Eine “echte” Königin – Erin Brockovich

Achtung, Spoiler!

Ganz ehrlich Leute, gäbe es diesen Film nicht, würde ich ihn schreiben wollen. Gäbe es diese Frau nicht wirklich, hätte man sie erfinden müssen. Ihr seht schon, ich oute mich gerade als Fan… Ich versuche hier auf meinem Blog die Qualität der Filme von den Figuren zu trennen – ich schreibe ja keine richtigen Filmkritiken, sondern stelle weibliche Hautfiguren vor, die ich beachtenswert finde. Bei Erin Brockovich (2000) hat mich diese Hauptfigur beim ersten Sehen völlig umgeblasen. Natürlich ist die Story großartig und der Film ist auch tatsächlich gut, ja ja ja, aber Erin! Eine Wahnsinnsfrau. Und Julia Roberts, die sie ja spielt? Hat mir in diesem Film zum ersten Mal gefallen – und ich meine, richtig gut gefallen! Den Oscar für diese Rolle hat sie verdient. Und wenn wir schon dabei sind: Das Drehbuch ist super und geschrieben hat es Susannah Grant, Steven Soderbergh führte Regie.

Zunächst einmal ist Erin unheimlich sexy. Das liegt an ihren endlos langen Beinen, die eigentlich immer in knappen Röcken oder Shorts stecken und an dem Wonderbra, den sie nicht nur ständig trägt, sondern meist auch zur Schau stellt. Sie ist halt eine ehemalige Schönheitskönigin. Und Erin findet das ganz prima so, auch wenn die Kolleginnen in der Kanzlei sie deshalb nicht mögen. Aber die Kolleginnen mögen sie auch nicht, weil Erin eine große Klappe hat und ständig, oft auch brüllend, sagt, was sie denkt. Oder mal Leute beleidigt, die sie scheiße findet. Deshalb (und weil sie unerlaubt einen Fall recherchiert und nicht ins Büro kommt) verliert sie diesen Job, für den sie ihren Chef – einen Anwalt, der ihren Fall vor Gericht verloren hat (Erin hat einen schlimmen Autounfall zu Beginn des Films) – hat erpressen müssen, auch gleich wieder. Und Erin ist natürlich nicht nur Mama von drei Kindern, die zwei verschiedene Väter haben, sie ist auch allein erziehend, weil die Väter keine Lust mehr hatten und abgehauen sind, und sie ist chronisch pleite – da sie meistens keinen Job hat. Erin´s life is a mess. Und trotzdem ist Erin gut gelaunt und versucht ihren Kindern so viel Zärtlichkeit zu geben, wie sie nur kann. Wenn sie furchtbar angespannt ist, ist das nicht viel. Und wenn sie arbeiten geht, dann müssen Tagesmütter ran, die sich aber als unzuverlässig entpuppen. Das Leben ist nicht perfekt.

Als ihr neuer Nachbar George sie anbaggert, lässt sie ihn abblitzen – Liebe ist gerade nicht das, was sie braucht. Sie braucht einen Job und keinen zukünftigen Herzschmerz. Als George aber beginnt, sich vorbildlich um ihre Kinder zu kümmern und als Tagespapa einspringt, gewinnt er langsam Erins Herz. Doch immer ist klar: Will er ihr Herz brechen, kann er gehen. Erin braucht keine Liebe, um ihren Weg zu finden. Sie braucht keinen Mann, der sie rettet. Ihre Bestimmung ist es nicht, geheiratet zu werden und einen Mann von ganzem Herzen zu lieben. Im Gegenteil: Erin geht ihren Weg der Liebe zum Trotz. Es kommt der Punkt, an dem George sie verlässt, weil Erin zu viel arbeitet und deshalb zu angespannt ist. George hat keine Lust mehr darauf, Erin´s Hausmann zu sein und nie ein liebes Wort von ihr zu hören. Und Erin? Erin weint nicht. Sie kann ihn verstehen und es tut ihr sehr leid, aber sie weint ihm nicht nach. Sie ruft ihn nicht an. Stattdessen nimmt sie ihre Kinder eben mit zur Arbeit. Das ist für alle belastend, aber es ist auch irgendwie machbar. Erin geht ihren Weg auch allein erziehend weiter – ihr Job ist ihr zu wichtig geworden, zu viele Menschen mit einem furchtbaren Schicksal sind von ihr abhängig, vertrauen ihr und haben nur dank ihr Hoffnung. Erin will und kann das nicht aufgeben, nicht für George, nicht für ihre Kinder. Ihr Engagement geht über diese privaten Dinge hinaus – es geht um einen gigantischen Umweltskandal und hunderte, teils todkranker Menschen. Und Erin ist diejenige, die den Fall entdeckt hat, die mit ihren Nachforschungen nicht aufhört, die trotz Einschüchterungsversuchen weiter macht, die ihren Chef überzeugt und unermüdlich arbeitet, um diesen kranken Menschen Gerechtigkeit widerfahren zu lassen.

Wisst Ihr, was ich jedesmal denke, wenn ich diesen Film sehe? Wäre Erin ein Mann, würde niemand hinterfragen, dass Beziehung und Kinder hintenanstehen, dass sie ihre Familie selten sieht und bis in die Nacht arbeitet. So aber schwingt die ganze Zeit der leise Sexismus mit, der fragt, ob diese Mutter ihre Kinder denn nicht vernachlässigt? Ob sie nicht undankbar gegenüber George ist, der ja jeden Tag ihre Kinder hütet und den Haushalt macht? Sehr schön gemacht.

Erin verliert nie ihre Würde, sie pariert die Angriffe gegen sie wegen ihre freizügigen Kleidung oder ihrer fehlenden Ausbildung mit Humor oder direktem Angriff. Sie ist streitbar und laut. Nie wird Erin zum Opfer, obwohl ihr Leben voller Situationen und Umständen steckt, die das rechtfertigen würden. Aber sie bleibt in jeder dieser Situationen eine Königin: bei sich, würdevoll und niemals zur Aufgabe bereit. Und das wunderbarste an dieser Figur? Sie basiert auf der Geschichte einer echten Erin Brockovich. Es gibt sie wirklich. Und wisst ihr, was ich dazu sage? Natürlich gibt es sie. Ich kenne auch solche Frauen. Vielleicht nicht ganz so laut, nicht ganz so sexy, nicht ganz so erfolgreich, aber sie sind hier, im echten Leben, unter uns. Manchmal vergessen sie, dass sie sich dagegen entscheiden können, sich als Opfer zu sehen, aber meistens fällt es ihnen nach ein paar Wochen wieder ein. Und wenn sie es gerade nicht wissen: Seid sexy, seid laut, sagt Eure Meinung, lasst Euch nicht das Herz brechen, geht Euren Weg, setzt Prioritäten und setzt sie durch!

Was denkt Ihr? Mögt Ihr Frauen wie Erin?

Filmstill aus Erin Brockovich

Filmstill aus Erin Brockovich