Die Kunstgeschichte im Genick

Noch bis zum 20. Oktober zeigt das Mumok die in Österreich bisher umfangreichste Schau von Werken des deutschen Künstlers Albert Oehlen. (Nicht zu verwechseln mit seinem Bruder Markus Oehlen).
Der Titel der Ausstellung, der neben Oehlens Namen nur den kurzen Zusatz „Malerei“ enthält, ist wahrlich Programm. Gezeigt werden quer durch Oehlens Schaffen seine großen malerischen Werkgruppen, sowie eine raumgreifende Installation. Die Gemälde sind zwar in thematische Gruppen zusammengefasst, aber nicht didaktisch-chronologisch angeordnet. Bei der Hängung wurde aber besonders darauf Wert gelegt, dass die Bilder sich entweder ergänzen oder in gewissen ästhetischen Spannungsfeldern zueinanderstehen.

  • Ausstellungsansicht / Photo: Gregor Titze © mumok/Albert Oehlen
  • Ausstellungsansicht  Photo: Gregor Titze (c) mumok/Albert Oehlen
  • Ohne Titel, 2005
Ohne Titel (Untitled) - Installation Sammlung / Collection Julie Sylvester - Photo: Courtesy Galería Juana de Aizpuru, Madrid - © 2013 Albert Oehlen
  • Ausstellungsansicht /  Photo: Gregor Titze © mumok/Albert Oehlen
  • Ausstellungsansicht © mumok/Albert Oehlen
  • Ausstellungsansicht / Photo: Gregor Titze © mumok/Albert Oehlen
  • Krefelder Appell, 1983 - Photo: mumok - © 2013 Albert Oehlen
  • Ofen I, 1982 - Photo: Courtesy Galerie Max Hetzler, Berlin © 2013 Albert Oehlen
  • I 9, 2009 Photo: Stefan Rohner - © 2013 Albert Oehlen
  • Ohne Titel, 2011 - Photo: def image - © 2013 Albert Oehlen
  • Selbstporträt mit Pferd, 1985 - Photo: Courtesy Galerie Max Hetzler, Berlin - © 2013 Albert Oehlen
  • Auch Einer, 1985 - Photo: Lothar Schnepf - © 2013 Albert Oehlen
  • Ohne Titel, 2011 - Photo: Lothar Schnepf - © 2013 Albert Oehlen
  • Ohne Titel, 1993 - Photo: Lothar Schnepf - © 2013 Albert Oehlen
  • Ohne Titel, 2011 Photo: Albert Oehlen / Lothar Schnepf © 2013 Albert Oehlen
  • Der Zoo von Brooklyn, 1995  - Photo: Courtesy IVAM, Institut Valencià d’Art Modern, Generalitat - © 2013 Albert Oehlen
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  • Hey mercy, 1983 - Photo: Courtesy Galerie Max Hetzler, Berlin - © 2013 Albert Oehlen
  • Ausstellungsansicht (c) mumok/Albert Oehlen
  • I 33, 2013  Photo: Lothar Schnepf - © 2013 Albert Oehlen
  • Spielgrade, 1996 © 2013 Albert Oehlen
  • Ohne Titel, 1994  Photo: Lothar Schnepf - © 2013 Albert Oehlen
  • Ohne Titel, 2008 Photo: Stefan Rohner - © 2013 Albert Oehlen
Oehlen ist einer jener frühen Seismografen, welcher die Malerei vehement zu hinterfragen begann. Und das nicht zu Unrecht. Gerade zu dem Zeitpunkt, als er zu malen anfing, war die Malerei beim Großteil der zeitgenössischen jungen KünstlerInnen abgemeldet, mehr noch, eigentlich nicht mehr „salonfähig“. Die verschiedenen – ismen, die die Kunstgeschichte des 20. Jahrhunderts bereits hervorgebracht hatte, schienen völlig ausgereizt. Der Beginn der Konzeptkunst versprach das Öffnen völlig neuer Horizonte. Von diesem Ausgangspunkt weg mussten KünstlerInnen zwangsläufig reflexiv agieren, wollten sie sich noch im Betätigungsfeld der Malerei bewegen. Oehlen tat dies von Beginn an. Die Existenzberechtigung der Malerei ist bei ihm gerade durch die permanente Infragestellung gegeben, die sich nicht theoretisch, sondern in seinen Bildern direkt in Erfahrung bringen lässt. Seine frühen Frontalangriffe gegen das Spießbürgertum, die er auch in seiner musikalischen Betätigung im Punkrock auslebte, werden in seinen Bildern unter anderen Hinweisen vor allem durch die Verwendung von „unreinen“ Farben lesbar. Damit transferierte er seine Rebellion auf die Leinwand, denn Bilder wie seine, die mit bis dahin verwendeten ästhetischen Kriterien nicht messbar waren, entzogen sich per se dem bürgerlichen Kunstkonsum, der sich gerne Werke analog zur Farbe der Tapete oder des Vorhangs aussucht. In seinen „Spiegelbildern“ wird Braun als vorherrschende Farbe verwendet, die den dargestellten Räumen, die an Kellergewölbe und Bunker erinnern, einen düsteren Anstrich verleiht. Der damit auch assoziativ verbundene Konnex zu Deutschlands politischer Vergangenheit ist gewollt. Die eingesetzten Spiegel wirken in diesem Bedeutungsumfeld je nach persönlicher Betroffenheit und Reflexion im härtesten Fall als wilde Anklage. Im heutigen Kontext agieren sie als Fragestellung, welche die mögliche Schuldhaftigkeit der BetrachterInnen in Zusammenhang mit zukünftigem diktatorischem Unrecht aufwirft. Mit diesen frühen Un-Ästhetizismen brachte Oehlen „den Feind ins Bild“ wie der Kurator der Ausstellung, Achim Hochdörfer, Oehlens Arbeitsweise charakterisierte. Hochdörfer erklärend dazu weiter: „Oehlens Malerei wendet sich gegen das Reinheitsgebot einer reduktionistischen Moderne, die sich als ein stetiger Prozess der Absonderung außerkünstlerischer Elemente verstand“.
Ein schönes Beispiel gerade dafür sind die sogenannten Schaufensterpuppen-Bilder, die sich in unmittelbarer Nachbarschaft der Spiegel-Bilder befinden. In diesen nimmt er direkten Bezug zu historischen Vorbildern wie z.B. Marcel Duchamp, wobei ihm in einem der Werke das Kunststück gelingt, Duchamps erstes ready-made, das Fahrrad-Rad, malerisch in Szene zu setzen, ohne dabei plump zu wirken. Vielmehr bleiben in dem mit „Hey mercy“ betitelten Bild aus dem Jahr 1983 mehr Fragen offen, als auf den ersten Blick beantwortet werden. Mit diesen frühen Arbeiten macht Oehlen exemplarisch klar, welchen Fokus er auf seine Arbeit legt und zeigt dabei deutlich auf, dass er sich die reale Umsetzung theoretischer kunsthistorischer Problemfelder der Malerei auf seine Fahnen geheftet hat. Woher kommt die Malerei, welche Geschichte hat sie geprägt, was bewirkt sie, gibt es Neues, das in der Malerei noch zu entdecken ist – all diese Fragen umkreist Oehlen permanent.
In seinem breit gefächerten Werk vereint er so Widersprüchliches wie Abstraktion und Gegenständlichkeit, dadaistische Anklänge und expressive Elemente, aber auch eine persönliche, grafische Handschrift und Computerausdrucke. Obwohl von vornherein kalkülhaft eingesetzt, lässt Oehlen, wie er in mehreren Interviews darlegte, zuallerletzt dem malerischen Zufall dennoch breiten Raum. Und so vermischt sich in seinen Bildern theoretische Ordnung mit malerischem Chaos. Besonders deutlich wird dies in seinen Arbeiten, in denen er mit Computer erstellte Formen per Siebdruck auf eine Leinwand überträgt und nachträglich diese technisch generierte Darstellung mit persönlichen Pinselstrichen übermalt. Die Grenzen dazu sind so unscharf, dass es eines genauen Hinsehens bedarf, um die unterschiedlichen Arbeitsschritte zu erkennen. Genaues Hinsehen ist es, was Oehlens Bilder erfordern. Genaues Hinsehen, gepaart mit kunsthistorischem Wissen, ermöglicht eine tiefer gehende Interpretation der Arbeiten. Voll von Anspielungen ist auch jene Rauminstallation, die einen Nachbau von Oehlens Studentenzimmer zeigt. Ein Bett, auf dem das Bettzeug gerade so weit zurückgeschlagen ist, dass ein Selbstporträt des Künstlers darin sichtbar wird, aus dem ein realer Pinsel ragt, eine Stereoanlage, ein Plattenspieler, ein Ofen, eine Kaffeemaschine und eine Dose mit Lack, sowie ein Poster mit einer Ankündigung einer Oehlen-Ausstellung – all das fügt sich zu einer reflexiven Selbstinszenierung zusammen, die mit einem Augenzwinkern Vergangenes und Gegenwärtiges vereint. Der Traum vom Künstler, der noch als „armer Poet“ in seinem Bett zu erkennen ist, und die reale Ausstellung dieser nachträglich geschaffenen Illusions-Objektwerdung in einem der wichtigsten Häuser zeitgenössischer Kunst im deutschsprachigen Raum bietet viel mehr als nur Erheiterungsreize.
Willem de Koonings Geist, einer jener Künstler, die Oehlen als wichtiges Vorbild seiner Malerei zitiert, atmet aus vielen seiner Werke, oftmals in Kombination mit schriftlichen oder fotografischen Versatzstücken. Abstraktion meets Collage – völlig unverkrampft und – je öfter man das Werk Oehlens betrachtet – auch unverwechselbar. Mit dem von ihm geprägten Begriff der „postungegenständlichen Malerei“ determinierte sich der Künstler explizit als ein Vertreter der Postmoderne. Oehlen wäre jedoch nicht Oehlen, hätte er für seine Kunst mit diesem Begriff nicht auch eine eigene Bezeichnung innerhalb der Postmoderne geschaffen. Die in den Jahren 2009-2010 entstandenen großformatigen Collagen aus spanischen Reklamepostern verschränken wiederum den kunsthistorischen Beginn dieser Technik aus den 20er Jahren des vorigen Jahrhunderts mit jener amerikanischen Tradition, die, beginnend mit Andy Warhol, ihr Augenmerk auf die Ästhetik der Konsumwelt legte. Wiederum gelingt Oehlen dabei eine eigene Interpretation, indem er die Größenverhältnisse, in welchen Collagen bisher verhandelt wurden, aufbläst und ihnen dadurch ein neues Erscheinungsbild verleiht.
Oehlens Strategie geht – das kann nach einem Selbstversuch behauptet werden – beim Betrachten seines Werkes im Mumok auf: Selbst wenn man die Ausstellung alleine besucht, hat man einen ständigen Begleiter: Die Kunstgeschichte sitzt einem permanent im Nacken und lässt sich nicht abschütteln.
Sehens- und lesenswert zugleich ist der Katalog, der die Ausstellung begleitet. Einer Idee von Heimo Zobernig folgend, findet sich darin so manches, was bei einer Buchherstellung bisher als No-Go galt. Falsche Zeilen- und Seitenumbrüche, leere Seiten, unterschiedliche Typografien und sogar farbfalsche Wiedergaben von Oehlen-Werken feiern darin fröhliche Urstände. Und brechen damit mit bisherigen Seh- und Lesegewohnheiten. Oehlens kunsthistorische Infragestellung von Malerei wird in diesem literarischen Machwerk durch Zobernig einem künstlerischen Transfer unterzogen, der tatsächlich funktioniert. Er gestattet einen neuen, sinnlichen Zugang nicht nur zu den Texten, sondern spannt auch einen plausiblen Bogen zu den Bildern des deutschen Künstlers.
Fazit: Ausstellung und Katalog: Mehr als gelungen.
Die Ausstellung ist noch bis 20.10.2013 zu sehen. Die Öffnungszeiten des MUMOK Mo 14.00–19.00 Uhr; Di bis So 10.00–19.00 Uhr; Do 10.00–21.00 Uhr.
Hier der Link zur Ausstellung: Albert Oehlen – Malerei

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