Der vermeintliche Gottesstaat, der zum Polizeistaat wurde

Der vermeintliche Gottesstaat, der zum Polizeistaat wurde

27.12.2009Artikel zu Iran Hintergrund erstellt von Helmut N. Gabel

Im Iran herrschen die Revolutionsgarden. Mit aller Macht wollen sie ihre Pfründe vor den auf den Straßen Protestierenden retten.

Der vermeintliche Gottesstaat, der zum Polizeistaat wurde

Nour Ali Tabandeh, Oberhaupt des Nematollah Gonabadi Ordens im Iran

Es sind so viele verschiedene Gruppen, die auf den Straßen des Landes ihre Unzufriedenheit zum Ausdruck bringen. Es sind so viele Anlässe, die zum Protestieren einladen. Ob Wahlen, Nationalfeiertage, Studententage oder Trauertage, keine Chance lassen sich die Bürger Irans entgehen, um dem Regime entgegenzutreten. Noch vor einem Jahr hätte sich niemand einen solchen Sturmlauf der Unzufriedenen auf Irans Straßen vorstellen können. Das Regime hatte alle Einschüchterungsvarianten eingesetzt, um die Bürger zu zähmen. Am stärksten sollten die vielen vollstreckten Todesurteile wirken. Zuletzt kamen noch die strengen Kleidungskontrollen und andere Kleinkariertheiten hinzu. Angst sollte die Bürger lähmen und sie brav alle Vorgaben des Staates erfüllen lassen. Doch Probleme über Probleme weiteten sich aus. Von den versprochenen Öleinnahmen landete wenig auf dem Tisch der Armen, Drogenmissbrauch nahm weiter zu, junge Absolventen blieben arbeitslos, wenn sie nicht gerade dem Staat die Treue schwuren, Minderheiten wurden drangsaliert, religiöse Vielfalt eingeschränkt. Mehr und mehr versuchte das Regime alle Lebensbereiche unter seine Kontrolle zu bekommen und eine Art Einheitsideologie durchzusetzen, die sehr enge, buchstabengetreue Auslegungen eines schiitischen Islams als Rahmen vorgab. 

Was seine Grenzen überschreitet, zerstört sich selbst
Der verstorbene Ayatollah Montazeri, einer der eindringlichsten Kritiker des Regimes, dessen Ideologie er einst mit entwerfen half, sagte einmal: „Alles hat eine Grenze und was seine Grenze überschreitet zerstört sich selbst.“ Montazeri trat zuletzt für die Trennung von Staat und Religion ein. Die Revolution, die er noch mitgetragen hatte, hatte sich ganz anders entwickelt als er es sich gewünscht hatte. Statt nach weisem und menschenfreundlichem Ansinnen, entwickelte die Revolution einen Moloch, der sich als Polizeistaat entpuppt. Die Menschen im Iran haben das jahrelang mitgetragen, jetzt wird es ihnen unerträglich. So haben die Bürger nach den Präsidentschaftswahlen im Iran begonnen sich selbst von der Angst zu befreien. Neben vielen anderen Rufen in den Straßen, war auch dieser Ruf zu hören: „Habt keine Angst, wir sind beieinander.“ Kommandeure der Revolutionsgarden und der Anti-Aufruhr-Polizei verschärfen nach jedem Protestzug den Ton und die Warnungen und versprechen ein hartes Vorgehen. Wie weit werden beide Seiten gehen? Am Sonntag, 27.12. ist ein hoher Trauertag im Iran. Alle Gruppierungen, die sich in Opposition zu der Regierung Ahmadinedschad sehen, haben zu weiteren Protesten aufgerufen.

Eine vom Westen gesteuerte Revolution?
Kommentatoren in aller Welt streiten sich darüber, ob nun der Westen die Proteste steuert und die „Feinde des Islam“ die Unruhen fördern oder ob es eine ureigene Erhebung der Bürger Irans ist. Es liegt in der Natur der Sache, dass in diesem politisch interessanten Kessel verschiedene Interessen und Einflüsse brodeln. Mit Recht haben viele Iraner Sorge, der Westen würde ihnen wieder die Revolution stehlen und ihnen eine Führung vor die Nase setzen, die sie nicht wollen. Der Westen, allen voran die USA, haben schon zu Zeiten von Condoleeza Rice als Außenministerin eine sanfte Revolution im Iran vor Augen gehabt, da täuscht sich das Regime sicher nicht. Keine Frage, westliche Mächte unterstützen sicherlich auch aktuell Teile der Protestbewegung. Das fängt mit finanziellen Zuwendungen an und reicht bis zur sympathisierenden Berichterstattung. Aber davon allein lässt sich der große Sturmlauf so vieler unterschiedlicher Gruppierungen, die die westliche Presse der Einfachheit halber die „Opposition“ nennt, nicht erklären und das hat sich das Regime selbst zuzuschreiben.

Die zum Strafregister deformierte Religion
In Ahmadinedschads Iran, der sich mehr und mehr zu einem Polizeistaat entwickelt, wird Religion zu einem Strafregister verändert und gegen alle Gegner erbarmungslos eingesetzt. Meinungen, die sich von den fundamentalistischen und intoleranten Interpretationen des Regimes unterscheiden, werden als Verstoß gegen den Islam abgestempelt. Gruppierungen, die für Freiheit und Toleranz einstehen, werden in den öffentlichen Medien und auf Webseiten des Staates verhöhnt und verspottet. Das Beispiel, das wir bringen, stammt von der Webseite Kherghe (Flickenmantel). Es werden hier besonders der Großmeister des Nematollah Sufi Ordens, Nour Ali Tabandeh, sowie sein Stellvertreter im Ausland, Dr. Seyed Mostafa Azmayesh, angegangen. Tabandeh ist über 80 und war früher Richter. Über Jahrzehnte hat er sich für die Rechte von Gefangenen eingesetzt, was ihm sowohl unter dem Schah als auch unter der Regierung nach der Revolution Gefängnisaufenthalte beschert hat. Der Kherghe-Artikel greift mit Unterstellungen und sarkastischen Äußerungen die Leiter des Ordens an.
„Wenn der Schnurrbart nicht stört, warum stört der Umhang eines Mullahs?
Nour Ali Tabandeh, das Oberhaupt des Nematollah Sufi Ordens, der für seine anti-revolutionären Ansichten bekannt ist, schrieb eine Botschaft zum Tod von Ayatollah Montazeri, um dessen Ableben für seine eigenen Absichten zu gebrauchen.
Nour Ali Tabandehs liberale Sichtweise kam darin deutlich heraus und zeigt uns, dass er nichts anders ist als ein Mitglied der nationalen Freiheitsbewegung, der in einem Sufimantel steckt und sich dadurch als ein Feind der Revolution erweist.
In seiner Trauerbotschaft betont er, dass besondere Kleidung oder Aufmerksamkeit heischendes Verhalten Hindernisse für eine spirituelle Entwicklung seien. Was auf jeden Fall merkwürdig anmutet, ist, dass dieser Sufi Großmeister besondere Kleidung oder Aufmerksamkeit heischendes Verhalten als Hindernis für eine spirituelle Entwicklung betrachtet, aber einen langen Schnurrbart zu tragen nicht als Aufmerksamkeit heischendes Verhalten betrachtet, das gleichfalls ein Hindernis in der spirituellen Entwicklung ist.
Noch merkwürdiger sind die Aussagen von Seyed Mostafa Azmayesh, der auch diesem Orden angehört und zugleich ein französischer Spion ist. Sehr seltsam, dass jemand wie Azmayesh Trauerbotschaften zum Tod von Ayatollah Montazeri schickt, obwohl er doch der größte Feind schiitischer Orthodoxie ist und seine Frau nicht einmal einen Schleier trägt und damit gegen religiöses Gebot verstößt. Er selbst tritt auch noch inmitten einer Musikgruppe aus lauter Frauen auf, die Simorg Sufi Ensemble heißt und spirituelle Musik macht.
Was bei all dem wichtig scheint, ist, dass jemand der ein Feind der Revolution ist, keine Gelegenheit auslässt, um sein Missfallen über die Politik des Landes auszudrücken, wenn sich ihnen aber jemand in den Weg stellt und sie wegen ihrer politischen Äußerungen zur Rede stellt, behaupten sie einfach Sufis seien unpolitisch und nur an spiritueller Entwicklung interessiert.“

Der Wille Gottes und das Leben in der Welt 
In der Regel haben sich Sufis auch tatsächlich nur mit sich selbst und der Suche nach Gott beschäftigt. Vieles was ihnen im Iran über Jahrhunderte immer wieder von Seiten orthodoxer Kräfte widerfuhr, haben sie geduldig ertragen mit dem Hinweis, es sei wohl Gottes Wille. 
Nachdem Ahmadinedschad in seiner ersten Amtszeit mit den schleichend eingefädelten Säuberungen begann, waren auch die Sufis betroffen. Sie waren zu tolerant und großherzig. Das brachte ihnen ähnlich wie den Bahais den Vorwurf Spione des Auslands zu sein und westliche Werte zu vertreten. Toleranz gilt zum Beispiel als westlicher Wert, der die islamische Weltrevolution gefährdet. Nachdem einige Versammlungshäuser der Nematollah Sufis im Iran von aufgehetzten Bassidschi zerstört wurden und vielen Sufis Gewalt angetan wurde – auspeitschen, schlagen, enteignen, aus der Arbeit entlassen – nahmen die Sufis das nicht wie gewohnt einfach nur hin, sondern wehrten sich dieses mal. Seither versucht Dr.Azmayesh aus seinem Exil in Frankreich – deshalb die Unterstellung französischer Spion zu sein – die Ideologie des Regimes auseinander zu nehmen, da er ein ausgewiesener Koranexperte und Religionswissenschaftler ist. Er zeigt zum einen die Unvereinbarkeit der Staatsideologie und der Aktionen der Regierung im Iran mit dem Islam auf und zum anderen gewinnt er zunehmend die Aufmerksamkeit der Presse und der Politik im Westen für das Schicksal der Sufis im Iran. Seit es Azmayesh im Februar 2009 gelang 60.000 Derwische auf die Straßen Teherans zu bringen, die auf das Parlament marschierten, um gegen die Zerstörungen ihrer Khanegâhs zu protestieren, nimmt ihn das Regime Ernst, denn es war ein gänzlich unerwarteter Protestzug, der viel dazu beigetragen hat, dass die Bürger sich nach den Wahlen zu protestieren getrauten. Damit hat sich Azmayesh den Ruf eingehandelt der größte Gegner schiitischer Orthodoxie zu sein.

Die Proteste an Ashura, dem Trauertag zu Ehren von Muhammads Enkel Hossein, könnten sehr blutig ausfallen. Auch Hossein hatte sich gegen eine gewalttätige Übermacht eines Kalifen mit Namen Yazid I. aufgelehnt und musste sich im Jahr 680 mit 72 Gefährten niedermetzeln lassen. Das wird wohl noch nicht zum Ende des Regimes im Iran führen, aber jeder offene Protest wird die Position von Ali Khamenei, der stets die Einigkeit im Land betont, zunächst schwächen. Die entscheidendere Frage wird sein, was ist die Alternative dieses strategisch wichtige Land zu führen. Wer wird seine Finger gewichtig in das Ringen um die Macht einbringen können? Kann es einen sanften Übergang geben? Vermutlich werden wir in einem halben Jahr zu diesen Fragen mehr wissen. Der Zivilgesellschaft Irans bleibt zu wünschen, dass sie in Fragen der Zukunft Irans möglichst viel mitgestalten kann. Die Lebensdauer eines Polizeistaates ist begrenzt, er erstickt das Leben selbst.

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