Die Lüge von der Parallelgesellschaft

von Salome

Berlin_Istanbul17

Wenn in Deutschland über Integration gespro­chen wird, ist ganz schnell die Rede von der Parallelgesellschaft. Immigranten, vor allem tür­kisch­stäm­mige, so heißt es, wür­den sich in eige­nen Vierteln abschot­ten und sich so vor der Integration drü­cken. Klaus J. Bade, deut­scher Historiker und Migrationsspezialist, hat schon vor Jahren in einem Spiegelinterview den Begriff der Parallelgesellschaft als Populismus ent­larvt:

Die Parallelgesellschaften gibt es in den Köpfen derer, die Angst davor haben: Ich habe Angst, und glaube, dass der andere daran Schuld ist. Wenn das ebenso sim­ple wie gefähr­li­che Gerede über Parallelgesellschaften so wei­ter­geht, wird sich die Situation ver­schär­fen. Dieses Gerede ist also nicht Teil der Lösung, son­dern Teil des Problems.

Ein wirk­sa­mer Kampfbegriff

Tatsächlich ist Parallelgesellschaft ein Kampfbegriff, der dar­auf abzielt, Immigranten zu dis­kri­mi­nie­ren, indem er ihnen ein Fehlverhalten unter­stellt: Angeblich leis­ten Immigranten nicht genug für ihre Integration, ler­nen nicht genug Deutsch, pas­sen sich nicht der viel beschriee­nen deut­schen „Leitkultur“ an. Zuletzt hat Thilo Sarrazin das öffent­lich­keits­wirk­sam zum Thema gemacht.  Mit dem Vorwurf der Parallelgesellschaft wird eine Grenze gezo­gen zwi­schen dem Vertrauten und dem Fremden und es wird zugleich deut­lich gemacht, dass das Scheitern der Über­win­dung der Grenze an den ande­ren, an den Fremden liegt und dass man sich des­halb um jene Fremden auch nicht mehr bemü­hen muss. Aber was machen sie dort eigent­lich, die Fremden, in ihren Vierteln? – das fra­gen sich viele Deutsche arg­wöh­nisch, wenn sie an Neukölln, an Offenbach den­ken.

Über­gangs­sta­tio­nen zwi­schen Heimat und Fremde

Für eine Antwort müs­sen sie gar nicht so sehr in die Fremde, son­dern nur ein wenig in die Ferne schwei­fen: Als im 19. Jahrhundert viele Deutsche nach Amerika auf­bra­chen, um dort ihr Glück zu suchen, steu­er­ten viele Philadelphia oder Chicago an. Der Grund war ganz ein­fach: Dort lebte bereits jeweils eine große deut­sche Community mit deut­schen Geschäften, deut­schen Schulen und sogar deut­schen Straßen. Dort gab es Netzwerke, Vereine, Hilfe, Unterstützung, Freunde und Verwandte, die bei der Ankunft in dem neuen, frem­den Land und dem Aufbau eines neuen Lebens behilf­lich sein konn­ten. Die wenigs­ten blie­ben dau­er­haft dort, für viele war es nur eine Durchgangsstation. Nach einer Generation zogen die meis­ten wei­ter und leg­ten sogar ihre deut­schen Namen ab. Diese his­to­ri­schen Beispiele zei­gen, dass Viertel, in denen viele Einwanderer aus einem Land zusam­men­le­ben, vor allem der gegen­sei­ti­gen Hilfe und nicht der Abschottung die­nen. Gleichzeitig hat Klaus Bade dar­auf hin­ge­wie­sen, dass es in Deutschland nir­gendwo Viertel gibt, wo nur Menschen aus einem Land zusam­men­le­ben, so wie es in den USA teil­weise der Fall ist, also diese Formen exklu­si­ven Zusammenlebens, wie sie sich in „Chinatown“ oder „Little Italy“ fin­den, bei uns über­haupt nicht exis­tie­ren. Doch da wie hier ent­ste­hen in Einwandervierteln kul­tu­relle Netzwerke, die Über­gangs­sta­tio­nen zwi­schen Herkunftsland und neuer Heimat sind.

Die häss­li­che Fratze der angeb­li­chen “Willkommenskultur”

Die USA sind nicht Deutschland. Dort gibt es eine posi­tive Einwanderungspolitik, in Deutschland redet man lie­ber von einer „Willkommenskultur“, wäh­rend die UN eine Rüge für Sarrazins Treiben aus­spricht und die NSU zehn Jahre unbe­hel­ligt mor­dend durch die Republik zie­hen konnte. Wie will­kom­men kann man sich als Ausländer in so einem Land füh­len? Einem Land, das in Hysterie vor einer Armutszuwanderung aus­bricht, die auf unhalt­ba­ren Zahlen basiert,  wie sich spä­ter klein­laut zeigte, dafür aber wochen­lang die Talkshows und Zeitungen gefüllt hat?

Die unsicht­bare Parallelgesellschaft

Wer ein­mal einen Spaziergang durch die In-Viertel der deut­schen Großstädte unter­nom­men hat, mag einen neuen Eindruck davon bekom­men, was Parallelgesellschaft bedeu­tet. Dort, wo sich die rei­chen, gut gebil­de­ten Deutschen die frisch gen­tri­fi­zier­ten Wohnungen kau­fen und ihre teu­ren Bugaboos mit ein­ge­bau­ter I-Phone-Halterung durch die Gegend schie­ben, wo es mehr Bioläden als Bushaltestellen gibt, zeigt es sich, was es heißt, wenn ein Teil der Gesellschaft sich abschot­tet und mit dem Rest, mit den Armen, den Hoffnungslosen, den Alten einer Stadt nichts mehr zu tun haben will. Schlimmer noch wird es, wenn man sich in die Villenviertel einer Stadt begibt, dort, wo die Klingelschilder keine Namen mehr tra­gen, wo Sicherheitszäune und Kameras dafür sor­gen, dass man unge­stört und unter sich bleibt.

Das ist die Parallelgesellschaft, die uns Sorgen machen sollte, nicht die Viertel mit den Gemüse- und Dönerläden.


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