Dystopia - die Entpolitisierung des Politischen

Über Silvester waren wir wieder mal in unserer Welt von gestern. Diesmal: im Florida der Bonner Pensionäre, Bad Neuenahr bei Ahrweiler. Liegt in der Mitte zwischen Bonn und dem Nürburgring und  war mal bekannt für die erste Spielbank (schönes Wort..) nach dem Krieg. Also dem zweiten Weltkrieg.
Den Jahresübergang begingen wir auf einem gut gelegenen Balkon, im obersten eines Hauses auf dem Hügel. Bester Blick über den Ort. Weite Nacht, viel Feuerwerk. 
Dystopia - die Entpolitisierung des Politischen
Den Abend hatten wir auf der Silvesterpartie der Spielbank verbracht. Dort trafen wir fast nur pensionierte Bundesbeamte aus Bonn. Wohnen tun diese in den 70er Jahre Häuschen und Bungalows entlang der Ahr, die zur schönen Altstadt von Ahrweiler führt. Als Berliner erntet man hier nur Sarkasmus. Doch outet man sich als Wossi (=freiwilliger Wessi im Osten, immer noch) wird es ehrlich und gemütlich. Ich merke dann immer, dass auch ich immer ein Wessi bleiben werde. Da ist soviel Vertrautes und Gelerntes, was ich in den mittlerweile zwölf Jahren in Berlin immer wieder vergesse, im Westen aber sofort wieder erkenne und reaktiviere. An Rhein und Ruhr bin ich Wessi, hier darf ich's sein :-)
Dystopia - die Entpolitisierung des Politischen
Die Familie meiner besseren Hälfte war politisch nicht nur stets interessiert, sie war auch lange engagiert. Wenn Silvester den Übergang in ein Wahljahr einläutete, dann guckten wir die Silvesterpunsch-Episode von Ekel Alfred immer noch mal so gerne. Und jedes mal wunderten wir uns mehr, was man damals noch in einer Fernsehserie sagen durfte.
Parteimitgliedschaft war Ehrensache, Mitgliedschaft in manch anderer Organisation auch. Doch das war einmal. Parteiaustritte und -umtritte gaben für kurze Zeit dem eigenen Protest gegen den Verrat der Parteiideale Ausdruck. Dann keimte kurz Hoffnung, in der neuen Partei werde alles anders. 
Dieses Jahr interessiert uns die Bundestagswahl kaum noch. Das ist bei dem einen Ausdruck von Resignation bei dem anderen der Rückzug in eine Lauerstellung. Falls doch noch mal etwas passiert. Ein zündender Funke, der ein Feuer entfacht.
So wie in Indien. Mich interessierte das zuerst nicht. Und zwar aus Protest. In Berlin finden pro Jahr mehrere Ehrenmorde an türkisch- oder arabischstämmigen Frauen statt. Weil diese ihren resozialisierungsresistenten und bildungsunfähig oder -desinteressierten -oder sagen wir einfach: dummen- Männern zu klug und kultiviert wurden. Zuletzt wurde eine Ehefrau gegenüber vom Potsdamer Platz von ihrem Mann geköpft. Orhan rief dabei, dass sein Allah groß sei. Diese Morde, genauso wie die Gewalt östlicher Einwanderer in der U-Bahn wird hier runtergekocht. Erst recht wird es von SPD, Grünen und Tagesspiegel unterdrückt, die Sache zu politisieren. 
Über Indien wird berichtet, den Vergleich zu Berlin zieht öffentlich aber keiner.
Stattdessen serviert man uns einen mittelmäßigen Battle zweier Medienpräsenzabhängiger um den peinlichsten Berliner 2013 und hält erfolgreich dem Hobbykanzlerkandidaten der SPD einen Fettnapf nach dem anderen hin.
Wir sind von der SPD genauso abgewandt, wie die Konservativen in der CDU, die Liberalen in der FDP und die Netzpolitikinteressierten bei den Piraten. Wir müssen uns alle eine neue Heimat suchen und dabei tunlichst vermeiden, die Aufmerksamkeit karrieregeiler Egoshooter auf uns zu ziehen.
Auf der Wanderung nach Ahrweiler denke ich, die alte Bundesrepublik als Wertesymbol würde bei Wessiwählern alle damaligen Interessensunterschiede überbrücken können. DIe Mehrwertsteuer lag bei 13%, Benzin und Strom kosteten die Hälfte. Man war konsum- und aufstiegsorientiert. Ein bisschen mehr Spiritualität hätte uns damals sicher gut getan, aber damals ging man zumindest an Heiligabend noch in die Kirche. Man hatte kein Internet und nur drei Programme. Aber so war man wenigstens nicht abgelenkt vom eigentlichen Leben.
Wenn Parteivorsitzende von ihrer Basis in die Enge getrieben werden, lenken sie deren Kritik immer zurück auf die Basis und fordern diese zum "Mitmachen" auf. Die gleichen Funktionäre, die uns unter Woche für zu dumm für Direktwahlen und Volksabstimmungen erklären, fordern auf Parteitagen mehr Engagement von ihren Mitgliedern. Darüber hinaus rezitieren sie aus der Gründungspräambel ihres Parteibuches und nennen die Namen ihrer Ehrenvorsitzenden. Doch jedweden originellen eigenen Gedanken bleiben sie schuldig. Da ist nämlich nichts, woraus ein Gedanke entspringen könnte. Und wenn da mal doch etwas ist, ist das beschäftigt mit der Absicherung des eigenen Postens. 
Parteien, die sich als "Dienstleister" (albernes, AGB-orientiertes Modernitätsverständnis) mit "Inhalten" (Verballhornung dessen, was früher unter Überzeugungen, Interessen und Werten lief) um "die Menschen" (pseudoempathische Verhöhnung des dumm und unwissend gehaltenes Volk, inkl. eigener Parteimitglieder) werben, haben ihre Daseinsberechtigung verloren. Nicht von höherer Stelle aberkannt, wohl gemerkt, sondern verloren, wie andere ein vollgerotztes Taschentuch verlieren..
Im gelben Forum bin ich auf einen interessanten Filmtip namens "Idiocracy" (Wikipedia: "Der Film äußert die These, dass in der modernen Gesellschaft Intelligenz und Bildung keine Selektionsvorteile sind.")  gestoßen. Der soll einem Genre namens "Dystopie" angehören, von dem ich bis gestern nichts wusste. Dystopie ist das Gegenteil der Utopie, sozusagen eine gestörte Utopie. Was ich unter dem Schlagwort "Grundzüge einer dystopischen Gesellschaft" bei Wikipedia fand, hat mich hellhörig gemacht. Auszüge:

  • Eine reiche Oberschicht isoliert sich in nach außen abgeriegelten (und teilweise luxuriösen) Wohnkomplexen, während die restliche Bevölkerung unter einfachen oder gar erbärmlichen Bedingungen hausen muss.
  • Ein hohes Wohlstandsgefälle sichert der reichen Oberschicht Zugang zu hochwertigen Lebensmitteln und Wasser, während sich der Rest der Bevölkerung mit künstlichen Nahrungsmitteln zufriedengeben muss.
  • ein von der Oberschicht regierter Staat mit wenigen demokratischen Idealen, wenn überhaupt.
  • staatliche Propaganda und ein Bildungssystem, das die meisten Bürger in die Anbetung des Staates und seiner Regierung nötigt und ihnen die Überzeugung aufzwingt, das Leben unter dem Regime sei gut und gerecht.
  • daraus folgend die Einführung einer Sprache, die Kritik am Staat oder die Organisierung eines Aufstandsunmöglich macht, da zu diesem Zweck schlicht die Worte fehlen (siehe Neusprech).
  • strikter Konformismus und die allgemein herrschende Annahme, dass Dissens und Individualität ein Übel seien.
  • in der Regel gibt es eine Repräsentationsfigur des Staates, die von den Bürgern fanatisch angebetet wird, in Begleitung eines aufwendigen und ins Extrem getriebenen Personenkultes.

Quelle: Wikipedia (lohnt sich!!)

Was die Geister, die 1984 und Schöne neue Welt schrieben, so gut erkannten war, wie der technische Fortschritt der Herrschaft stets eine neue Form gibt. Frönten die letzten beiden Ideologien Kommunismus und Nationalsozialismus noch der physischen und chemischen Gewalt, so wie es dem Paradigma von Kraftmaschinen und technischer Chemie entsprach. So werden heute die Erkenntnisse der Psychologie in Marketing und Medien und den dazu gehörenden Geräten umgesetzt und angewandt. Es ist wirklich so, dass wir von allem das Gegenteil nehmen müssen und uns der entzogenen Begriffe bewusst bleiben müssen.

Das Internet desinformiert uns mit Dorfsaujournalismus und Personalitygeschichten ("Bei Steinbrücks wird es nie wärmer als 18°", "Peter Altmaier spart Energie, in dem er den Deckel auf den Topf seines Schweinebratens legt"), wenn unsere Favoritenleisten nur aus Mainstream bestehen. Merkel redet vielleicht bewusst so schlecht und nichtssagend, weil sie uns der Begrifflichkeiten entwöhnt, mit denen wir auf Twitter zum Angriff blasen könnten. 

Verfolgt man die Leserforen z.B. der WELT und FAZ wird sichtbar, wie groß der Verdruss schon ist. All diese klugen Leute warten nur auf den Tropfen, der das Fass zum überlaufen oder den Funken, der das Gemisch zum Zünden bringt. Wir Deutsche sind mal wieder spät dran. Ich fürchte, wir werden um so heftiger nachholen, je später wir in die Gänge kommen, was unsere Nachbarn rund ums Mittelmeer schon begonnen haben: Sie davon zu jagen.

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