Effektiver Altruismus und Kôdô Sawaki über Spendenfreudigkeit

Effektiver Altruismus und Kôdô Sawaki über Spendenfreudigkeit"Wenn wir das Universum nicht mit einem Blick erfassen, weinen und lachen wir. Ist unsere Sicht umfassend, dann gibt es weder Anziehung noch Ablehnung: Die Dinge sind, wie sie sind, das ist alles. Dies ist nur dies, das ist nur das. Und doch können wir nicht begreifen, dass Sozialarbeit, deren Zweck es ist, Gutes zu tun, den Begünstigten vielleicht nicht glücklich macht. Tatsächlich vergrößern wir die Demütigung eines Armen, indem wir ihm Geld geben, und lassen ihn unbefriedigter als zuvor zurück. Ich sage immer, dass man bei den Armen betteln gehen sollte. Der Bedürftige denkt sich dann: „Die können mich immer noch um etwas bitten“, und sogleich entdeckt er seine Würde als Mensch wieder. Darum bettelte Shâkyamuni unter den Elendsten der Elenden um Almosen. Wenn jemand gibt, dann ist er nicht arm. Der Beweis ist, dass ein Reicher es ablehnt, Almosen zu empfangen, da es sein wichtigstes Attribut verletzen würde, seinen finanziellen Status, ohne den er nicht mehr existieren kann. Er hasst es, als Geschenk seinen liebsten Besitz zu bekommen, nämlich Geld. Mit diesem Beispiel haben wir die Essenz des Universums erfasst. Ein solch heller Blick ist nicht erklärbar. Er bedeutet, das Auge zu haben."

Bei meinem ersten Kambodscha-Aufenthalt gab es eine Menge zu tun. Die Armut, die ich sah, war erschütternd. Ich beschloss, mich insbesondere um die Familie eines jungen Mädchens zu kümmern, das mich beeindruckt hatte, weil sie mir - eigentlich Schals und Flöten an Touristen verkaufend - auf meinen genervten Einwurf, ich bräuchte ein Auto, bei meiner Rückkehr aus einem alten Tempel ein Auto besorgt hatte und weinte, als ich ihr sagte, das sei ein Scherz gewesen. Ich war bei der Geburt ihrer jüngsten Schwester dabei (zusammen mit einem japanischen Filmteam) und machte ihren geschwächten zweijährigen Bruder, der nicht laufen konnte, zum ersten Patienten eines Kinderhospitals, mit all der Aufmerksamkeit, die das mit sich brachte. In den Folgejahren brachte ich bei meinen Besuchen natürlich Geschenke mit. Da meine finanzielle Situation - nach deutschen Verhältnissen - eher angespannt war, sagte ich der inzwischen erwachsen gewordenen Bekannten, das nächste Mal würde ich vielleicht mit leeren Händen kommen. Mir war nicht entgangen, dass ich mit meiner Spendenfreudigkeit auch Erwartungen und entsprechend sehnsüchtige Blicke erzeugt hatte. Da antwortete sie: "Das macht nichts. Wir werden dann dich unterstützen." Zwei Jahre später kam ich zum südostasiatischen Neujahr dort an, und ganz verschiedene Menschen aus dem Dorf versorgten mich jeden Tag mit mehr Klebreis und Banane (im Bambusrohr), als ich essen konnte. Im Lauf der Zeit habe ich mir folglich selbst Gedanken über das richtige Geben gemacht. Ein Patentrezept habe ich nicht, aber durch meine eigenen Recherchen zu Hilfsorganisationen, die insbesondere in Kambodscha tätig sind, gebe ich heute der ernüchterten Rat, gar nichts zu spenden, insbesondere nicht an solche, die vorgeben, Kinder zu schützen (was nicht nur für kleine, sondern auch für bekannte  und "geprüfte" NGOs wie Save the Children, Plan International, World Vision usf. gilt, einzig bei den SOS-Kinderdörfern bin ich optimistischer gestimmt). Vor allem religiös motivierte Helfer richten viel Schaden an, da sie die Einheimischen regelmäßig mit ihren beschränkten Vorstellungen belästigen. Selbst nicht dezidiert religiöse Vereine neigen aber zur Indoktrination, und in den Ungebildeten finden sie oft leichte Beute. Viel Geld kommt nicht an, und selbst die angeblich notwendigen Verwaltungskosten sind im Grunde immer zu hoch. Als ich in einem historischen Bericht zum Wiederaufbau Kambodschas nach der Zeit der Roten Khmer sogar das Eingeständnis eins OXFAM-Mitarbeiters las, man habe Reisspenden an Konsorten wie Hun Sen zugestimmt, weil sonst niemandem geholfen worden wäre (die Clique um Hun Sen hatte gefordert, über die Verteilung selbst zu bestimmen, sonst gäbe es gar keine; danach wurde ein Großteil dieser Spenden Kadern und Beamten, der üblichen Sippschaft eben, zugeleitet und nicht den Armen, die hungerten, und das half, die heutigen Machtverhältnisse im Land zu begründen), wurde mir der zynische Teil einer pragmatischen Hilfsbereitschaft klar. Das Motto ist hier offenbar: Besser es kommt was bei den Armen an, als gar nichts - auch wenn wir damit korrupte Diktatoren stützen. Solchen NGOs fehlt es in meinen Augen an Rückgrat und klaren Ansagen. Ich bringe darum auch keine Kleider und Bücher mehr in OXFAM-Shops, wie ich es früher machte. 


UNICEF kann ich nicht unterstützen, seit sie Journalisten in den Hochzeiten der Boulevard-Hysterie über Kinderprostitution Videokassetten zur Verfügung stellten, in denen  unkommentierte Filmausschnitte das Problem nahelegten, aber nicht beweisen konnten: So wurde etwa ein geschminktes philippinisches Mädchen auf einer Fähre gezeigt (vermutlich sogar ohne deren Einverständnis), damit der Journalist dann seine Texte darüber sprechen konnte. Suggestives Bildmaterial sollte hier die eigene Recherche ersetzen. Wie ich in diesem Blog schon schrieb, war bei Nachrecherchen zu Beiträgen quer durch die deutschen TV-Sender festzustellen, dass die dort angesprochenen Sachverhalte nicht stimmten und dass das Ausmaß des Problems übertrieben wurde, um die Bemühungen von Interessengruppen (auch bei der UNICEF) zur allgemeinen Anbebung des Begriffes "Kindheit" auf 18 Jahre zu unterstützen und Gelder für den Schutz von Kindern mit möglichst schockhaften Bildern (die von Werbeagenturen produziert wurden) und erfundenen statistischen Behauptungen zu ihrer Ausbeutung einzuwerben.

Auf die Schwächen einer utilitaristischen Denkweise habe ich schon einmal mit Hinblick auf die lückenhafte Logik des Tierschützers Peter Singer hingewiesen (das Thema Tierschutz und Vegetarismus will ich demnächst noch ausführlicher beleuchten). Kürzlich stellte die Frage "Wie kann meine Hilfe am meisten Menschen nutzen?" der junge Philosophie-Professor William McAskill in seinem Buch "Gutes Besser tun" (Ullstein 2016) über "Effektiven Altruismus". Man könnte McAskill als Fallstudie fürs "Helfersyndrom" lesen, geht es ihm doch um die Optimierung unseres Helfens im Sinne eines durchgeplanten Lebens inklusive Ausbildung und Beruf. Ich kann mich aber zunächst mit vielen seiner Vorschläge anfreunden. Da werden Hilfsorganisationen daraufhin abgeklopft, wie viele Menschen wie sehr von ihnen profitieren, und ein metrisches Äquivalent zur Bemessung namens QALY (1 QALY bedeutet ein zusätzliches, gesundes Lebensjahr) eingeführt, mit dessen Hilfe man z. B. feststellen kann, dass ein für einen besonders Armen gespendeter Dollar hundert Mal mehr nutzen kann als wenn man den Dollar einem Mitglied der Wohlstandsgesellschaften gäbe (was freilich dazu führen müsste, dass Bettlern auf deutschen Straßen das Geld zugunsten von Spenden an Arme in Drittweltländern entzogen würde ...). QALY macht auch deutlich, wie umgerechnet auf jedes Todesopfer 333.000 Dollar beim letzten großen japanischen Erdbeben eingeworben wurden, für Armut-relevante Themen jedoch nur 15.000 Dollar. Von daher leitet der Autor ab, dass bei Naturkatastrophen eher nicht gespendet werden solle, da sie - je nach medialer Aufmerksamkeit, versteht sich - unverhältnismäßig besser unterstützt würden als ebenso wichtige Anliegen.

Insgesamt geht es McAskill um Lebensverlängerung und Verbesserung der Lebensqualität der Unterstützten. Dabei solle man moralisch, aber nicht emotional handeln. Hier sehe ich die ersten beiden Probleme. Zum einen ist jede Hilfe, die nicht zuerst die Überbevölkerung auf der Erde bekämpft, nicht die effektivste. Zuallerst müssten Maßnahmen zur Eindämmung dieser Überbevölkerung ergriffen werden, da man mit der Verteilung von Malarianetzen und Entwurmung (drei der von McAskill bevorzugten Hilfsorganisationen tun genau dies) immer auch an den Symptomen herumdoktort statt an den Ursachen: Gäbe es nicht so viele Menschen, gäbe es auch nicht so viele Arme. 


Zum anderen bedeuten uns nicht alle Menschen das Gleiche, und gerade wenn wir persönliche Beziehungen zu Armen aufbauen, können wir ihnen das Selbstwertgefühl (von dem auch Sawaki oben spricht) geben, das beim anonymen Helfen zu wenig bedacht wird. Ich habe beobachtet, wie mein Helfen Erwartungshaltungen weckt und zu Nichtstun führen kann. Besser ist, wenn der Bespendete auch einmal etwas tun kann, seine Gastfreundschaft zeigen, ein Mahl zubereiten, eine Leistung auf dem Gebiet erbringen, das er beherrscht. Da viele von uns in arme Länder reisen, besteht die Möglichkeit, dass wir von selbst auf die Dinge kommen, die auch McAskill vornehmlich unterstützt: Entwurmen, Malariaschutz, Ausgleich von Mangelernährung.

Abgesehen davon ist doch auffällig, wie McAskill, der selbst diverse Organisationen in seinem Sinne betreibt, dazu rät, das eigene Geld aus der Hand zu geben. Ich bin ganz anderer Ansicht. Man sollte alles dafür tun, dass man die Kontrolle darüber, wo die Spenden hingehen, selbst behält. Dass es McAskill und Co. um die Deutungshoheit in diesem Bereich geht, wird klar, wenn sie auf die Großspender hinweisen, die 10 bis 50 % oder sogar mehr ihres Einkommens weggeben (der Durchschnitt liegt ansonsten bei 2 %). Die meisten von uns würden nach diesem Modell nur relativ wenig ausrichten, wenn sie von ihren kargen Einkommen noch etwas entbehren. Ich selbst habe Armen Moskitonetze und Entwurmungsmittel in einem Land gekauft, wo die größte Dichte an Hilfsorganisationen herrscht(e), nämlich in Kambodscha. Mit anderen Worten, all diese Großspender und ihre Organisationen kommen offenbar nicht dorthin, wo ich hinkomme - und das waren keinesfalls abgelegene Orte. Deshalb ist leicht zu erahnen, wie wenig von ihrem Geld dort angelangt, wo es angelangen sollte. Zumal auch McAskill groteske Summen nennt, die man mit ein bisschen Recherche um ein Vielfaches unterbieten kann, etwa die Kosten für Handpumpen. 

Natürlich kann man als Einzelner auch viel falsch machen. Ich habe einmal die Pfützen vor der Hütte einer malariaerkrankten Familie beseitigen wollen, indem ich in ihrem Dorf Rohre für den Abfluss der Wasserlachen rund um den Brunnen verlegen ließ. Die Rohre führten leicht abhängig zu einem Bach, so die Idee. Als ich ein, zwei Jahre später wiederkam, waren die Rohre hinter der Hütte der Bekannten aufgeschichtet, also wieder ausgegraben worden. Das Gefälle hatte nicht genügt, ein Rückstau hatte sich gebildet und zu stinkenden Rückständen geführt. Hier hätte die Hilfe von Experten meinen Fehler wohl vermeiden helfen. 

McAskill macht viele intelligente Bemerkungen, er beschreibt die bekannte "moralische Lizenz", die dazu führt, dass Menschen, die etwas Gutes getan haben, oft in der Zukunft weniger Gutes tun und sich darauf ausruhen (ein Problem, das sich m. E. auch im Buddhismus beobachten lässt, wo diejenigen, die Gelübde ablegen und sich zum Guten verpflichten, damit schon meinen, den wesentlichen Teil getan zu haben). Manche Menschen würden eher gut aussehen und sich gut fühlen wollen, als wirkliches Interesse daran haben, Gutes zu tun. Der Autor räumt auch mit Vorurteilen auf. So würden nur 10 % des CO2-Abdruckes von Nahrungsmitteln durch den Transport zustandekommen, aber 80 % durch die Produktion, so dass ein von Weitem eingeführtes Nahrungsmittel weniger schädlich sein könne als ein lokal hergestelltes (hier schlägt der Autor Spenden an Cool Earth vor, die indirekt dazu beitragen, Regenwald zu erhalten). Außerdem kämen z.B. nur 11 % des Preisaufschlages für Fairtrade-Kaffee in den Herstellungsländern an. Auch diese Details machen das Buch empfehlenswert (zu einem weiteren seiner Hauptanliegen, dem Vegetarismus, später mehr, denn er lehnt in dieser Reihenfolge alles ab: Rindfleisch-Eier-Hühnerfleisch-Schwein-Fisch). Auch die so genannten "Sweatshops", Fabriken, in denen unter oft fragwürdigen Bedingungen unsere Kleidung hergestellt wird, verteidigt McAskill: Die Einheimischen wollten dort arbeiten, weil der Lohn besser sei als anderswo.

Das größte Problem ist für mich gar nicht, dass nicht genug Geld für die Verteilung etwa von Moskitonetzen und Entwurmungsmitteln in den Zielländern vorhanden wäre, sondern wie Entwicklungshilfe versickert und die oft korrupten Regime in den ärmeren Ländern dadurch gestützt werden, dass man ihnen die Fürsorge für ihr Volk abnimmt, anstatt zuerst diese Regierungen zu beseitigen. Das wäre, wenn man schon rational-moralisch argumentieren will, oberstes Gebot. Insofern scheitert Effektiver Altruismus an seinen eigenen moralischen Grenzen, die dafür offensichtlich keine Lösung bieten.* [Kôdô Sawaki: Das Lied des Erwachens. Kommentare zu Yôka Daishis Shôdôka. Angkor Verlag 2016. Ab ca. 14. Juni]