Die Frau, die nichts tat und viel gewann

oder Die erste ganz große Dame der deutschen Postdemokratie.
Jetzt, da ich diese Zeilen schreibe, ist noch nicht ganz klar, ob die Konservativen die absolute Mehrheit haben oder nicht. Klar ist nur, dass es Zuwächse für eine Politik gab, die sich inhaltlich nicht nur im Kreis drehte, sondern als Umteilungssystem von unten nach oben wirkte.
Die Frau, die nichts tat und viel gewannWas wir erleben ist nicht der Sieg oder gar die politische Bestätigung von Angela Merkel, sondern die Ver-Popstar-ung politischer Protagonisten. Politische Inhalte vermittelte sie kaum. Sie strauchelte in der Wahlarena und sprach im Dialog mit Steinbrück (im Volksmund Kanzlerduell genannt) fein säuberlich um den heißen Brei. Was sie wirklich konnte war das Repetitio ihrer Floskeln und der für sie vorgeschriebenen Sprachbilder. Trotzdem reicht es für eine (absolute) Mehrheit. Fast ist es so wie es Der Postillon scherzhaft meinte: Sie ist so beliebt, weil sie so beliebt ist. Andere Erklärungen wirken da nur unglaubhaft.

Klar ist ja auch, dass eine etwaige absolute Mehrheit auf niedrigem Niveau entsteht. Nie haben 42 oder 43 Prozent hierzu gereicht. Das liegt an vielen starken Parteien unterhalb der Fünf-Prozent-Hürde, die den Schwellensatz hinunterziehen. Trotzdem: Kaum etwas erklärt besser diesen Sieg, als diese Beliebtheit um der Beliebtheit willen. Irgendwie bestimmte dieser irrationale Impuls die Menschen, sich für jemanden auszusprechen, der in der Sozialpolitik versagte, die Außenpolitik brutalisierte, die Sicherheitspolitik totschwieg (Stichwort "Prism") und keine klare Prinzipien an den Tag legte. Aber weil sie so beliebt war, weil sie so niedlich guckte und so tapsig wirkte, darf sie es nochmal, jetzt sogar gestärkt probieren.
Mit politischer Leistung hat das relativ wenig zu tun. Merkel hat sich nach diesem Wahlkampf und dem Wahlausgang auch gleich aus der Zunft der Politiker verabschiedet. Jetzt ist sie mehr. Sie hat den Aufstieg zum Popstar geschafft. Teilweise war sie das vorher schon. Nun geht es aber bloß noch um Imagepflege, um die Stilisierung, um die Unterhaltung ihrer Aura. Sie ist die Frau, die wenig tat und viel gewann. Politische Konzepte juckten sie immer reichlich wenig. Aber jetzt ist es klarer denn je: Sie ist der Inhalt ihrer Politik. Sie ist ihre Politik. Jetzt muss sie noch weniger politisch leisten als vorher. Der Popstar-Effekt: Die Rolling Stones können heute auch durchschnittliche Nummern schreiben, sie werden Begeisterungsstürme ernten. Hey, es sind die Rolling Stones! Angie, Angie, where will it lead us from here? Zum Mindestlohn sicher nicht.

Sie ist ein unmusikalischer Popstar, ein unpolitischer Politiker, ein inhaltsloser Inhalt. Ein Oxymoron, das Contradictio in adiecto. Oder anders gesagt: Sie ist die erste ganz große Dame der deutschen Postdemokratie. Eine Kreatur des Medienzirkus, die weiß, wie sie sich verkaufen muss und die mit heißer Luft Zustimmung einfährt. Dieser Wahlabend ist die endgültige Ankunft dieser Republik in der Postdemokratie, in der politische Aspekte nichts zählen, wenn man zum Ausgleich hierzu nur mediabel genug ist.
Na sicher, der Brandt war auch in gewissen Kreisen ein Popstar. Aber er hatte noch Inhalte, Botschaften, schuf Aufbruchstimmung. Er musste etwas vorweisen, um jemand zu werden. Während Brandt versuchte, etwas aus der Scheiße zu basteln, die die Konservativen in den Jahren zuvor produziert hatten, macht Merkel aus Nichts etwas. Brandt fiel auf die Knie und Merkel tat nichts außer Sparanweisungen zu geben. Nur im postdemokratischen Medienzeitalter ist es möglich, dass man ohne Können und Kenntnis zum Popstar wird.
In den letzten Jahren haben Parteien, die Wähler verloren hatten, gerne behauptet, sie seien vom Wähler nicht ausreichend verstanden worden. Das war Selbsttrost. Diese Analyse trifft jetzt auf diese Bestätigung Merkels auch zu. Sie ist nicht verstanden worden. Und das war ihr großes Glück. Sie tut indes alles dafür, nicht verstanden zu werden. Hierfür redet sie extra undeutlich. Dafür lobt sie die wirtschaftliche Lage des Landes ohne zu sagen, dass die nur im Vergleich zu einer europäischen Wirtschaft so gut dasteht, die eigentlich am Boden kriecht. Im Vergleich mit Spanien sind wir spitze. Sagt sie aber nicht.


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