Finanzkrise als Glaubenskrise: Die Irrtümer der Ökonomen

Besser spät als nie: Seit im August 2008 mit der Pleite der Lehman Brothers der Stöpsel gezogen wurde und die ganze Finanzwirtschaft gurgelnd im Abfluss verschwand, wurden auch die bisher geltenden Glaubenssätze der Ökonomen in den Orkus gespült. Nun gilt es also, neue zu finden. In der vergangenen Woche trafen sich 300 Wirtschaftsexperten zur Jahrestagung des Institute for New Economic Thinking in Berlin – unter dem bezeichnenden Motto Paradigm Lost.

Das Handelsblatt berichtet unter dem Titel “Die größten Irrtümer der Volkswirtschaftslehre” von dem Kongress und den Schwierigkeiten, zu einem neuen Denken in der Volkswirtschaftslehre und überhaupt in den Wirtschaftswissenschaften zu finden. Vorläufiges Resümee: Funktionierende Denk-Alternativen gibt es in der Wirtschaftswelt zwar noch lange nicht, aber immerhin wird langsam auch den Wirtschaftswissenschaftlern klar, wo die Schwachstellen ihrer alten Modelle liegen.

Als erster Irrtum wird die Vorstellung vom Homo oeconomicus genannt – der durch und durch ökonomisch denkende Mensch, der stets seinen materiellen Nutzen im Blick hat und durch entsprechende Anreize gesteuert werden kann, existiert nicht. Menschen sind eben nicht nur an Geld interessiert, sondern daran, auch jenseits der materiellen Selbsterhaltung etwas Sinnvolles zu tun. Auch liegt den meisten Menschen viel an Fairness und dem Wohlergehen anderer – Menschen sind durchaus bereit, zu verzichten, damit es anderen besser geht. Oder wie Verhaltensbiologen schon lange sagen: “Der wahre Egoist kooperiert”. Denn das Leben in einer Gesellschaft, deren Mitglieder sich umeinander kümmern ist sehr viel angenehmer als in einer, in der jeder selbst sehen muss, wie er klar kommt. Bisher hat die Ökonomie das in ihren Modellen nicht berücksichtigt und derzeit ist auch nicht absehbar, ob und wie sie das künftig tun wird.

Die einzelnen Unternehmen dagegen haben das durchaus erkannt, und nutzen die verschiedenen Möglichkeiten, Menschen zu motivieren, ohne ihnen materielle Anreize zu geben, bereits mehr oder weniger subtil. Auch die Werbeindustrie hat längst erkannt, dass man den Leuten statt langweiliger Kosten-Nutzen-Analysen doch viel besser irrationale Glücksversprechen verkaufen kann.

Menschen denken nicht rational

Genauso falsch lagen die Ökonomen mit ihrer Vorstellung, dass Menschen, wenn sie sich Gedanken über ihre Zukunft machen, alle verfügbaren Informationen optimal ausnutzen und dabei keine systematischen Fehler machen. Wäre das so, hätte ein Carsten Maschmeyer niemals mit windigen Lebensversicherungen ein Vermögen machen können, genau wie sich niemand Schrottimmobilien als Altersvorsorge hätte aufschwatzen lassen. Nicht einmal Finanzprofis denken rational, sondern verzocken nicht nur der Oma ihr klein Häuschen, sondern gleich Milliardenbeträge, die mal eben das eine oder andere systemrelevante Finanzinstitut, ja sogar ganze Staaten in den Ruin treiben. Menschen sind in der Praxis gar nicht in der Lage, alle relevanten Informationen einzuholen – schon weil oft gar nicht erkannt wird, welche Information für eine Entscheidung überhaupt relevant ist. Heerscharen von Wirtschaftsberatern waren nicht in der Lage, die nahende Finanzkrise zu erkennen und richtig zu reagieren. Dazu kommt, dass die Zukunft oft von Ereignissen bestimmt wird, die im Vorfeld nicht zu erwarten sind. Wer hätte vor dreißig, ja vor zwanzig Jahren gedacht, welche Rolle Computer, das Internet oder Handys einmal spielen würden?

Auch von der Vorstellung stabiler und effizienter Finanzmärkte mussten sich die Theoretiker verabschieden – in der Theorie sind sämtliche Informationen in den jeweiligen Kursen enthalten, Spekulationsblasen sind deshalb unmöglich. Angesichts der jüngsten Erfahrungen mit platzenden Spekulationsblasen und rasanten Kursausschlägen kann man diese Theorie getrost zu den Akten legen – gerade Finanz- und Immobilienmärkte sind extrem anfällig für Über- und Untertreibungen und somit alles andere als stabil und effizient. So wurden die Risiken von Staatsanleihen lange Zeit systematisch unterschätzt und führen zu massiven Fehlinvestitionen. Langsam setzt sich die Erkenntnis durch, dass die Märkte eben nicht immer richtig liegen und deshalb reguliert werden müssen.

Ähnliches gilt für die Inflationssteuerung in der Geldpolitik: Notenbank-Guru Alan Greenspan vertrat die Auffassung, dass die Notenbank nur eins tun kann, um für Stabilität in der Wirtschaft zu sorgen: Die Verbraucherpreise stabil zu halten. Blasen solle man nicht bekämpfen, sondern auf deren Platzen warten und dann Schadensbegrenzung zu betreiben. Tja. Bei solchen Spekulationsplasen, wie denen, die zu den bekannten Banken- und Finanzkrisen geführt haben, ist eine Schadensbegrenzung gar nicht mehr möglich. Zentralbanken müssen neben der Inflation auch Vermögenspreise und Kreditvolumen im Auge behalten – was passiert, wenn sie das nicht tun, haben wir gerade erlebt. Wobei EZB-Direktor Jörg Asmussen nicht unrecht hat, wenn er sagt, dass neues ökonomisches Denken und Notenbanken ein Widerspruch in sich seien.

Gute alte Zeiten: Marktteilnehmer in Aktion

Gute alte Zeiten: Marktteilnehmer in Aktion

Das Fazit jedenfalls fällt wenig ermutigend aus: Das alte Denken in der Ökonomie hat zwar nicht funktioniert, von einem neuen Denken ist aber nicht viel zu sehen. Dafür werden alte Denker wieder ausgegraben – nein, nicht Karl Marx, wobei es kein Fehler wäre, wenn die Ökonomen auch mal ins Kapital schauen würden. Genannt werden nun wieder Namen wie Joseph Schumpeter, Hyman Minsky und Irving Fischer.

Schumpeter vertritt in seinem Hauptwerk “Kapitalismus, Sozialismus und Demokratie”, das 1942 erschien, die Annahme, dass der Kapitalismus eines Tages zu Grunde gehen werde – und zwar nicht wegen wirtschaftlicher Fehlentwicklungen oder infolge einer gewaltsamen Revolution, sondern paradoxerweise auf Grund seiner Erfolge: Diese schaffen nämlich Bedingungen, unter denen das System nicht überleben kann. Der Punkt scheint inzwischen erreicht zu sein. Leider scheint Schumpeter aber damit zu irren, dass eine solche Situation zwangsläufig einen Übergang zum Sozialismus zur Folge haben werde – das wäre natürlich vernünftig, aber wie wir auch gesehen haben, ist Vernunft bei Wirtschafts- und Politikberatern, aber auch beim schlichten Mensch auf der Straße nicht unbedingt vorhanden. Man sollte sich allerdings auch nicht darauf verlassen, dass Marx bereits von der Geschichte widerlegt sei: Bei der derzeitigen Verelendung der Massen, wie sie nun in Europa, aber auch in den USA inzwischen eingesetzt hat, kommen vielleicht auch revolutionäre Gedanken wieder in Mode.



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