Die Eleganz des Zähneknirschens

Die Eleganz des Zähneknirschens

Gefühle sind stark. Gedanken auch. Ein starkes Gefühl kann einen starken Gedanken aufblühen lassen, diesen behüten, pflegen und anschließend in die große weite Welt der Handlungen hinaus lassen.

So schön das auch klingt, bedacht ist es nicht immer! Besonders, wenn es um die gute alte Rache geht.

Als ein Mensch, dessen Gleichgerechtigkeitssinn mit 15 Jahren ungewöhnlich bis übertrieben stark ausgeprägt war, hatte auch ich dies zu spüren bekommen. An einem stinknormalen Schultag, in einem stinknormalen Klassenraum…

Leider hatte ich mit dem Aufsetzen eines Kopftuches in der 8. Klasse, jegliche Chance für ein stinknormales Schüler-Lehrer-Verhältnis zu meinem Geschichts- und Politiklehrer auf Ewig verloren. Dieser äußerte täglich offene Abneigung gegen das Stück Stoff auf meinem Kopf und verdarb mir deshalb auch des Öfteren mein Interesse an historischen Geschehnissen.

 Eines Tages kam der Hr. Lehrer auf die, in jener Zeit auch in den Medien diskutierte, Problematik der Lehrerinnen mit Kopftuch zu sprechen. Er stellte uns dieses Thema, zur Symbolik in öffentlichen Schulen verallgemeinert,  zur offenen Runde frei. Schlagwörter, wie Glaubensfreiheit, geforderte Neutralität, „Dann- auch- kein- Kreuz“, Förderung des Miteinanders fielen artig moderiert und ganz nach Schülerstyle mit Hilfe des Zeigefingers hoch, runter, Mund auf, Mund zu- Prinzips. Ein Schüler jedoch hörte sich die Argumente mit einem aufgesetzten Halbgrinsen passiv an und unterbrach dann mit einem „Tzzzzzaaah“ unsere friedliche Diskussionsrunde.

Mein Blick ging seitlich links und fand den hoch amüsierten, sehr übergewichtigen PC- Freak im Lonsdale-Pulli folgendes sagen: „Meint ihr das jetzt ernst, oda was? Tzahah… würde hier `ne Frau mit Kopftuch stehen altaa, ich würd mich totlachen!“

Ein paar Jungs stimmten seinem Gelächter ein. Meine Freundinnen schauten zu mir herüber. Der Lehrer teilte seine Meinung… bloß „aus Prinzip“. Mir stockte der Atem.Ich glaube, ich werde den Schock, den diese Aussage in mir auslöste und mich bis heute noch verfolgt nie vergessen können. Es weckte in mir den Wunsch diesem Jungen bestimmte Kapitel des Geschichtsbuches auf den Kopf zu schlagen. Ich wollte kratzen, beißen, ihm seine Haare rausreißen… was verärgerte Mädchen halt so machen, um dem Klischee mal gerecht zu werden.

Für was oder wen hielt man sich denn bitteschön? Es war nicht so, dass ich in der Klasse mit meiner offenkundigen Meinung allein war. Es war auch nicht so, dass mein geliebtes Kopftuch nie zuvor zu einem Riesenproblem gemacht wurde. Aber nie hatte ich es erlebt, dass ein Mensch, sich auf ein dermaßen hohes Podest stellt und andere, einfach mal so, zum Unmenschen erklärt.

Wie auch immer. Die Sache war zusammen mit dem nächsten Pausengong gegessen und es wurde nie wieder darüber geredet. Ich allerdings hatte damit noch lange nicht abgeschlossen. Seit dem kleinen Zwischenfall erwische ich meine Fantasie bis heute dabei, skurrile Rachepläne zu schmieden… Mal bin ich Richterin bei einem Gerichtsverfahren, wo der immer noch übergewichtige Ex-Mitschüler als Zeuge zu einem Auffahrunfall aussagt und ich ihn für schuldig befinde und zu 10 Jahren Haft verurteile; mal eile ich als erfolgreiche Notärztin per Rotlicht zu einem äußerst traumatischen Unfall, wo der wehrte Ex-Mitschüler auf dem Boden liegt und mich mit blutüberströmtem Gesicht anfleht ihm zu helfen – ich mich aber meiner Kompetenzen zufolge gegen seine Rettung entscheide, da die Erhaltung seiner Lebensqualität leider nicht mehr zu gewährleisten ist… Ziemlich gemein – ich weiß… aber Rache ist nun einmal süß!

Jetzt aber mal zum Thema „bedacht sein“: Abgesehen davon, dass die hohe Kunst des Niveaubewusstseins ein jedem niveaubewussten Menschen verbietet, solch befriedigenden Gedanken Taten folgen zu lassen und es außerdem von Kreativlosigkeit zeugt, auf die selbe unmenschliche Art und Weise zu verletzen ist da noch eine andere Sache…

Würde man, ganz dem Vorbild des Propheten Muhammed (s) folgend, demjenigen, der mit Steinen wirft, mit Rosen begegnen – wie groß wäre dann die Menschlichkeit gegenüber denen, die diese in anderen nicht zu erkennen wissen?!

Angesichts einiger Ungerechtigkeiten, die dazu fähig sind, unvorstellbar tiefe Anker zu schlagen, zwingt sich mir zunächst notgedrungen der Gedanke: „Das kann doch nur der Prophet (s)!“, auf. Doch letzten Endes besitzt jeder ein eigenes Cockpit und kann selbst entscheiden, ob er nun seinem Stolz, seiner Wut oder seinem Glauben an die Gerechtigkeit Allahs die Oberhand über sein Handeln überlässt…

Der Wunsch nach Rache kann wirklich ganz schön aufdringlich werden und es einem richtig schwer machen, bei solch respektlosen Kommentaren standhaft zu bleiben. Vor allem dann, wenn der Stolz dabei bedeutende Kratzer abbekommen hat. Aber manchmal sollte man dann doch an Dosis zurückschrauben, sich zurücklehnen und auf einen pädagogisch wertvollen Erfolg hoffen. Was will man mehr, wenn sich Rachegelüste dann auch noch positiv auf die bildungsorientierte Motivation auswirken? Schwer ist es allemal, aber wer weiß… vielleicht ist die Eleganz des Zähneknirschens durch ein einfaches Lächeln im Endeffekt ja süßer, als Rache.

Also, lieber Ex-Mitschüler! Höchstwahrscheinlich wirst du niemals mein bester Freund sein können. Ebenso wird mein Lächeln bei einer Wiederbegegnung nur ein Lächeln im übertragenen Sinne bleiben. Habe trotzdem keine Angst vor unterstellter Hilfeleistungen und ungerechter Strafverhandlungen! Ich werde mich zu beherrschen wissen. Wir sehen uns dann im Jenseits…


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Ich wunsche dir viel