Der Läufer

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Er war ein Läufer. Wenn er nicht arbeitete oder schlief, dann lief er. Er lief morgens vor der Arbeit und abends vor dem Einschlafen. Fünf Kilometer waren ein Spaziergang, erst bei zwanzig kam er so richtig in die Gänge. Dann erlebte er sein Runner‘s High. Dann, wenn sein Körper mit Endorphinen überschwemmt wurde, durchströmte ihn ein Glücksgefühl, nur mit einem Orgasmus vergleichbar. Dann, wenn er seinem Körper das Letzte abverlangte und die von seinem Körper erzeugten Drogen durch die Blutbahnen fluteten, dann lief er nicht mehr, dann trug ihn die Euphorie davon – immer weiter, bis die Erschöpfung eine Grenze setzte.

Das Endorphin-System des Körpers, eigentlich nur für den Notfall gedacht, brachte ihm immer wieder den heiss ersehnten Kick. Er war süchtig danach. Laufen war seine Droge. Aber er war ein intelligenter Mensch und zur Selbstreflexion fähig und wusste daher um diese Zusammenhänge.

Doch was er nicht wusste war, dass er nicht nur seiner Droge entgegenlief, sondern gleichzeitig auch seinen Problemen davonlief. Den Problemen im Geschäft, den Problemen mit seiner frigiden Ehefrau, den Problemen mit sich selbst. Im Grunde lief er von seinem Leben davon.

Aber eines Tages, es war ein wunderbarer Frühlingsmorgen, konnte er nicht mehr. Bereits nach einem Kilometer war Schluss. Sein Körper verweigerte die Leistung. Seine Probleme waren für ihn zuviel geworden. Zuviel Balast, den er nicht mehr abzuschütteln vermochte. Keuchend sass er auf einer Bank, der ersten auf seiner Rennstrecke am Fluss entlang. Seine Gedanken purzelten wild durcheinander und begannen dann, sich im Kreis zu jagen. Was war mit ihm geschehen? War er krank?

„Sie haben einen Burn-Out“, sagte der Arzt, den er aufsuchte. „Sie sollten kürzer treten.“

„Ich will nicht kürzer treten, ich will wieder laufen können“, entgegnete er.

„Das werden Sie. Doch zuerst müssen Sie ihre Probleme angehen. Ich werde Sie für zwei Wochen krankschreiben. Nützen Sie diese Zeit um sich zu erholen.“

„Laufen ist meine Erholung, beim Herumsitzen werde ich krank.“

Der Arzt schaute ihn über den Brillenrand hinweg an. Er kannte diesen Typus. In letzter Zeit bekam er diese Sorte Patienten immer öfter zu Gesicht.

„Man wird krank, wenn der Körper der Seele davonläuft“, sagte er orakelhaft.

„Wie meinen Sie das?“

„Sie laufen von sich selbst davon. Stellen Sie sich! Begegnen Sie Ihrem Selbst. Dann werden Sie wieder laufen können. Aber vielleicht wird es dann nicht mehr so wichtig für Sie sein.

Der Traumperlentaucher

Bild: Lappland, Wälder, Seen, unendliche Weiten, Stille und Einsamkeit. Ein Traum.



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An dieser Inszenierung ist nichts, aber auch schon gar nichts alt