Die Uni


Die Uni hat angefangen. Seit ganzen zwei Wochen schon besuche ich nun eifrig Englisch-Seminare und Deutschkurse. Anne ist außerdem vorbei "geflogen" und hat mich wieder daran erinnert, dass man den Abend besser in einer griechischen Taverne, als mit Englischer Literatur der Romantik auf dem Sofa verbringt. Wir haben gar kein Sofa.
Leider hat das Wetter gar nicht mitbekommen, dass wir hier in Griechenland sind und es noch nicht Winter ist. So musste ich erstmal Geld (ja, ich habe wieder Geld!) in eine Winterjacke investieren. Ich habe an der Kasse ein wenig geweint. 1. um das liebe Geld, 2. wegen dem schlechten Wetter und 3. weil die Jacke doch wieder von H&M ist. Meine Vorsätze sind dahin.
Jedenfalls hat auch Anne glaube ich heimlich geweint, da selbst das Wetter in Deutschland besser ist, als das graue Nass vor meinem griechischen Fenster. Der Bikini blieb also im Koffer und stattdessen sind wir zu IKEA gefahren, um uns warme Decken zu kaufen. Das war auch nicht verkehrt, denn dort konnten wir erstmal Kötbullar essen. Das hat vor allem mich gefreut. Am Wochenende ist der Himmel dann Gott sei Dank wieder ein wenig aufgerissen und die Sonne kam raus. An den gefühlten Minustemperaturen änderte das jedoch nichts. Man glaub gar nicht, was für ein frischer Wind, da vom Meer her kommt. Griechen haben übrigens bestätigt, dass dies seit Jahrzehnten das schlechteste Oktoberwetter ist. Richtig froh über diesen neuen Rekord bin ich aber nicht. Dafür übe ich mich in Optimismus und hoffe, dass es spätestens im November besser wird. Dann kommen ja auch meine Eltern zu Besuch!
Am Freitag haben wir uns nachts trotzdem vor die Tür getraut und sind dann zur Uni, wo es jedes Wochenende auf dem Campus Parties gibt. Das ist ein spezielles Vergnügen. Dazu muss man sagen, dass die Uni bereits tagsüber ein spezielles Vergnügen ist. Gerade jetzt, wo das Wetter draußen schlecht ist, stolpert man in den Fluren immer mehr über Hunde. Es wimmelt nur so von politisch engagierten Studenten (am 7.11 sind Wahlen) und dass in den Gebäuden geraucht wird, ist auch selbstverständlich. Da die Griechen grundsätzlich ein Problem mit Ruhe haben, läuft in den verrauchten Cafeterien dann noch landestypische Popmusik. Auf dem Weg zur Mensa kommt man an einem alten Eisenbahnwaggon vorbei, aus dem laut Green Day tönt. Ich glaube, dort wohnen Menschen. Man weiß es nicht. Nachts wird das Ganze dann erst richtig romantisch. Wenn man sein Leben mag, geht man also lieber außerhalb des Campus Richtung Party. Wenn nicht, guckt man mal, wenn man im Gelände so trifft. Die Party selbst findet im Gebäude der Politik (oder doch Wirtschaft?) statt und geht über das komplette Erdgeschoss. Im ersten Raum gibt sich eine griechische Punkband die Ehre - um einen herum Menschen mit rasierten Köpfen und eigenwilligem Haarschnitt. Man passt optisch irgendwie nicht dazu, weiter nach draußen. Da grillt erstmal jemand bei Regen. Nächste Tür, langer Flur, wieder voll mit politischen Plakaten, überall Müll, in der Ferne Musik. Die Bar besteht aus alten Tischen, dekoriert mit Teelichtern. Bier aus Dosen. Cola von LIDL. Alles eine große Privatparty, die niemand verbieten kann. Die Klos (wie überall an der Uni) sind Überbleibsel türkischer Kultur. Auch wenn ich der festen Überzeugung bin, dass die Franzosen für das Loch im Boden verantwortlich sind, hat man mir nämlich gesagt, dass man das "türkische Toilette" nennt. Mario beschwert sich immer über ein fehlendes Bidet. Hier beschwere ich mich über ein fehlendes Klo. Nur wer sehr lebensmüde ist, versucht hier sein Glück. Es riecht überall nach Rauch, Gras und Schweiß. Die Parties im KKC sind dagegen ein Tanzkaffee. Ich habe mir ein kommunistisches Plakat von der Wand gepult und dann gegen drei Uhr mit Anne den Heimweg angetreten. Der griechische Taxi-Fahrer mochte uns. Geregnet hat es trotzdem weiter.
Tagsüber sieht mein Teil der Uni eigentlich ziemlich nett ein. Die alte und die neue Philosophie sind zwar wie Tag und Nacht (die alte sehr schön, die neue eher nach Essener Bauart), aber dafür gibt es in der neuen Philosophie richtige Toiletten. Falls jemand fragt.
Die Kurse sind dann überraschend organisiert und anspruchsvoll. Vor allem in Englisch fühle ich mich vom Litertaur-Pensum leicht überfordert. Vom 3-stündigen Unterricht ganz zu schweigen. Ich habe ja schon große Mühe zuhause bei 1 1/2 Stunden geistige Präsenz zu zeigen. Daher beschränke ich mich auf zwei Englischkurse und besuche dafür fleißig die Seminare der deutschen Philologie. Das Niveau ist dort sogar überraschend hoch. Viele Studenten haben selbst in Deutschland gelebt oder sind halbe Deutsche. Die Dozenten sind sehr nett und, was ein unschätzbarer Luxus ist, die Kurse sind meistens nur um die 20 Mann stark. Es wundert mich ohnehin, wieso Menschen im Ausland überhaupt freiwillig Deutsch studieren.
Teilweise sind die Kurse für mich sogar interessanter, als für die Studenten hier (so zumindest mein Eindruck), weil in vielen "Wahlkursen" immer wieder das Thema Deutschland/Griechenland auftaucht und wir uns viel mit interkultureller Litertaur beschäftigen werden. In einem Seminar lesen wir ein Buch, in dem eine deutsche Auswandererin davon berichtet, wie ihr das griechische Leben gefällt. In vielen Dingen findet man sich dann selber wieder. Gerade probiere ich alle Kurse aus und verbringe fast den ganzen Tag in der Uni. Ich freue mich, wenn ich nächste Woche dann fröhlich aussortieren kann und hoffe, dass sich auch mein englischer Koordinator hier für mich freut, wenn er sieht, dass ich mich mehr für die Germanistik interessiere.


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