Die Geschichte eines Traumes

IM KOMMUNISMUS GIBT ES KEINE KLASSENUNTERSCHIEDE. DORT SIND ALLE GLEICH. BIS AUF EINIGE WENIGE. DIE SIND ETWAS GLEICHER.
(Vincent Deeg)
Zahllose, mit klangvollen Namen versehene Waschmittel, Seifen, Cremes, Parfüme und Shampoos, aufwendig verpackte Kaugummi oder Kaubonbon Packungen, unzählige Schokoladensorten, edel umschlossene Kaffee oder Kakaodosen, ein wahres Meer aus verschiedenen Zigaretten, Tabak, Wein und Schnapssorten, Dinge, deren ausnahmslos farbenfrohe Hüllen und Etiketten das pralle Leben suggerierten, das nach oder während ihres Gebrauches zu erwarten war.
Fast glich es einem Schritt in eine andere Dimension, wenn man diese fremde, glitzernde und von tausenden Düften förmlich zu explodieren scheinende Welt betrat. Wenn man die bis an die Decke reichenden und bis zum letzten Winkeln mit bunten und kostbaren Waren vollgestellten Regale betrachtete.
Nein. Ich spreche nicht von den Eindrücken, die der eine oder andere DDR-Bürger damals machte, als er, nachdem die Mauer gefallen war, die Läden und Supermärkte Westberlins oder der grenznahen Orte West- Deutschlands betrat. Ich spreche von den Orten, die es bereits vor dem Fall der Mauer in der DDR gab und die man allgemein Intershops nannte.
Besondere Läden mit besonderen Waren, die das SED Regime zu dem Zweck ins Leben gerufen hatte, was natürlich vom Ministerium für Staatssicherheit strengstens kontrolliert wurden, den westlichen Besuchern und Geschäftsleuten und natürlich den DDR- Bürgern, die privilegiert und dadurch besser situiert waren, als das gewöhnliche Volk oder es, auf welchem Wege auch immer, durch Schwarzarbeit, Trinkgelder in der Gastronomie, durch hochpreisige Umtaschgeschäfte oder durch die Hilfe ihrer westlichen Verwandten und Freunde, um nur einigen dieser legalen oder Illegalen aber nicht für jeden offenen Wege zu nennen, geschafft hatten, ein paar wenige D-Mark zusammen zu sparen, das wertvolle Westgeld aus der Tasche zu ziehen.
Aus der Tasche ziehen. Das ist wohl die richtige Bezeichnung dafür. Speziell, wenn es um die D-Mark der DDR-Bürger ging, dessen sich das stets devisenhungrige Regime nicht nur durch eine Bestimmung bemächtigte, die die Bevölkerung der DDR dazu verpflichtete, ihre ersparten D-Mark in so genannte Forumschecks einzutauschen, sondern auch durch die Tatsache, dass es neben den besagten Intershops, die man in jeder größeren Stadt in relativ großer Zahl finden konnte, nur noch die Genex Geschenkdienst GmbH, kurz Genex genannt gab, deren Erfinder und Ziele die selben waren und die es dem potenten DDR-Bürgern möglich machte, seine D-Mark für größere und aus dem Westen geglaubte aber in vielen Fällen nur aus der DDR oder aus den anderen RGW* Staaten stammende Waren auszugeben.
*
Privilegierte DDR-Bürger, Geld aus der Tasche ziehen oder eine Stasiüberwachung. Das waren Dinge, die Kay, als er an diesem einen Vormittag den Intershop des Hotel Warnow in Rostock betrat, es ist der selbe junge Mann, den wir bereits aus den Geschichten Die Orange, Auserwählt Teil1 und Teil2 oder aus der Geschichte Die Mutter des Verräters kennen, genauso wenig interessierten, wie eine Wasserstandsmeldung der Sahara.
Das lag aber nicht etwa nur daran, dass er mit der DDR schon lange nichts mehr am Hut hatte. Mit dem Staate, dessen falsche Politik Kay ablehnte und dessen Führung ihn, da systemkritisch, als asozial und kriminell gefährdet einstufte, was letztendlich eines dieser berüchtigten und seinen Träger brandmarkenden PM12 Dokumente und ein Berufsverbot zur Folge hatte, welches Kay von da an verbot, seinen alten Beruf als Kellner, für den ein Gegner des Staates, so die Ansicht der DDR Behörden, keines Falles mehr geeignet war, weiter auszuüben.
Nein. Es lag, zumindest an diesem einen Vormittag, hauptsächlich an der Vorfreude auf das, was in diesem Intershop auf ihn wartete. Etwas, nachdem sich Kay schon so lange sehnte, von dem er so manche Nacht geträumt hatte, das er wohl, nur um es noch einmal anzusehen, gefühlte hundert Mal besucht, für das er so lange und hart gearbeitet, für das er so viele schwer erarbeitete Ost-Mark in D-Mark getauscht hatte.
Etwas, von dem damals in der DDR so viele junge Leute träumten, das die meisten von ihnen aber doch nie erreichten. Das es sicht- und greifbar nur in diesen Intershops gab und das, wenn man einmal von den Schallplatten der westlichen Pop und Rockstars und den Jeans Waren absieht, die man dort natürlich auch für harte D-Mark kaufen konnte, für die meisten dieser Jugendlichen der einzig wirkliche Grund war, diese Läden, diese so andere Dimension zu betreten. Und sei es nur, um es aus der Entfernung zu betrachten und von dessen Besitz zu träumen.
Ein Traum, der für Kay an diesem Vormittag endlich ein Ende zu haben schien. Denn er hatte es nach so vielen und harten Monaten geschafft, das Geld zusammen zu sparen, das er brauchte, um sich diesen lang ersehnten Wunsch erfüllen, um sich den Traum aus silbern schimmerndem Kunststoff und Aluminium, aus chromglänzenden Schiebereglern und Druckknöpfen, aus höchst präzisen Ton- Aufnahme und Löschköpfen und ebenso präzise, wie filigran angefertigte Platinen, um sich diesen Radiokassettenrecorder aus Japan, der damals stolze 495.- D-Mark kostete und der, wie an jedem Tag in der obersten Etage des Regals stand und auf Kay, seinen neuen Besitzer wartete, endlich kaufen zu können.
Natürlich wäre es leichter gewesen, in eines der DDR Geschäfte zu gehen, um sich am Ende, so wie es die meisten taten, mit einem der Gerät aus der eigenen Produktion zu begnügen. Ebenso hätte sich Kay auch eines der Importgeräte kaufen können, die es ab und an zu erstehen gab. Doch da es allgemein bekannt war, dass die eine Variante nur selten etwas taugte und die andere in der Regel nur aus überteuerter B-Ware bestand und um es nicht zu vergessen, da sich Kay, was das Wichtigste war, schon längst in dieses Kunstwerk des Japanischen Elektronik Handwerkes verguckt hatte, war dies auf keinen Fall eine Option.
*
Es war ein unbeschreibliches Gefühl, das Kay befiehl, als er, in einer Hand das ersparte Geld und mit der anderen auf den Radiorecorder zeigend, vor dem Verkaufstresen stand. Als er der dauergewellten Verkäuferin zu sah, wie sie sich wortlos und von seiner wohl bemerkten Aufregung unberührt umdrehte, ihren fülligen Körper langsam auf eine kleine Trittleiter zu bewegte, diese, bevor sie sie mühsam bestieg, ebenso langsam in die richtige Position brachte, um im Anschluss daran, mit einigen ächzenden Verrenkungen das vom Kunden gewünschte Gerät vom obersten Regal zu holen.
Das macht dann 497.- D-Mark. Brummte die Frau in ihren nicht vorhandenen Bart, als sie, von der Anstrengung der letzten Sekunden deutlich gezeichnet, den Karton, in dem sich der Radiorecorder befand auf den Tresen stellte. Ein Satz, der Kay wie ein Blitz durchfuhr. Und das mit gutem Grund. Denn was ihm nicht aufgefallen war, auch nicht, als er auf das Gerät gezeigt hatte, war, dass man seit seinem letzten Besuch, der gerade mal vier Tage zurück lag, die Preise der meisten Waren, also auch den seines Radiorecorders um zwei D-Mark erhöht hatte.
*
Was sind schon zwei D-Mark? Wird sich jetzt vielleicht der eine oder andere Fragen. Für die meisten Menschen, die im Westen lebten, nicht viel. Für die meisten Menschen des damaligen Ostens jedoch ein kleiner Schatz, für den so manch einer, so wie Kay, ganze Monate brauchte, um ihn zusammen zu bekommen.
*
Man kann sich vielleicht vorstellen, wie endtäuschend, ja wie erschlagend dieser Moment gewesen sein muss, als Kay, der ja nur 495.- D-Mark besaß und der nicht wusste, woher er die fehlenden zwei Mark so schnell her nehmen sollte, von dieser Preiserhöhung erfuhr. Wie frustriert es gewesen sein wird, mit anzusehen, wie die Verkäuferin schulterzuckend und leise vor sich hin murrend den Karton vom Ladentisch nahm, um ihn in einer ebenso atemberaubenden Geschwindigkeit, wie zuvor, an seinen alten Platz zurück zu befördern.
Doch alles Schimpfen und Zetern half nichts. Kay musste den Intershop ohne den bereits erfüllt geglaubten und nun wieder in unbestimmt weite Ferne gerückten Traum verlassen.
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„Warum müssen diese Arschlöcher auch gerade jetzt die Preise verändern?“ Fluchte er leise vor sich hin, als Kay den Laden verließ und ohne es wirklich wahr zu nehmen, den Weg zur Tagesbar in der Langen Straße einschlug. Eine kleine Bar, die, wie deren Name schon verriet, auch am Tage geöffnet hatte, die den Behörden, vor allem dem Ministerium für Staatssicherheit als einschlägiger Treffpunkt politisch zweifelhafter oder aus dem westlichen Ausland stammender Subjekte bekannt war, in der Kay, die stets präsenten Spitzel ignorierend, schon so manchen Abend mit seinesgleichen verbracht hatte und zu der er nun, wie ferngelenkt unterwegs war.
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War es Bestimmung oder einfach nur ein Zufall, der Kay ausgerechnet an diesem Vormittag, den er eigentlich mit seiner neuen Errungenschaft verbringen wollte, zu diesem Ort, den er zu dieser Tageszeit noch nie besucht hatte, gehen ließ? Eine Frage, die wohl niemand mit Sicherheit beantworten kann. Im Gegensatz zu der Frage, was geschehen wäre, wenn ihn sein Weg an diesem Vormittag nicht in diese kleine Bar geführt hätte.
Kay hätte weder Martin, noch Peter, zwei Männer aus Lübeck kennen gelernt, die gerade eine Ostseekreuzfahrt machten und neben den vielen anderen Hansestädten auch seine Stadt besuchten. Sie hätte sich nicht zu ihm an den Tresen gesetzt und sich auch nicht zwei ganze Stunden lang mit ihm unterhalten.
Nein. Das alles wäre nicht passiert, wenn Kay stattdessen nach Hause gegangen wäre. Dort hin, wo kein Martin und auch kein Peter auf die Idee gekommen wäre, ihn mit einer Menge gutem Zureden dazu zu bringen, den waren Grund seiner bedrückten Stimmung zu verraten. Wo sich niemand ungläubig und fassungslos seine traurige Geschichte angehört hätte und wo ihm ganz sicher niemand zum Abschied mit einem Lächeln und den Worten „Geh und kauf Dir Deinen Radiorecorder“ fünfzig Mark West in die Jackentasche gesteckt hätte.
*
So manch einer kann es sich vielleicht vorstellen, dieses Feuerwerk der Gefühl, dass sich in diesem Augenblick in Kay ausbreitete. Dass er über alle Maßen beschämt, zu Tränen gerührt aber auch unsagbar glücklich war. Beschämt, da er sich, trotzdem ihm Martin und Peter wieder und wieder versicherten, dass es nicht so sei, plötzlich wie ein schmutziger Bettler fühlte. Gerührt, weil ihm zwei eigentlich völlig fremde Menschen eine solch große Freude machten und glücklich, weil sich sein bereits als verloren geglaubter Traum nun doch noch erfüllte.
**
Auch, wenn es wohl nicht mehr nötig ist, will ich es doch versäumen, zu erzählen, dass Kay damals, kaum dass seine neuen Freunde Martin und Peter die Bar verlassen hatten, zum selben Intershop zurück gekehrt ist und sich seinen Radiorecorder, nebst ein paar guter Kassetten, die in der DDR ebenfalls zur Mangelware gehörten und die er sich nun leisten konnte, gekauft hat.
Die beiden Männer hat Kay leider nie wieder gesehen. Doch er denkt noch heute an sie. Besonders dann, wenn er seinen Radiorecorder von damals, den er über all die Jahre wie einen Schatz behütet hat, den es also, auch wenn sein Äußeres inzwischen etwas gelitten hat, heute immer noch gibt, einschaltet.
Diese Geschichte beruht auf eine wahre Begebenheit. Ich selbst war, auch wenn hier nicht erwähnt, ein Teil von ihr.
*RGW: Der 1949 gegründete Rat für gegenseitige Wirtschaftshilfe (RGW; russ. Совет экономической взаимопомощи, CЭB, SEW), im Westen oft als Comecon (aus der englischen Übersetzung Council for Mutual Economic Assistance) bezeichnet, war der wirtschaftliche Zusammenschluss der sozialistischen Staaten unter Führung der Sowjetunion. Er löste sich – wie das 1955 gegründete militärische Bündnis Warschauer Pakt (im Ostblock selbst als Warschauer Vertrag bezeichnet) – im Jahr 1991 infolge der politischen Umwälzungen des Jahres 1989 auf.(Quelle: Wikipedia)
 

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