verabschiedet. Sie bringen damit die Undankbarkeit ins Spiel und wollen so die Kriegsgegner diskreditieren. Denn da schickt man extra Personal nach Syrien, damit wir leben können wie immer sie es von uns wollen, und dann sind wir nicht mal mit dem Herzen dabei. Für die Falken ist das selbstverständlich eine Schande. Also möchte ich an dieser Stelle mal meinen Dank aussprechen: Vielen herzlichen Dank, dass ihr nun so geschickt daran arbeitet, mich zu einem Opfer terroristischer Anschläge zu machen. Dankeschön, dass wir nun alle Anschlagsziele desillusionierter Hardliner sein dürfen.

Schaden vom deutschen Volk abwenden? Mir war so, als sagten Bundeskanzler immer mal so etwas in der Art. Ist das nicht der »hippokratische Eid« bei der Einführung in ihr Amt? Aber uneingeschränkte Solidarität ist nun wichtiger. Und so wird Schaden in Kauf genommen. Ich lebe ja nun in Frankfurt. Dreh- und Angelpunkt der europäischen (Finanz-)Wirtschaft, betrete mehrmals die Woche den Hauptbahnhof, einen der zentralen Verkehrsknoten des Landes. Ich möchte nichts beschwören, aber das ist sicher ein potenzielles Angriffsziel für Terroristen, die sich rächen wollen. Ja, mit diesem Entsenden von 1.200 Soldaten und schwerem Luftgerät, versetzt man mich und Hunderttausende andere in den Ausnahmezustand. Merkel, von der Leyen und wie sie alle heißen, sind ja aus der Schußlinie. Sie schicken Soldaten an die Syrienfront und uns an die Heimatfront. Aber die Entscheider sind fein raus. Sind ja nur wir, die Angst haben müssen, in stetiger Bereitschaft leben und uns mental auf einen etwaigen Ernstfall vorbereiten. In den Ministerien ist man sicher vor Angriffen, auf Bahnhöfen sicher ein Ziel.
Man darf doch nicht kuschen vor denen, die mit Gewalt und Terror drohen, oder etwa nicht? Das ist schon richtig. Einschüchtern darf man sich nicht lassen. Angst ist ein ausgewiesen schlechter Ratgeber. Man muss aber die Konfrontation auch nicht auf die Spitze treiben. Und wenn man ohne Strategien einfach mal bombt und Drohnen über die kargen Landschaften dort drüben fliegen lässt, mal hier was Ziviles trifft, mal dort einem Kind den Vater nimmt und einem Mann die Frau, dann löst man die ohne Zweifel bestehende Notlage nie und nimmer auf. Man verschärft die Gewaltbereitschaft, lässt zu, dass sich eigentlich unbeteiligte Menschen mit den Schergen solidarisieren.
Und was ich persönlich am schlimmsten finde ist, dass ich als potenzielles Opfer einer etwaigen terroristisch gearteten Rache, durchaus nachvollziehen kann, was diese Menschen zu ihrer brutalen Haltung zwingt. Sie sind keine Lämmchen. Aber eben auch nicht böse geboren. Die Weltregion, in der sie leben, ist seit Jahrzehnten das Schachbrett von Drittländern, von Industrienationen, die ihren Einfluss geltend machen, Kriege vom Zaun brechen, intrigante Schliche anwenden und sich Destabilisierungen vorbehalten. All das geschieht unter Ausgrenzung und Beschuss und der Tod ist eine tägliche Möglichkeit. Wenn man heute im Mittleren Osten aufwacht, weiß man nicht, ob man die Strohmatte, von der man sich rollt, am Abend wieder unter sich spüren darf. An jeder Ecke lauert das Ende. In so einem Klima werden Menschen nicht gerade zu Samariter. Sie verhärten ihre Herzen und beim Anblick von Blut wird ihnen nicht etwa übel wie unsereins. Sie sind es ja gewohnt. Irgendwann sagt man sich dann wohl: »Wenn ich Angst um mein Leben haben muss, vor Drohnen und Kollateraltod, warum nicht auch die satten Menschen aus dem westlichen Teil dieser Erde? Ihnen soll es mal genauso gehen wie uns. Vielleicht vergeht denen dann die Lust auf das Hegemonialdasein.«

Bei diesem Gedanken komme ich ins Spiel. Und all die anderen, die sich mit mir Zug und Straßenbahn teilen, die sich eine überteuerte Brezel am Hauptbahnhof kaufen und im Zentrum des Hauptumschlagplatzes des internationalen Handels leben. Diese Regierung schickt nicht nur 1.200 Soldaten an die Front, sondern Millionen von Menschen in Großstädten gleich mit. Wir bezahlen vielleicht mit unserem Leben und müssen uns anhören, sie leisteten Kriegskomplizenschaft doch nur für uns, damit wir weitermachen, damit wir weiter für kleines Geld große Geschäfte ermöglichen können in unseren Betrieben. Damit Deutschland Exportmacht bleibt und wir die fröhlichen Profiteure des Aufschwungs mit 8,50 Euro Stundenlohn in der Tasche. Am Ende haben viele vielleicht gar nichts mehr von diesem Wohlstand, weil sie der Krieg vor der Haustüre ereilt. Dann gewährt man ihnen einen offiziellen Trauerakt und macht sie zu Märtyrer der Freiheit. Ist das eine Alternative zum Leben? Sollte mir dergleichen je widerfahren, dann bloß kein Lametta und kein Lob, denn ich hätte weiterleben wollen. Und wenn sie dann sagen, ich sei für die Freiheit gestorben, dann lügten sie, denn ich stürbe nur dank dieser Eliten, die ihren Geltungsdrang auf meine Kosten befriedigt haben würden.
Ja, wir sind jetzt alle Frontschweine. Man sagt es uns nur nicht. Behauptet glatt das Gegenteil. Frontschweine wie all die Menschen in Syrien und Umland, die auch jeden Tag um ihr Leben fürchten. Im Ersten Weltkrieg sind die Frontsoldaten am Weihnachtsfest aus ihren Gräben gekrochen und haben ein Fußballspiel veranstaltet und dabei festgestellt, dass der Feind ja auch nur lachen und sich freuen wollte. So will es jedenfalls die Legende. Weihnachten ist bald. Aber einen Graben zwischen den Kanonenfutter der Heimatfronten gibt es nicht. Wir können nicht herauskriechen aus dem Erdloch, wie müssen uns verkriechen in einem. So gut es geht. Wir hier, die dort. Morituri te salutant.
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