Der Alltag und der Kriegsausbruch

Kurz nach dem Aufstehen fragte mich mein Kind, ob es denn jetzt einen Dritten Weltkrieg gäbe.    »Wer sagt denn sowas?«, fragte ich es.    »Sagen alle. Überall. Bei Facebook und in der Schule und im Fernsehen.«    »Ich glaube nicht. Mach dir keine Sorgen«, beruhigte ich sie fast ein wenig so wie jene Mutter, die in Camerons »Titanic« ihren Kindern ein Märchen vorlas, als der Kahn schon so gut wie abgesoffen war.    »Es ist kompliziert. Aber einen Weltkrieg wird es nicht geben.«    »Ich finde das schlimm, wenn Leute Streit haben und dann alle reingezogen werden«, sagte es naiv.    Ach Kind, wie recht du hast, dachte ich mir. Gerade an so Dingen wie Krieg sieht man, wie weitsichtig Kinder und Narren wirklich sind.    »Jetzt mach dich fertig, du musst zur Schule und ich zur Arbeit.«
Der Alltag und der KriegsausbruchIch zog mich an, schnürte mir die Schuhe, stieg ins Auto und düste zum Job. Schwitzte. Ärgerte mich wie üblich über allerlei. Kam mal wieder zur Einsicht, dass es schwer verdientes Geld ist. Saß meine Stunden ab, fuhr heim und landete nach einem Schiss vor dem Rechner, flößte der Tastatur einen Text zum Wahl-O-Mat ein, wilderte danach in meiner geheimen Schublade mit vor mir bis dato veröffentlichen Manuskripten und feilte ein wenig an einem solchen. Vielleicht wird ja doch nochmal was daraus. Mal wieder ein Buch wäre nicht übel. Letztendlich landete ich im Grafikprogramm, um mir ein Bild für den Wahl-O-Mat-Text zu gestalten. Der übliche Trott halt. Tretmühle. Strukturen.

Dazwischen räumte ich die Spülmaschine ein, mischte mir einen Fleischteig für Frikadellen, erledigte zwei Telefonate und stellte fest, dass die Kaffeemaschine entkalkt gehört. Ich schrieb einen Einkaufszettel und wusch Wäsche. Zum Bettwäsche wechseln hatte ich keine Laune. Dann bearbeitete ich eine Antwortmail an einen Fan und ignorierte die Post eines Spinners und schickte meinen Text für den »Heppenheimer Hiob« an die Redaktion. Dann formte ich die Frikadellen und mehlierte sie.
Ich küsste meine Frau als sie heimkam. Machte mir eine Tasse Kaffee. Ob das Entkalken hilft, damit er weniger beschissen schmeckt? Danach Alltag im Hausstand: Besorgst du die Einkäufe am Freitag? Ist der Staubsauger noch immer in der Werkstatt? Wieso wollen diese Arschlöcher die Garantieleistung nicht erfüllen? Gucken wir heute mal wieder eine Folge »Breaking Bad«?
Beim Essen erzählten wir uns den Tag. Mein Kind erzählte von dummen Zicken und blöden Kerlen in der Schule. Im Radio dudelte was von der Ukraine. Keiner hörte richtig hin. Die Lage eskaliere, sagte eine Stimme. Aber mein Kind ist lieber sauer, weil ich es für heute nicht mehr ins Internet lasse. Und ich bin sauer, dass wir es jeden Tag neu ausdiskutieren müssen. Ich frage meine Frau, was die da über die Ukraine gesagt haben. Sie antwortet: »Es gibt wohl Krieg. Machst du die Spülmaschine an?«
Fünf Minuten Zigarette auf dem Laubengang. Die Busse fahren in der Ferne vorbei. Der ewig gleiche Trott der Busfahrer. Der Pizzabote fuhr vor, klingelte bei einem Nachbarn. Ein Paketzusteller fährt viel zu schnell. Der Hausmeister stutzt die Hecke. Der Kerl von Gegenüber guckt schon wieder einen Porno. Ich sah wippende Schenkel und hautfarbene Bereiche auf der Mattscheibe. Dessen Nachbar sitzt auf seinem Balkon und popelt. Ich lasse einen ziehen. Alles ist wie immer.
Ich ging nochmal schnell aufs Klo. »Como come el mulo, caga el culo«, hat mein Vater immer gesagt. Wie der Esel frisst, so kackt er. Mir fiel auf dem Pott ein, dass ich bald mal wieder nach Ingolstadt will. In Gedanken auf die Couch. Noch ein wenig Sudoku ausfüllen. Dann »Breaking Bad«. Im Bett las ich noch etwas. Zwei Bücher parallel, wie ich es seit Jahren tue. Nach vielen Jahren mal wieder »Der Pate« und eine Geschichte des Kommunismus. Ich schlafe ohne Probleme ein. Irgendwo wird gestöhnt - es stört nicht. Ich schlafe durch.
Und ich habe mich immer gewundert, wie Menschen im Angesicht sich ankündigender Weltenbrände einfach so weitermachten wie bisher. Ich stellte mir vor, dass man die Besonderheit der Situation hätte erkennen müssen. Aber keiner kommt aus seiner Tretmühle. Nicht mal, wenn Krieg droht.
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