Du hast sie losgebunden?

“Egal, auf dem Bahnsteig lagen wir uns lange in den Armen. Als er seinen Griff lockerte, fragte er mich, ob ich immer noch bereit sei, die Tochter des Chefs zu entführen, die meine Avancen ignorierte, und ich nickte.”

Yves Ravey: Bruderliebe/Enlèvement avec rançon, aus dem Französischen von Angela Wicharz-Lindner, München 2012.

Max schleust seinen Bruder Jerry – die Berge hinauf, die Berge hinunter – durch den Schnee nach Frankreich. Dort will er mit ihm die Tochter seines Chefs entführen, Lösegeld verlangen und unerkannt wieder aus der Sache herausschlüpfen.

“Ich stoppte den Transit und zog an der Schiebetür. Samantha lag auf der Seite, ein Klebeband über dem Mund, die Hände auf dem Rücken gefesselt. Er saß neben ihr, auf dem Karton.”

Ravey, Professor für Bildende Kunst in Besançon, mag den kleinen Kriminalroman in wenigen Wochen geschrieben haben. Luftig wirkt er und eben nicht hard boiled, dazu überhaupt nicht angestrengt. Der Autor steckt den Leser in den Kopf des jüngeren Max, lässt jenen als Ich-Erzähler den Roman tragen und es ist von nun an in dreifacher Hinsicht Aufgabe des Lesers bei jedem der knappen Kapitel zu entscheiden: Vertraue ich Jerry? Glaube ich Max? Was treibt Ravey für ein Spiel?

Yves Ravey

Yves Ravey

“Wie, du hast sie losgebunden?”

In bewährter Weise brechen alte Konflikte auf. Zwanzig Jahren haben die Brüder sich nicht mehr gesehen und am Ende wird der eine zum anderen sagen, dass sie sich besser nicht wiedergetroffen hätten.

Ravey verzichtet gottlob darauf, in Rückblenden zu erzählen. So erfährt man nichts von der Vorgeschichte, die braucht es auch gar nicht. Es reicht vollkommen, die Oberfläche des Konflikts zu betrachten, jene ist geriffelt, hat Spurrillen – mehr braucht es nicht, mehr will Ravey auch nicht. Ein kleines Kammerspiel, das man ihn zwei Stunden gelesen hat und dann gerne nochmals gern von vorne beginnen möchte – dieses Mal mit genauerem Blick.

“Er sagte Samantha, sie solle aufstehen. Diesmal zeigte er sich ganz offen und machte keinerlei Anstalten, sein Gesicht zu verhüllen.”

Bruten Butterwek

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