Eine grosze Schweinerei

An der Uni Wien habe ich vor Jahren ein Proseminar besucht, indem es um das Judentum ging. Als Jörg Haider in jenen Tagen seinen legendären rhetorischen Ausritt gegen Ariel Muzicant beging, den Präsidenten der Israelischen Kultusgemeinde Wien, nannte der vortragende Professor ihn ob dessen andauernden Jonglierens mit antisemitischen Klischees ein Schwein. Einige Wochen später sollten wir dem Lehrveranstaltungsleiter schriftlich Rückmeldung ob unserer Zufriedenheit mit seiner Arbeit geben, was natürlich auch anonym möglich war; und, klar, zumindest eine Stellungnahme zur Chose war mit dabei: Es ginge nicht an, einen (renommierten) Politiker solcherart zu beschimpfen – bei aller gerechtfertigten inhaltlichen Kritik. Was machte der Professor? Er wiegte seinen Kopf, er strich sich über seinen Schnurrbart und stimmte dem Kritiker zu – nur um sogleich festzustellen, dass ein Schwein nun Mal einfach ein Schwein zu nennen sei. Punktum.

Über Jörg Haiders moralische Integrität möge heute, fast zwei Jahre nach seinem selbstverschuldeten Unfalltod, jeder urteilen, wie er meint; um die Frage eventueller krimineller Verwicklungen des ehemaligen Kärntner Landeshauptmanns samt überlebender Buberlpartie, ob im Land oder verschollen, mögen sich weiterhin die fleißigen journalistischen Kollegen und die Justiz kümmern. Fakt ist: Menschen Tiernamen zu geben, was meist in diffamierender Absicht geschieht, ist keine feine Sache, und ich werde mich hüten, irgendeiner solchen Diffamierung zuzustimmen – aber die Verhältnismäßigkeit muss dennoch berücksichtigt werden.

Haider hatte in der Sache Muzicant damals gefragt, wie einer, der Ariel – also wie ein bekanntes Waschmittel – hieße, nur soviel Dreck am Stecken haben könne. Rasch war klar, dass es keinen realen Dreck gab, den Haider gemeint haben könnte, aber bei der Sache ging es ja ohnehin bloß darum, einen Juden dahin zu rücken, wohin er in den Augen jener gehörte, die damals wie heute an der nationalsozialistischen Ideologie hingen bzw. ihr nahe stehen, oder zumindest meinen, dass „unter’m Hitler nicht alles schlecht war“ (Autobahnen!) bzw. die sich „so einen wie den Hitler“ (der halt vielleicht nicht mordet, sondern nur delogiert) für unser aller zukünftiges Wohl wünschen. Ekelhafte Realität, aber Haider hatte bei dieser Aschermittwochsrede die Lacher wieder einmal auf seiner Seite.

Vor mittlerweile ziemlich genau zehn Jahren kritisierte Alfred Gusenbauer, kurz davor zum SPÖ-Chef geworden und gedanklich wohl noch weit vom rot-blauen Spargeltreffen entfernt, gewisse Verschärfungen im politischen Ton. „Als Beispiele nannte Gusenbauer den Vorstoß, kritische Oppositionelle ins Gefängnis zu schicken“ sowie „die Flut von Klagen“, mit der Jörg Haider seine Gegner eindecke; er erinnerte an den „Druck, der auf Journalisten ausgeübt werde” und „das Attackieren einzelner Gruppen in der Gesellschaft“, wie die APA am 29. Juli 2000 berichtete. Konkret wurde angeführt, dass Haider zuvor Lehrer als „Parasiten“ bezeichnet hätte.

Mit einer Klage hatte sich zu jener Zeit etwa der Politologe Anton Pelinka zu beschäftigen, der am 28. September 1999 – fünf Tage vor der legendären Nationalratswahl, bei der Haider die FPÖ auf Platz zwei führte – im Fernsehen gemeint hatte: „Immigranten mit Parasiten zu vergleichen ist, was die Nazis in Bezug auf die Juden gemacht haben.“ In der Frage, ob diese und weitere Aussagen Pelinkas für Haider „ehrenbeleidigend“ waren (so der damalige Anwalt Haiders, Michael Rami, der inzwischen nicht zu knapp mit der Verteidigung von dessen politischen Erben beschäftigt ist), entschied das Gericht letztendlich für den Wissenschaftler.

Ebenfalls in diesen Zeitraum fällt eine Attacke, die mir nun, eine Dekade später, wieder in den Sinn kam: Haider hatte die damals aktuelle Spitzelaffäre (die am Ende ziemlich im Sand verlaufen ist) als ein Produkt „kranker Journalistenhirne“ bezeichnet, was wiederum von Astrid Zimmermann, der damaligen Vorsitzenden der österreichischen Journalistengewerkschaft, vehement zurück gewiesen wurde. „Nicht der Berichterstatter ist schuld, wenn einem die Fakten nicht gefallen“, wurde sie in einem APA-Bericht am 7. November 2000 zitiert. Gestern nun meldete sich schließlich der aktuelle Journalisten-Gewerkschaftsboss Franz C. Bauer mit demselben Anliegen zu Wort: Er sprach gegenüber der APA von einem „Verbrechen am Recht auf freie Meinungsäußerung“ und forderte den steirischen BZÖ-Obmann Gerald Grosz zum Rücktritt auf. Warum? Weil „die Berichterstattung einiger Medien“ in Zusammenhang mit Jörg Haider für Grosz „Stürmer-Qualität“ erreicht hat – so ein OTS-Meldung der steirischen Landespartei.

„Journalisten, die erstunkene und erlogene Behauptungen wider besseres Wissens (sic!) aufrecht erhalten und weiter lancieren, sind um keinen Deut besser als die NS-Propagandamacher und ihre Hetzkampagnen“, heißt es da wortwörtlich. „Das muss man in dieser Deutlichkeit feststellen.“ Und weiter: „Damals waren es Juden und Andersdenkende, gegen die gehetzt wurde, heute ist es ein Verstorbener den (sic!) man mit unhaltbaren Gerüchten postum schaden will. In einigen Redaktionsstuben ist schlichtweg der Wahnsinn ausgebrochen.“ Nur wenige Stunden später wurde dann die Arbeit der Profil-Redaktion (u.a.) als „Schweinejournalismus der übelsten Sorte“ bezeichnet.

Nun ist diese Diktion, wie ich oben dargelegt habe, nichts Neues und zeugt nur ein weiteres Mal von der Einfalls- und Charakterlosigkeit der handelnden Personen. Dennoch scheint es mir notwendig, in einem kurzen Abriss näher auf diesen Stürmer einzugehen, „einer 1923 in Nürnberg gegründeten antisemitischen Wochenzeitung“ – denn Leute wie Grosz scheinen mit dem Namen in Wahrheit nur eine erfolgreiche österreichische Popsängerin verbinden zu können.

Das folgende Zitat spricht für sich:

In diesem Sinn sollten wir für Gerald Grosz zusammenlegen, ihm Saul Friedländers Das Dritte Reich und die Juden zukommen lassen, aus dem die zitierten Zeilen stammen, und ihm eine politische Auszeit zur moralischen und intellektuellen Fortbildung nahe legen, nach der er sich für die gestrige Journalistenhetze entschuldigt. Solange das nicht geschieht, nenne ich die getätigten Aussagen eine grosze Schweinerei!