„Die Anonymität aufbrechen“ — Dr. Philipp Götting über “WirNachbarn.com”

WirNachbarn - Philipp Götting

Philipp Götting ist einer der drei Gründer von WirNachbarn. Seit Oktober 2014 ist das Online-Netzwerk für Nachbarschaften in Deutschland verfügbar. Die Entwicklungs-Schwerpunkte des Startups liegen aktuell in Berlin und Köln.

Wie wirkt sich eine Mitgliedschaft bei WirNachbarn auf mein Leben aus?

WirNachbarn ermöglicht es dir, auf eine sehr einfache, schnelle und moderne Art mit Alltagsfragen oder auch Problemen auf deine Nachbarn zuzugehen. Die sehen, wo du Unterstützung brauchst und wenn sie helfen können und Zeit haben, dann melden sie sich. Du hast Zugang zu Leuten, die du in der Regel vorher gar nicht kennst. Wenn dir dann jemand hilft, trifft man sich persönlich. Wenn man sich sympathisch ist, entstehen vielleicht auch Freundschaften.

Vor kurzem zum Beispiel suchte ein Nachbar jemanden, der ihm bei der Sanierung seines Gartenhauses hilft. Im Gegenzug darf derjenige das Gartenhaus kostenlos nutzen. Solche Beispiele nachbarschaftlicher Zusammenarbeit sind es, die mir Freude bereiten und die jeden einzelnen bereichern.

Auf eurer Webseite sprecht Ihr das urbane Kernproblem Anonymisierung an. Wie wirkt ihr dem entgegen?

Wir sehen uns als Plattform, die von Nachbarn genutzt werden kann, um sich gegenseitig auszutauschen. Ein Nebeneffekt ist, dass wir den Anonymisierungszustand aufbrechen, weil Leute sich auf niedrigschwellige Art austauschen und unterstützen können.

Wenn man ab und zu miteinander spricht, werden automatisch Informationen miteinander geteilt, z.B. welcher ist der beste HNO-Arzt in der Gegend? Oder vielleicht sprechen Nachbarn sogar über Missstände im Kiez. Die Themen reichen vom total Profanen bis hin zu größeren Initiativen für Verbesserungen in der Nachbarschaft.

Wie weit verbreitet ist diese Vereinsamung?

Es ist ein Problem westlicher Gesellschaft und macht nicht vor Kontinenten halt. Im westlichen Lebensstil gibt es keine Großfamilienstrukturen mehr wie das bei unseren Großeltern der Fall war. Familien werden kleiner, Trennung, Neuzusammenkünfte, Brüche in der sozialen Struktur sind Alltag. Klassische Sozialgemeinschaft herstellende, bindende Institutionen haben enorm an Bedeutung verloren.

Arbeitervereine im Wedding oder die Kirchengemeinde zum Beispiel – all das, was früher ganze Viertel zusammen brachte, das gibt es in den verschiedensten Milieus einfach kaum noch. Auch unser Arbeitsalltag hat sich rasant verändert. Arbeitszeiten sind verschoben, die Belastung ist eine andere. Das sind einige Faktoren, die dazu führen, dass wir weniger Zeit mit anderen Menschen verbringen.

Wenn ich mit anderen via Facebook vernetzt bin, weshalb sollte ich mir zusätzlich einen Account bei WirNachbarn anlegen?  

Du hast in deinem Leben drei Sozialräume, in denen du dich bewegst: Dein berufliches Umfeld, da gibt es Kontakte zu Arbeitskollegen, Geschäftspartnern, etc. Im zweiten Raum sind Familie und Freunde, wo es ganz viel um persönlichen Lebensstil geht, die Art und Weise, wie und mit wem zusammen man sein Leben gestaltet. Der dritte soziale Raum ist die unmittelbare örtliche Umgebung,  die Nachbarschaft, also dein Wohnumfeld.

Dieses Wohnumfeld wird nun mal maßgeblich durch die Leute bestimmt, die darin wohnen. Um hier einfach und auch effizient in Kontakt zu treten, nutzt du WirNachbarn.

Bei Facebook oder LinkedIn hast du bereits deine beruflichen Kontakte oder Freunde. Aber wenn es darum geht, dass du mal schnell einen Akkubohrer brauchst, eine Empfehlung für einen Schneider in der Nähe oder gar ein Straßenfest organisieren möchtest, macht es nur wenig Sinn, diese Anfrage an Leute zu richten, die nicht in deiner Nähe wohnen. Wir aber geben den Leuten ein Instrument in die Hand, mit dem Nachbarn sich leicht gegenseitig unterstützen können.

In einem Artikel schreibt Ihr über die Vorteile eines nachbarschaftlichen Netzwerkes in Bezug auf die Generationen. Würde dieses Aufeinander-Zugehen auch das Leben im Alter erträglicher machen?

Ich glaube, dass es allgemein bereichert, mit anderen Menschen und Generationen in Kontakt zu sein. Klar, man muss sich erstmal sympathisch finden und mögen, um eine Beziehung aufzubauen. Die Jüngeren können von der Erfahrung der Älteren profitieren, und die Älteren vom Tatendrang und in heutigen Zeiten sicherlich auch der Technologiekenntnis der Jungen.

Allein dadurch, dass man mit sympathischen Menschen in Kontakt ist, fühlt man sich schon besser. Gerade ältere Leute dürfte der Kontakt mit Jüngeren jung halten. Es gibt übrigens auch junge Menschen, die vereinsamen. Was die Pflege angeht, kann ich mir schon vorstellen, dass Nachbarn sich zumindest absprechen, dass man sich um ältere Menschen kümmert, die Einkäufe macht, dass man sich im Alltagsleben unterstützt, mal jemand nach dem Rechten schaut. Das gilt sowohl für die ältere Dame als auch für den jungen Studenten, wenn man sich kennt.

Besteht die Gefahr von Anschwärzungen unter Nachbarn?

Wenn ich menschliche Beziehungen eingehe, dann teile ich schöne Dinge, ich verbringe schöne Momente. Gleichzeitig bin ich aber auch immer Kritik ausgesetzt, ich bekomme Rückmeldung über mein Verhalten, sofern eine Beziehung nicht völlig asymmetrisch ist. Das ist unheimlich positiv, da wir Dinge reflektieren und ändern können. Bei WirNachbarn gibt es nur echte Nachbarn mit echtem Namen. Das ist uns wichtig. Das überprüfen wir. Bisher haben wir auch deshalb beobachtet, dass alle Kommentare sachlich und konstruktiv sind.

Wie überprüft ihr die Echtheit eurer Mitglieder?

Wir haben drei Überprüfungsmethoden: Postkarte mit Code, Ausweise bzw. Dokumente zum Hochladen oder wir rufen die Personen an und stellen zwei, drei Sicherheitsfragen. Manche Leute haben wir mit diesen Verfahren vielleicht abgeschreckt. Doch die Kontakt– und Interaktionsqualität ist sehr, sehr hoch durch diesen Überprüfungsprozess – und dadurch entsteht Vertrauen untereinander.

Wie viel kostet eine Mitgliedschaft?

Die Nutzung ist völlig kostenlos und wird auch kostenlos bleiben. Wir werden sicherlich irgendwann ein Venture Capital-Unternehmen als Investor hineinbekommen. Mittelfristig ist schon geplant, für Werbung mit lokalen Anbietern zusammenzuarbeiten. Werbung erhält somit auch einen inhaltlichen Mehrwert für die Nachbarschaften.

Wie läuft das Projekt bisher?

Seit Mitte März sehen wir, dass es richtig funktioniert – dass Nachbarn sich gegenseitig unterstützen, sei es mit Empfehlungen oder mit Rat und Tat. Das Nachbarschaftsprinzip funktioniert, immer mehr Leute nutzen es, das ist natürlich eine wichtige Entwicklung. Vor allem in den Kiezen in Berlin haben sich viele Nachbarschaften herausgebildet, aber auch in anderen Städten wie z.B. in Köln können wir ein dynamisches Wachstum beobachten.

Programmhinweis: Kürzlich wurde über WirNachbarn in der Bild am Sonntag und im WDR berichtet.

Bildquelle: Dr. Philipp Götting


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