Die Schraube – die Geschichte einer wunderbaren Freundschaft

Die Schraube – die Geschichte einer wunderbaren Freundschaft
"Ich bin gerne eine alte Schraube, denn aus dem Rost meines Lebens erwuchsen mir wertvolle Erkenntnisse, Wahrheiten und Erinnerungen."

Alexander Rykow


Ihr Lieben,

ich möchte Euch heute die Geschichte eines unbekannten Autors erzählen:
„Eine große alte Schraube liegt in meiner Hand. Etwas abgebrochen und rostig liegt sie schwer auf der Handfläche. Mein Blick gleitet über sie und fast zärtlich streichelt mein Finger über die rostige Schraube.

„Du musst mal eine imposante Schraube gewesen sein. Von Hand gemacht. Tüchtige Männer haben Dich aus Eisen hergestellt. Sie haben sicher geschwitzt und gehämmert, als sie Dich machten. Du wusstest, Du bist wichtig, Du darfst mal raus auf die Schiene des Fortschritts. Damals warst Du etwas ganz Besonderes.“

Das sage ich zur Schraube. Als Antwort wird sie etwas schwerer in meiner Hand, der Rost leuchtet mir entgegen. Meine Gedanken gehen über 115 Jahre zurück. Damals wurde wohl diese Schraube in ein funkelnagelneues Gleis eingeschraubt. Ihr Auftrag war wichtig.

Sicher wurde die Bahnschiene mit Musik eingeweiht und die Erbauer redeten von Zukunft, Wohlstand und Fortschritt. Die Schraube tat sicher ihr Bestes und man kann es ihr nicht verdenken, dass sie sich gut vorkam. War sie doch größer und schwerer als jede normale Schraube.

Wie stolz war sie dann, als der erste Zug über ihr durchratterte und sie dem Gewicht ohne Probleme standhalten konnte. Dafür war sie gemacht, dafür hatte sie geglüht im Feuer und dafür war ihr ein prächtiges robustes Gewinde eingeschnitten worden.

So vergingen Sommer und Winter, viele Male und die Schraube tat treu ihren Dienst. Es gab sicher glückliche Eisenbahnfahrten, die über sie durchfuhren. Eine Hochzeit vielleicht oder Verliebte oder junge Menschen, die die Welt entdecken wollten. Sicher sah die Schraube aber auch Not und Elend, Terror, Krankheit und Tod. Wie oft wird sie im Krieg wohl geseufzt haben, wenn ein Zug durchkam der notvolle Ladung hatte.

Die Schraube wurde älter, die Bahnschiene war nicht mehr so wichtig, die Züge wurden seltener. Kann es sein, dass ich schon bald keinen Dienst mehr haben werde, fragte sich die Schraube?

Fast wäre es so gekommen, aber es gab Menschen, die wollten die alte treue Bahnlinie nicht einfach so aufgeben. Wenn sie auch nicht mehr fortschrittlich ist, so soll sie doch wenigstens etwas fürs Gemüt werden und eine Dampfbahn soll weiterhin durch diese schöne Landschaft fahren. Die Schienen wurden neu überholt. Jede Schraube, jedes Schienenbrett wurde kontrolliert. Die Arbeiter kamen bei der unterdessen alten Schraube an. „Was bist Du doch für eine alte Schraube“, sagte ein Arbeiter. „Du bist zu unsicher, du könntest den Zug ins Unglück bringen, Dich muss ich auswechseln“.

So tat er es dann auch. Er warf die alte Schraube achtlos aufs Gleis. Am Schluss wollte er die alten Teile zusammennehmen und dann ins Alteisen schmeißen. Als es soweit war und der Arbeiter am Einsammeln war, duckte sich die Schraube, so gut sie es eben nur konnte, hinter einem Grasbüschel. Sie hielt den Atem an, ließ ihr wunderschönes Rostrot so wenig wie möglich leuchten. Und tatsächlich, der Mann ging an ihr vorbei.

Sie konnte liegen bleiben, war in guter Gesellschaft mit Schnecken und schönen Steinen, besonderen Blumen. Manchmal lag Schnee auf ihr, dann wieder brannte die Sonne herunter und es war sehr heiß. So vergingen viele Jahre. Hin und wieder dachte die alte Schraube etwas wehmütig zurück an die Zeit ihres Berufslebens.

Wie war es doch schön gewesen, als schwarze starke und stolze Schraube einen so wichtigen Dienst zu haben. Aber im Laufe des langen Lebens merkte die Schraube dann doch, dass es nicht allein wichtig ist, dass man „Jemand“ ist, sondern dass es viel wichtiger ist, Anteil zu nehmen am Leben, die Schöpfung zu bestaunen und einfach zufrieden zu sein mit dem, was man hat und ist.

So war die Schraube an jenem Sommerabend ganz zufrieden. Sie ließ ihren schönen Rost im Licht des Sonnenuntergangs leuchten, dass es eine Freude war. Sie lag auf der Schiene und sah schon von weitem zwei Menschen kommen. Sie streckte sich ein wenig um besser schauen zu können.
Ja, tatsächlich, da vorne auf dem Gleis kamen zwei daher. Sie balancierten abwechseln auf der Schiene, lachten dabei und schienen sehr fröhlich zu sein. Die beiden bestaunten Blumen, nahmen Steine auf und Schneckenhäuser.
Interessant, dachte die Schraube, die beiden muss ich etwas beobachten. Lange ist es her, seit uns hier jemand so wichtig nahm, dass er Zeit hatte, uns anzuschauen, geschweige dann in die Hand zu nehmen. Sonst rennen und hetzen doch die Menschen nur. Unterdessen setzen sich die beiden Menschen weiter vorne auf einen Wildbeobachtungssitz. Es war genau so weit von der Schraube weg, dass diese alles gut sehen konnte, wenn sie sich nur etwas streckte.

Sie konnte auch das Lachen hören und Wortfetzen kamen bis zu ihr rüber. Das war ja mal ein interessanter Abend den die Schraube da erlebte. Die beiden Menschen machten es sich gemütlich, sie saßen in der untergehenden Sonne und wussten nicht, dass sie von einer Schraube beobachtet werden. Zuerst waren sie leise, vielleicht kommt ja ein Reh. Nach einer Weile jedoch redeten sie lustig miteinander, tauften den Sitz worauf sie saßen „ihren Bahnhof“ und lachten frisch fröhlich.

Eine ganze Weile bestaunte die Schraube das lustige fröhliche Treiben und sie freute sich mit. Sie spürte, da ist etwas Besonderes zwischen den beiden Menschen. Sie spürte da ist Vertrauen, echte tiefe Freundschaft und Wertschätzung und reine Freude, dass sie Zeit zusammen verbringen durften. Die Schraube hätte zu gerne mehr über diese Beiden erfahren.

Nach geraumer Zeit lösten sich die beiden Menschenkinder und kamen fröhlich auf die Schraube zu. Von weitem konnte sie sehen, wie sich die beiden Geschenke machen. Sie bekam eine Blume, er ein Schneckenhaus. Was das wohl bedeuten soll?

Die Schraube sah auch, dass die beiden ganz interessiert die Jahreszahlen auf den Schienen lasen, die Inschriften der Firmennamen und wie sie über die früheren Zeiten nachdachten, wie es da mal gewesen sein könnte. Die Schraube hätte das ja alles gewusst und hätte zu gerne von früher erzählt.

Aber wie sollte sie das machen? So rückte sie so gut sie es eben konnte sich so zurecht, dass sie dem Mann auf dem Weg lag. Vielleicht hoffte sie, vielleicht dachte sie ganz zitternd vor Freude, würde er sie sehen und sie könnte von früher erzählen. Die Schritte, das Lachen, die Fröhlichkeit und die tiefe Verbundenheit kamen immer näher.

Und als die Schraube den Schatten über sich spürte, denn der Mann warf, traute sie sich kaum zu atmen. Sie blinzelt leicht und sieht von oben eine sonnengebräunte Hand sich nach ihr ausstrecken. Die Hand war sanft und vertrauenswürdig. Es war keine rohe Hand wie die, wo sie damals auf den Schotter geschmissen hatte weil ihr Dienst beendet war. Nein, das war eine ganz andere Hand.

Eine die sie jetzt aufhob, in der Hand wiegte und sie sanft umschloss, wie wenn sie etwas Besonderes wäre. Vor Aufregung wurde es der alten Schraube fast schwindlig. Was jetzt geschah, das konnte sie kaum fassen. Sie ruhte in der Männerhand und so ging es noch einige Meter weiter. Dann blieb der Mann stehen und die Frau auch. Die Hand streckte sich der Frau entgegen, langsam öffnete sich diese Hand und die Schraube hatte wieder Licht. Da lag sie nun auf der offenen Hand des Mannes in der untergehenden Sonne.

„Hier Sternchen, das schenke ich Dir als Erinnerung an dieses wunderschöne Wochenende, als Erinnerung an diesen Spaziergang, als Erinnerung an Badeplausch, Mais- und Kornfeld, an unseren Bahnhof“. In den Augen der Frau leuchtet das Glück auf, wie wenn sie das wertvollste Geschenk bekommen hätte. Liebevoll nimmt sie die alte Schraube in ihre Hand, bestaunt sie und freut sich über sie.

Die alte Schraube kann ihr Glück kaum fassen. Nach so vielen Jahren unbeachteten Daseins hat sie einen neuen Auftrag. Sie darf die Erinnerungen einer besonderen Freundschaft lebendig erhalten, Erinnerungen an besondere Momente im Leben, die nie mehr wiederkehren so wie sie waren. Die alte Schraube wird sorgsam in den Rucksack gepackt, damit sie ja nicht verloren gehe. Es ist dunkel dort drinnen und die alte Schraube merkt wie sie müde wird.

Noch während ihr die Augen zufallen, denkt sie – wie ist das doch schön, ich bin nur eine alte Schraube, aber für diese beiden Menschen bin ich etwas ganz Besonderes. Dann schläft sie ein. Sie erwacht erst wieder, als sie sorgsam aus dem Rucksack genommen wird und auf einen Nachttisch gelegt wird. Das ist die erste Nacht seit ihrer Herstellung, dass sie drinnen ist. Neugierig schaut sie sich um. Die Reise geht am nächsten Tag weiter in ein anderes Land. Dort wohnt die Frau. Sorgsam nimmt sie die Schraube aus der Tasche, legt sie behutsam auf den Computer zu Steinen, Schneckenhäuschen und solchen Dingen.
Besondere Geschenke, auf den ersten Blick wertlos für die Menschen. Nicht aber für die Frau. Für sie sind das Schätze besonderer Art und jedes hat seine Geschichte. Kein Tag vergeht, ohne dass die Frau die alte Schraube in die Hand nimmt, zart über ihren Rost streichelt und an diesen wunderschönen Tag zurückdenkt.
Tagsüber, wenn es hier ruhig ist im Raum, dann schaut sich die Schraube in Ruhe um, knüpft Freundschaft mit dem Stein links und dem Schneckenhaus rechts und überhaupt mit allen hier. Gegenseitig erzählen sie sich die Geschichten einer besonderen Freundschaft und den Platz den sie darin einnehmen. Geschichten über Menschen, die hier in diesem kleinen und einfachen Haus ein und ausgehen.

Kürzlich hörte die Schraube, als die Frau am Telefonieren war den Satz:

„Es ist nur eine alte Schraube, aber für uns etwas ganz Besonderes.“ In dieser Nacht schlief die alte Schraube sehr glücklich ein. Und sie träumte davon, wie es dann ist, wenn der Mann in dieses Häuschen zu Besuch kommt, wenn er sie in diesem Zimmerchen besucht und sie liebevoll in die Hand nimmt und auch an jenen wunderschönen Tag zurückdenkt.
Ja, Du bist nur eine alte Schraube, aber für uns etwas Besonderes!

Ihr Lieben,

die Geschichte hat zwei tiefe Wahrheiten in sich:
Zum einen werden wir alle irgendwann zu alten rostigen Schrauben, aber das bedeutet noch lange nicht, dass wir auch wertlos werden. Ich kenne viele ältere Menschen, die sich wertlos fühlen, aber dafür gibt es keinen Grund.
Jeder Einzelne von Euch ist etwas Besonderes!,
  so wie diese Schraube.
Aber manchmal werden wir im Leben zur Seite geschoben, lassen uns Menschen fallen oder schenken uns keine Beachtung mehr und dann fühlen wir und schuldig und wertlos.
Aber das stimmt nicht: Du bist noch genauso wertvoll wie bisher!
Aber wir müssen akzeptieren, dass sich das Leben verändert, dass unsere Aufgaben sich ändern. Und wenn es Menschen gibt, die mit uns nichts mehr zu tun haben wollen, weil wir nicht mehr so leistungsfähig sind, dann sollten wir uns nicht bejammern, sondern uns anderen Menschen zuwenden, die uns wertschätzen.

Schaue Dich in Deiner Umgebung um, es gibt viele Menschen, denen Du viel bedeutest, Du musst sie nur wahrnehmen!
Die zweite Wahrheit der Geschichte ist diese:
Wir sollten Menschen nicht nur nach ihrer Leistungsfähigkeit beurteilen, nach ihrem Können und ihrer Position, sondern wir sollten die Menschen wertschätzen, wir sollten erkennen,
dass der Mensch, der uns gegenüber sitzt, ebenso wertvoll ist wie wir selbst.
Wir sollten die Menschen beurteilen nach dem, wie viel Liebe sie verschenken, wie viel Freude sie bereiten, wie viel Wertschätzung sie anderen Menschen zukommen lassen. Wenn wir das täten, dann sähe es um Vieles besser aus in dieser Welt.
Ihr Lieben,

Ich wünsche Euch ein fröhliches unbekümmertes Wochenende und grüße Euch herzlich aus dem sonnendurchfluteten Bremen

Euer fröhlicher Werner

Die Schraube – die Geschichte einer wunderbaren Freundschaft

Das Foto wurde von karin Heringshausen zur Verfügung gestellt


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