Ägypten: Stimmen bewegen eine Welt

Ägypten: Stimmen bewegen eine Welt

Tunesien hat am 14.Januar ein Stück Geschichte geschrieben. Doch spielt das kleinste Land Nordafrikas in dieser Geschichte nicht die Hauptrolle. Vielmehr war es der Zündschlüssel für eine Wende – der Startschuss für ein Umdenken in der gesamten Welt. Getragen wird dieses Stück Geschichte momentan jedoch vom ägyptischen Volk. Es ist insbesondere Ägypten, das aufgrund seines hohen Bevölkerungsanteils in der arabischen Welt, aber vor allem auch seiner geopolitisch (Nahost-Konflikt mit Grenze zu Gaza) und wirtschaftlich strategischen Lage (z.B. Suez-Kanal) einen entscheidenden Höhepunkt in dieser Geschichte trägt. Auch wenn die im vollen Gange anhaltende arabische Revolution durch Länder, wie Jordanien, Yemen und weiteren Ländern mitgetragen wird, so sieht man allein schon an der besonderen Medienaufmerksamkeit gegenüber Ägypten, dass hier ein entscheidender Schlüsselfaktor liegt.

Nicht nur die Machthaber in den anderen arabischen Ländern geraten nun in starke Bedrängnis. Mit Regierungsumbildungen, Preissenkungen der Grundnahrungsmittel, usw. versucht jeder Diktator sein eigenes Volk zu beschwichtigen. Doch auch Deutschland, USA, Frankreich, … alle geraten sie in Bedrängnis. Selten, wenn überhaupt, standen insbesondere westliche Politiker so sehr mit dem Rücken zur Wand gerichtet und eingekesselt da. Es ist die schamlose Doppelmoral – menschliche Werte zu bewerben, was zweifelsohne auch einigen wirklich von Bedeutung und ernst gemeint ist, und gleichzeitig ökonomische Vorteile diesen schamlos zu bevorzugen. Dies erzeugt Unglaubwürdigkeit. Nicht nur das! Das zögernde und sehr zurückhaltende Verhalten der Regierungen fördert nur noch mehr Misstrauen. Dem Ruf nach Freiheit einer jungen Generation von Arabern wird nicht beigestimmt. Es müsste doch der Traum Europas sein, welches sich doch ständig Demokratien in der ganzen Welt herbeiwünscht, dass nun die jungen Menschen sogar selbst dafür auf die Strassen gehen. Das jetzige Verhalten der Regierenden spricht aber genau das aus, was viele sicher schon wussten: “Ich möchte es mir nicht verscherzen mit dieser Regierung.” Das denken sie wohl alle, Obama, Merkel, Sarkozy… Doch gleichzeitig ist es die Ungewissheit um den Ausgang dieser Aufstände. Stürzt das Volk den Unterdrücker, so können sich die Regierenden hier sicher sein: Das ägyptische Volk vergisst nicht, auf wessen Seite man in Regierungskreisen hierzulande stand.

“Im richtigen Moment auf der richtigen Seite sein”… Die Lage führt zu vorsichtigen Worten in der Rede Obamas. Ganz vom Thron will er Mubarak nicht schmeißen. Bleibt Mubarak nämlich und die Aufstände hören auf, dann hätte er sich alle Karten verspielt. Umgekehrt wird man ihm die Förderung von Diktaturen vorwerfen. Kein schöner Ausblick für einen Friedensnobelpreisträger. Doch was wäre, wenn der internationale Druck seitens der USA und EU auf Ägyptens Machthaber steigen würde? Auf ewig wird Mubarak sich nicht halten können, auch wenn seine Sicherheitskräfte, insbesondere auf Seiten der Polizei, alles Mögliche tun, um die Demonstranten zu verängstigen, indem sie sie brutalst zurichten. Ben Ali hatte es in der heißen Phase der Aufstände in Tunesien gerade mal anderthalb Wochen ausgehalten, bis er schließlich Hals über Kopf geflohen ist.

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Parallelen zur Strategie Tunesiens verblüffend.

Nicht nur das ägyptische Volk scheint sich einiges vom tunesischen Volk abgeguckt zu haben. Auch Mubaraks Vorgehen ist verblüffend ähnlich, fast schon identisch, zu dem von Ben Ali. Zugeständnisse fallen, Köpfe in der Regierung müssen für das Wohl und den Erhalt des Diktators rollen, Versprechungen der Besserung und der Verzicht auf eigene Neuwahlen. Zudem kommt noch hinzu, dass “Sicherheitskräfte” in Zivil auf die Demonstranten einschlagen, um zum Einen einzuschüchtern und zum Anderen nach außen das Bild abzugeben, dass Radikale die Macht in den Aufständen an sich gerissen hätten. Aus Gefängnissen sollen Sträflinge entlassen worden sein, um zu plündern und für Unruhen zu sorgen. Bürgerwehren bilden sich, indem junge Männer und teils auch Frauen sich zusammenschließen und ihre Viertel vor Plünderern bewahren. Es ist so, als hätten Ben Ali und Mubarak den gleichen Lehrer, und das Volk solidarisiert sich.

Es ist schon lange kein rein arabischer Aufstand mehr. Nicht nur Tunesier, Jordanier, Jemeniten und alle anderen Araber solidarisieren sich mit dem ägyptischen Volk und geben dem öffentlich kund. Es gibt überraschend viel positive Zustimmung in der gesamten Welt und den Wunsch für diese Menschen, dass diese sich von ihrer Unterdrückung befreien (siehe z.B. Aktion bei Avaaz). Tunesien hat die Welt überrascht. Dass die europäischen Regierungen und die USA, doch insbesondere Frankreich im tunesischen Fall, nicht rechtzeitig auf die Seite des Volkes gewechselt haben, mag dumm gewesen sein, doch hat dies wenig Bedeutung. Tunesien spielt weltpolitisch eben keine bedeutende Rolle. Das Gleiche sollte jedoch nicht mit Ägypten passieren.

Dies sollte ein klares Zeichen an die Regierenden sein. Die Welt hat entschieden! Jimi Hendrix sagte: “When the power of love overcomes the love of power, the world will know peace.”

Egypt, Masr… Nahna m3akoum! We support you!