Den Spießer umdrehen

Das Interessante an Spießern ist, dass, egal welche Definition man anwendet, man selber niemals dazu gehört. Generell scheinen Spießer zum Beispiel immer älter zu sein als man selbst. Ab einem gewissen Alter jedoch wird der Raum nach oben eng und man fängt an, von den „jungen Spießern“ zu reden und wie revolutionär und vor allem unspießig man in deren Alter doch war. „Die Jugend von heute“ – reloaded.

Abgesehen davon, dass der Spießer immer der Andere ist scheint es aber kaum eine einhellige Meinung darüber zu geben, was nun genau spießig ist. Sicher, es gibt Symbole für Spießigkeit: der Jägerzaun, Gelsenkirchener Barock, Stammtische, die Kehrwoche. Aber wenn ich diese Liste ansehe, spricht daraus eigentlich nur, was ich spießig finde. Und was man heute so eigentlich auch gar nicht antrifft.

Vielleicht hilft es, wenn man zurück zu den Ursprüngen geht. Der Spießer war zu Beginn der Neuzeit ein Bürger, der zur Verteidigung seiner Stadt in Regimenter gesteckt wurde, die ihre eigenen Spieße (oder Piken) zu stellen hatten. Die Bürger sahen ihrerseits auf die Habenichtse herab, die vor der Stadt wohnten und noch nicht mal einen Spieß besaßen. Die Spießer oder Pikeniere wurden gegen die anreitende Kavallerie eingesetzt, die meistens aus Adeligen, aber immer wohlhabenden Kombattanden bestanden. Neben den Spießern und der Kavallerie gab es noch die Spezialisten Musketiere und Artillerie, gut bezahlte Berufssoldaten. Die Spießer waren also „der kleine Mann“. Und weil die Spießreihen nur funktionierten, wenn man dem Gegner eine entschlossene Front bot, durfte niemand aus der Reihe tanzen.

Historisch sind die Spießer also Bürger, die gegen die Oberschicht eingesetzt wurden (es kam eher selten vor, dass Pikeniere gegen andere Pikeniere kämpften) und auf die Armen herabsahen. Dabei war es für sie wichtig, dass alle in Reih und Glied blieben. Militärdienst garantiert Bürgerrecht!

Spießertum ist eng mit Bürgertum verknüpft. Die Idylle der Spießer: das eigene Haus, Auto, der bescheidene Wohlstand, 1,7 Kinder und der Urlaub, zwei Mal im Jahr, an wohlbekannten Orten. Der Traum der Mittelschicht.

Spießer, so könnte man es vielleicht sagen, sind Bürger, die außer Kontrolle sind. Die bürgerlichen Ideale wie Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit werden von den Spießern zu sozialer Kontrolle, Konformismus und Opportunismus verdreht. Statt Humanität, Gerechtigkeit, Sittlichkeit wie sie die großen bürgerlichen Autoren der Aufklärung (z.B. Lessing oder Schiller) propagierten finden sich im Herzen der Spießer Heuchelei, Bigotterie und Prüderie. Statt Aufklärung Borniertheit.

Spätestens jetzt sollte klar sein, dass der Spießer, der dunkle Bruder des Bürgers, tatsächlich eine Karikatur ist. Wer auch immer ihn sich hat einfallen lassen wollte vielleicht zeigen, was passieren kann, wenn man die Bürger ermächtigt. Der Spießer, der Bourgois, der „Normalverbraucher“ steht zwischen den „gottgewollten Herrschern“ und „den unterdrückten Massen“. Er ist der Wächter des Status Quo. Seine Waffen sind üble Nachrede, das kleine bisschen Macht, das er von oben bekommt und welches er weidlich ausnutzt, geschürzte Lippen, abwertende Kommentare, Leserbriefe und ein unerschütterlicher Glaube, dass er im Recht ist. Wenn Spießer herrschen, kann man die Hölle auf Erden erleben.

Aber wie bei jeder Karikatur sind auch die Spießer nur verzerrte Bilder von tatsächlich existierenden Vorbildern. Als ich vor ein paar Jahren an der Uni arbeitete, kam eine Studentin auf mich zu, ob sie sich ein paar Kopiervorlagen mit nach Hause nehmen dürfe. Es war Freitag und die Kopierer waren bereits abgeschaltet. Meine Antwort war, dass sie sich das doch früher hätte überlegen können. Worauf die Sekretärin dem Mädchen die Unterlagen gab und laut zischte: „Skeltem. Ich wusste gar nicht, dass Sie so ein Spießer sind.“ Autsch. Und jede Woche aufs Neue verspüre ich den Drang, meinen Hausbewohnern scharfe Zettel zu schreiben und beim Müll aufzuhängen.

Spießigkeit ist nicht, ein Haus in der Vorstadt zu besitzen. Nicht mal mit Jägerzaun. Wenn man in Gelsenkirchener Barock sitzt, hat man vielleicht einen, äh, unmodernen Geschmack. Einem Dackelzüchterverein beizutreten bedeutet vielleicht nur, dass man einen Fetisch für Tiere mir krummen Beinen hat. Spießig wäre, das eigene Leben zum Maß aller Dinge zu machen. Abweichungen mit allen Mitteln zu bekämpfen und sich selbst nie in Frage zu stellen.

Das deutlichste Merkmal eines Spießers ist übrigens seine Humorlosigkeit.
 


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